11.05.2009 · Der Giro d'Italia wird hundert - und feiert zum Geburtstag den amerikanischen Radprofi wie einen Staatsgast. Ihm wird jeder Wunsch erfüllt. Der seit Samstag laufende Giro ist dennoch weiter ein Abklatsch der Tour de France - eine Art Silvio Berlusconi der Rad-Rundfahrten.
Von Michael EderIn diesem Jahr wird der Giro d'Italia hundert, ein weises Alter, möchte man meinen. Doch der Giro leidet auch mit hundert unter seiner traditionellen Rolle im internationalen Radsport: Er ist die ewige Nummer zwei, der allzeit kleine Bruder einer größeren, schöneren, berühmteren Rundfahrt: der Tour de France. Was im wirklichen Leben gelingen kann: den großen Bruder eines Tages zu überholen, besser zu werden als er, größer, schöner, das gilt für den Giro nicht. Das große Rad drehen Jahr für Jahr die Franzosen, dort werden Stars geboren, auf die Tour schaut die Welt, auf den Giro schaut nur Italien.
Das gefällt den Italienern nicht, und deshalb haben sie immer wieder versucht, sich wichtig zu machen, sich in den Vordergrund zu spielen. Es mussten die längsten Etappen sein, die härtesten Abfahrten, die brutalsten Anstiege. Doch auch die steilsten Rampen in den Dolomiten sind eben kein Mont Ventoux, kein Galibier, kein Alpe d'Huez. Diese französischen Klassiker kennt jeder Sportbegeisterte, die wichtigsten italienischen Zielankünfte hingegen kann kaum ein Radsportexperte fehlerfrei aufzählen.
Abklatsch der Tour
Schon die Entstehungsgeschichte der Italien-Rundfahrt ist ein Abklatsch jener der Tour de France, die bekanntlich von einer Sportzeitung zur Steigerung ihrer Auflage ins Leben gerufen wurde. In Italien war es das Mailänder Blatt „Gazzetta dello Sport“, das 1909 nach französischem Vorbild den ersten Giro veranstaltete, die Strecke führte über 2448 Kilometer quer durch Italien, Sieger und Gewinner von 5325 Lire war Luigi Ganna.
Die „Gazzetta“ veranstaltet das Rennen bis heute, und wie ihrem französischen Pendant „L'Equipe“ geht es ihr um Auflage, die journalistische Sorgfalt tritt da schon mal hinter Geschäftsinteressen zurück. Das führt dazu, dass auch die Doping-Problematik gern ausgeblendet wird, was beim Giro immer ausgeprägter geschah als bei der Tour, wobei „L'Equipe“ auf Druck ihrer Eigentümer nun immer mehr auf die „Gazzetta“-Linie einschwenkt: Augen zu und durch!
Jubiläumsstar Armstrong
Wie immer hin- und hergerissen zwischen Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn, sind die Giro-Macher in diesem Jahr wild entschlossen, diesen hundertsten Geburtstag als große Jubelarie zwischen Venedig und Rom zu gestalten. Schon immer kam alles, was Schlagzeilen und damit Aufmerksamkeit versprach, umstandslos ins Angebot, und diesmal kommt ein neuer, ein spektakulärer Gast gerade recht: Lance Armstrong.
Dieser Giro ist ein Kniefall vor dem Texaner. Der siebenmalige Gewinner der Tour de France setzt nach überwundenem Schlüsselbeinbruch seine Comebackreise quer durch die Kontinente mit seinem ersten Start bei der Italien-Rundfahrt fort, nachdem er in den vergangenen Jahren immer einen weiten Bogen um Italien gemacht hatte. Sein Terroir war immer Frankreich gewesen, auf die Tour de France bereitete er sich traditionell mit der Dauphiné Libéré vor, einer anspruchsvollen, kleineren Rundfahrt im Süden Frankreichs.
Empfang beim Außenminister
Der Amerikaner, von dem sechs positive Doping-Proben existieren, die aus juristischen Gründen jedoch nicht zu Sperren führten, ist in Italien wie ein Staatsgast empfangen worden. Zwischen zwei Besuchen in römischen Krebskliniken wurde Armstrong nach seiner Ankunft in Rom vom italienischen Außenminister Franco Frattini empfangen.
Armstrong wird in Italien jeder Wunsch von den Lippen abgelesen, er muss nichts fordern, alles erledigt sich wie von selbst. Selbst die Strecke haben die Giro-Bosse für ihn maßgeschneidert. Ursprünglich war ein 111,5 Kilometer langer Abstecher nach Frankreich geplant, der jedoch rund einen Monat vor dem Start gestrichen wurde. Die 10. Etappe sollte ursprünglich an den Giro 1949 erinnern, bei dem Fausto Coppi ein Meisterstück gelang. Auf der rund 250 Kilometer langen Etappe attackierte Coppi damals früh und überquerte im Alleingang die fünf Pässe Maddalena, Vars, Izoard, Montgenèvre und Sestriere, ehe er die Etappe mit zehn Minuten Vorsprung vor seinem ewigen Widersacher Gino Bartali und fast 20 Minuten vor den nächsten Fahrern gewann.
Armstrong bleibt gar der Abstecher nach Frankreich erspart
Die für 2009 geplanten 111,5 Kilometer durch Frankreich wurden mit Hinweis auf angebliche Verkehrsprobleme gestrichen, zu einer Zeit, als Armstrong gerade Ärger mit der französischen Anti-Doping-Behörde wegen einer von ihm verzögerten Doping-Kontrolle hatte. Vor diesem Hintergrund wollte man dem Amerikaner die Fahrt durch das Nachbarland ersparen. Die Verlegung der Etappe blieb nicht der einzige Kniefall vor Armstrong.
Der nächste folgte vor zwei Wochen, als der italienische Meister Filippo Simeoni, ein erklärter Widersacher Armstrongs, mitsamt seiner Mannschaft Ceramica Flaminia aus dem Rennen geworfen wurde. Stattdessen erhielt das spanische Skandal-Team Fuji-Servetto die letzte Wildcard für die Rundfahrt. Im Doping-Rechtsstreit um den verurteilten ehemaligen Armstrong-Arzt Michele Ferrari hatte Simeoni gegen Ferrari ausgesagt und ihn mit Dopingpraktiken in Verbindung gebracht. Seitdem kämpft Armstrong mit harten Bandagen gegen den Kollegen.
Eine Art Silvio Berlusconi der Rad-Rundfahrten
Das Fuji-Servetto-Team ist Nachfolger der Equipe Saunier Duval, die im vergangenen Jahr bei der Tour de France für die Dopingfälle Iban Mayo, Riccardo Ricco und Leonardo Piepoli gesorgt hatte. Zur diesjährigen Tour ist Fuji-Servetto nicht eingeladen. Beim Giro hingegen sind die Spanier herzlich willkommen, wie auch der von seinen Landsleuten hofierte Ivan Basso, der nach abgelaufener Dopingsperre wieder als einer der Favoriten für den Gesamtsieg gilt.
21 Etappen stehen auf dem Giro-Programm, sechs davon im Hochgebirge, rund 3400 Kilometer sind die Fahrer unterwegs. Es soll eine große Geburtstagsparty werden, dafür soll vor allem Armstrong sorgen. Aber was immer es wird, eines steht jetzt schon fest: Das Radsport-Highlight des Jahres folgt im Juli mit der Tour de France. Dem Giro bleibt weiterhin nur die Rolle des aufgemotzten Selbstdarstellers - eine Art Silvio Berlusconi der Rad-Rundfahrten.
Der "grosse" Bruder
J.A.H. A (JulianAy)
- 12.05.2009, 10:50 Uhr