27.09.2007 · Der Streit zwischen Paolo Bettini und Patrik Sinkewitz spitzt sich zu. Nachdem der Deutsche dem italienischen Radprofi in einer angeblich streng vertraulichen Anhörung Doping unterstellt haben soll, droht Bettini nun mit einer Klage. Auch das IOC hat sich schon eingeschaltet.
Rad-Weltmeister Paolo Bettini hat seinem des Dopings überführten Fahrerkollegen Patrik Sinkewitz wegen angeblicher Doping-Anschuldigungen mit der Einreichung einer Schadenersatzklage gedroht. Das ZDF hatte aus einem offensichtlich Sinkewitz zuzuschreibenden Protokoll zitiert, in dem Bettini belastet wird.
Nach Angaben des Sinkewitz-Anwaltes Michael Lehner hat sein im August von T-Mobile entlassener Mandant nur eine Erklärung zu seinem Doping-Fall abgegeben. Das geschah nach den Worten des Heidelberger Juristen am 2. August vor der inzwischen in dieser Zusammensetzung nicht mehr existierenden unabhängigen Doping-Kommission des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR). Nur daraus kann das dem ZDF vorliegende Protokoll stammen, in dem Sinkewitz den Italiener offensichtlich belastet, ihm das Dopingmittel „Testogel“ besorgt zu haben.
„Es hat keine Vernehmung gegeben“
Unterdessen wurde Bettini am Donnerstag in Stuttgart von einem Beamten des Bundeskriminalamts (BKA) besucht. Es habe eine Nachfrage bei Bettini gegeben, sagte der Sprecher der Staatsanwalt Bonn, Fred Apostel. Er betonte jedoch: „Es hat keine Vernehmung gegeben.“ Damit korrigierte Apostel die Angaben des Radsport-Weltverbandes UCI, nach denen Beamte der Stuttgarter Polizei Bettini verhört hätten.
Dies hatte zuvor UCI-Sprecher Enrico Carpani unter Berufung auf die italienische Mannschaftsführung mitgeteilt. Zugleich stellte Apostel klar, dass das italienische Mannschaftslager nicht untersucht worden sei. Die Stuttgarter Polizei betonte, in die Angelegenheit nicht involviert zu sein. „Wir sind nicht in die Ermittlungen des BKA eingebunden“, sagte ein Sprecher der Polizei Stuttgart.
Paolo Bettini: „Ich hoffe, du hast dafür Beweise“
Bettini drohte seinem Fahrerkollegen Sinkewitz nach einem Bericht der Zeitung „La Gazzetta dello Sport“ am Telefon mit einer Klage auf Schadenersatz, falls dieser die Dopingvorwürfe gegen ihn nicht dementieren sollte. „Ich hoffe, du hast Beweise für das, was du gesagt hast. Ansonsten ist das, was du T-Mobile schuldest, nichts dagegen“, zitiert die italiensche Sporttageszeitung den Weltmeister in ihrer Donnerstag-Ausgabe.
„Die informelle Anhörung vor der Kommission im August war streng vertraulich, und es existiert davon kein Protokoll. Aber man weiß ja nie, was beim BDR passiert“, sagte Lehner am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. Das ZDF hatte am Vortag aus einem Protokoll zitiert, ohne zu erklären, von wem die Aussage stammt. Es liegt aber nahe, dass es sich um ein Sinkewitz-Zitat handelt.
„Ansonsten musst du die Konsequenzen tragen“
Laut Lehner, der auch den geständigen Radprofi Jörg Jaksche vertritt, auf den inzwischen die Kronzeugen-Regelung der Welt-Anti- Doping-Agentur WADA angewendet wurde, wird Sinkewitz im Oktober vor der Staatsanwaltschaft Bonn und vor dem BDR aussagen. Sinkewitz hofft ebenfalls auf eine Kronzeugen-Regelung und damit auf die Verkürzung seiner zu erwartenden Sperre auf ein Jahr.
Bettini habe Sinkewitz am Mittwoch abend kurz vor dem Abflug zur WM nach Stuttgart vom Flughafen Venedig aus angerufen. Das Gespräch sei für die Umstehenden mitzuhören gewesen. Nachdem Sinkewitz die Doping-Anschuldigungen gegen ihn am Telefon bestritten habe, sagte Bettini nach Angaben der Zeitung: „Gib ein Dementi heraus, ansonsten musst du die Konsequenzen tragen.“
„Ich dachte eigentlich, du bist mein Freund“
Der Italiener schien persönlich tief enttäuscht von seinem ehemaligen Teamkollegen. „Ich dachte, du bist mein Freund. Aber wenn du das gesagt hast, bist du es nicht mehr.“ Sinkewitz und Bettini waren gemeinsam Team-Mitglieder der Profi- Mannschaften Mapei und Quick Step, bevor Sinkewitz 2005 zu T-Mobile wechselte. Die Bonner entließen Sinkewitz, nachdem während der Tour de France ein positiver Doping-Test bekannt geworden war.
Er hatte im Juni in der Tour-Vorbereitung das verbotene Testosteron-Präparat „Testogel“ benutzt. Sinkewitz feierte in seiner Karriere zwei große Siege: 2004 gewann er unter Bettini-Regie die Deutschland-Tour, wobei er auch Jan Ullrich schlug. Im Mai 2007 siegte er beim deutschen Klassiker „Rund um den Henninger Turm“ in Frankfurt.
IOC-Präsident Rogge entscheidet über Maßnahmen
Unterdessen hat sich auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) in den „Fall Paolo Bettini“ eingeschaltet. Er habe die vollständigen Unterlagen der Sinkewitz-Anhörung beim Vorsitzenden des Gremiums, dem Schweizer CAS-Richter Stephan Netzle, angefordert, sagte IOC-Vize Thomas Bach, Vorsitzender der Juristischen IOC-Kommission. Man werde die Sachlage sorgfältig prüfen, danach müsse IOC-Präsident Jacques Rogge entscheiden, ob der Fall einer Disziplinar-Kommission übertragen werde.
Das IOC könnte gegen Bettini nur Maßnahmen im Zusammenhang mit Olympischen Spielen ergreifen. Dies beträfe die Aberkennung der Goldmedaille von Athen, sollte ihm „Doping-Handel“ schon vor den letzten Sommerspielen nachgewiesen werden, oder die Sperre für Olympia 2008 in Peking, falls die Vergehen nach 2004 stattgefunden hätten. Bettini bestreitet jedoch jede Schuld. Nach eigenen Angaben habe Sinkewitz ihm gegenüber auch die angeblichen Vorwürfe dementiert.