26.02.2009 · Deutsch, jung, vertrauensvoll, transparent: Linus Gerdemann am Anfang eines harten Weges. Im schwer belasteten Schauspiel des Radsports muss er, der als ein Versprechen auf ein besseres Morgen gilt, eine glaubwürdige Heldenrolle spielen.
Von Rainer SeeleSüden, Küsten, Ferienorte, manchmal scheint sogar die Sonne: Das ist in diesen Tagen das Terrain für all jene, die im Sommer im Sattel auf der Höhe sein wollen. Sie halten sich auf Mallorca auf, in Andalusien, in Portugal oder auch in Kalifornien. Das Peloton ist wieder in Bewegung gekommen, nimmt Fahrt auf, und seine Mitglieder suchen nach ihrer Form und auch nach Format.
Es ist ein zähes Ringen in Zeiten des Zweifels, auch für solche, die als „frische Gesichter“ betrachtet werden, die einen Aufbruch zu verkörpern scheinen und ein siechendes Metier wiederbeleben sollen. Auch der taumelnde deutsche Radsport klammert sich an solche Männer, an einen Profi aus Münster vor allem, an Linus Gerdemann. Er fährt voraus, nicht nur mit dem Rad. Er geriert sich wie ein Botschafter seines Sports, er wirbt für ihn und auch für sich selbst. In seinem Windschatten sollen sich neue Horizonte eröffnen.
Keine optimale Vermarktungsplattform
Marc Kosicke spricht sehr wohlwollend über Gerdemann. Er nennt ihn, ganz Verkaufsstratege, ein Aushängeschild, einen Leader, eine Persönlichkeit. Kosicke kommt nicht aus dem Radsport, er kennt sich aber mit Public Relations aus, er betreibt die Firma „Projekt B“, bei der Oliver Bierhoff Gesellschafter ist. Zu ihren Klienten gehört der Dortmunder Fußballtrainer Jürgen Klopp, der in Fernsehspots am Steuer eines Autos japanischer Bauart zu sehen ist. Kosicke vertritt auch den Radrennfahrer Gerdemann, doch Gerdemann ist nicht so präsent wie Klopp, weil ein Radprofi nicht mehr das beste Ansehen genießt, gelinde gesagt.
Kosicke ist sich dessen bewusst, auch Gerdemann redet offen darüber, sie versuchen, sich mit dieser Situation zu arrangieren. Nicht, dass sie sich damit abfinden würden, aber sie können der Realität nicht entfliehen. In Deutschland, sagt Gerdemann, gebe es gerade keine optimale Vermarktungsplattform für seinesgleichen. Der Berufsstand steckt im Zwielicht, überall herrscht Skepsis, auch in der Wirtschaft, an Geld mangelt es ohnehin. Gerdemann konzentriert sich deswegen vorläufig auf Überzeugungsarbeit, nicht nur auf seinem Rennrad.
Er setzt auch auf die Macht der Worte; er ist eloquent genug, um das praktizieren zu können. Gerdemann sagt, dass er diskussionsfreudig auf die Leute zugehen wolle. Und der Mann, der die Deutschland-Tour 2008 gewann, betont dabei: „Ich habe gemerkt, dass ich sauber erfolgreich sein kann.“ Radeln und reden - das ist also vorläufig seine Methode, sich zu positionieren, gegen das allgemeine Misstrauen gegenüber dem Radsport vorzugehen, ein bisschen Licht zu schaffen zwischen all den Schatten.
Immer wieder neu entflammt
Das soll keine Masche sein, kein Konzept, das kühl an einem Schreibtisch in Oberbayern entworfen wurde. Es sei ein Stück von Gerdemann selbst, sagt sein Manager Kosicke, er verweist auf dessen „Gerechtigkeitsbewusstsein“ und den Wunsch, sich den Dingen zu stellen. Den Debatten über Doping beispielsweise, die in den zurückliegenden Jahren stark befeuert wurden durch eine Reihe von Skandalen, die immer wieder auch neu entflammen.
Durch den Fall Alejandro Valverde (siehe auch: Doping im Radsport: Valverde streitet Vorwürfe ab ) etwa, dessen Blutspur zu dem spanischen Arzt Eufemiano Fuentes von den italienischen Ermittlern nachgewiesen worden sein soll, wogegen nun aber die spanische Justiz gewissermaßen Einspruch erhebt; trotzdem soll Valverde, der alle Vorwürfe abstreitet, in Italien angeklagt werden. Auch die Vorkommnisse um den Nürtinger Profi Stefan Schumacher bei der Tour de France 2008 hallen nach: Schumacher erhielt gerade von der französischen Anti-Doping-Agentur eine zweijährige Sperre für Rennen in Frankreich (siehe auch: Radsport: Stefan Schumacher für Rennen in Frankreich gesperrt), weil er bei der Tour gedopt haben soll. Der Schwabe schreit Zeter und Mordio: Er fühlt sich zu Unrecht bestraft und will in die Berufung gehen.
Mit Galionsfiguren in die Zukunft stürzen
Natürlich: Der Radsport hat ein massives Doping-Problem. Seine Reputation hat erheblich gelitten. Was aus ihm werden wird, ist fraglich. Doch Gerdemann sagt: „Vieles ist im Radsport passiert.“ Das soll ein Hinweis auf eine Verbesserung der Lage sein, durch ein neues, verschärftes Kontrollsystem zum Beispiel. Und überhaupt: Man dürfe, sagt Gerdemann, nicht immer nur mit dem Finger auf den Radsport zeigen. Dieser Pauschalgedanke, sagt er, dass jeder Radprofi dope, der müsse aus den Köpfen der Menschen verschwinden. Er nimmt dabei selbstredend sich und seine Kollegen in die Pflicht, er sagt, dass dies auch eine Frage der Vernunft der breiten Masse der Rennfahrer sei. Ob er tatsächlich mit weitreichender Einsicht rechnet? „Schwer zu sagen.“
Deutsch, jung, glaubwürdig, transparent: Das hat sich jetzt auf alle Fälle sein neuer Rennstall, das Team Milram, auf die Fahne geschrieben. Lediglich diese Mannschaft steht in Deutschland noch für den Radsport der ersten Klasse. Man redet in dieser Equipe, die von der Bremer Nordmilch AG maßgeblich alimentiert wird, deshalb von einer besonderen Verantwortung. Sie will sich nun in die Zukunft stürzen mit Galionsfiguren wie Gerdemann und Gerald Ciolek, die beiden sind die neuen Kapitäne. Für Gerdemann, 26 Jahre alt, zahlte der niederländische Teamchef Gerry van Gerwen sogar eine Ablösesumme, weil der begehrte Profi noch beim Team Columbia unter Vertrag stand.
Gerdemann, der in der Schweiz lebt, aber, wie Kosicke sagt, seinen Wohnsitz vielleicht wieder nach Deutschland verlegen werde, hatte selbst die Rückkehr auf den deutschen Markt forciert - angeblich nicht nur aus persönlichen Motiven. Er möchte Hilfe leisten, das sei ein ernstes Anliegen, behauptet er. Er will dem deutschen Radsport, der ihm schon viel gegeben habe, etwas zurückerstatten, das bezeichnet er als seinen Antrieb. Anders formuliert: Er kämpfe dafür, dass dieser Sport wieder in die richtige Spur gerate. Dass Veränderungen allerdings nicht von heute auf morgen zu erreichen sein werden, weiß Gerdemann. „Ich habe mir einen harten Weg ausgesucht.“
Im Sog der Doping-Affären untergegangen
Der Juli, die Tour de France, das große, zuletzt schwer belastete Schauspiel des Radsports: Darauf zielen alle Anstrengungen des Mannes mit den jungenhaften Zügen, er wird sich in dieser Saison in erster Linie auf französischem Boden beweisen müssen. Gerdemann hatte 2007, als Debütant bei der Tour, schon angenehme Erfahrungen mit diesem Spektakel gemacht: ein Etappensieg, ein Tag im Gelben Trikot. Er fuhr damals für T-Mobile, das im Sog der Doping-Affären ebenso untergegangen ist wie das Team Gerolsteiner (siehe auch: Team Milram: Die letzte Karte in der Milram-Hand).
Das Team Milram, das pro Jahr schätzungsweise acht Millionen Euro für seine Radprofis aufbringt, erwartet nun einen ähnlichen Auftritt seines Frontmannes, die hohen Investitionen müssen sich schließlich lohnen. Gerdemann hält sich mit Prognosen ein wenig zurück, er sagt jedoch, dass er in einem Alter sei, „wo ich bei der Tour wirklich jeden Tag ans Limit gehen kann“. Und dass es nicht allein sein Bestreben sein werde, einfach nur in Paris anzukommen.
Die Route dorthin führt auch über Neuss, Gerdemann testete dort am Freitag ein Rad für das Zeitfahren. Und er sollte sich für Fotoaufnahmen in Pose werfen, Kosicke möchte seinen radelnden Kunden schließlich demnächst in einer Imagebroschüre präsentieren. Er plant eine „hochwertige Druckvorlage“, die auch auf Sponsoren Eindruck machen soll. Noch fehlt es an solchen Abschlüssen, Gerdemann steht bisher lediglich mit Firmen in Verbindung, die ihn für seinen Sport ausrüsten. Kosicke baut jetzt ganz auf den Sommer, auf die Tour, auf Leistung, da soll dann das Interesse von Unternehmen an Gerdemann wachsen.
Schwere Bürde in schwierigen und spannenden Zeiten
Er stellt sich vor, dass eine Fluggesellschaft, eine Hotelkette oder ein Mode-Label zu dem Handlungsreisenden auf dem Rad passen könnten. Fußball sei total krisenfest, sagt Kosicke, im Radsport hingegen funktioniere Werbung „nur über Helden“. Im Radsport von heute ist das natürlich so eine Sache mit Einschätzungen dieser Kategorie. Aber für Kosicke ist Gerdemann, versteht sich, über jeden Verdacht erhaben. „Ich glaube an den Jungen“, sagt er. Und er fragt ein wenig pathetisch: „Was wäre das Leben ohne Vertrauen, ohne Hoffnung?“
So trägt Gerdemann, der als ein Versprechen auf ein besseres Morgen gilt, eine schwere Bürde in schwierigen und spannenden Zeiten. Er bewegt sich, nicht nur mit seiner Rennmaschine, auf einem tückischen Parcours. Er hat, um sich dabei zu orientieren, neben Kosicke auch Christian Frommert an seiner Seite, den Kommunikationsexperten des einstigen T-Mobile-Teams, der ihm inzwischen als freundschaftlicher Ratgeber zur Verfügung steht. Er kann auf diesem Kurs bisweilen auch anecken, Kosicke zumindest sieht darin keineswegs einen Nachteil. Er schätzt die Bereitschaft, „Konfrontationen einzugehen, die Komfortzone zu verlassen“.
„Er muss das durchziehen“
Gerdemann hat das in Sachen Lance Armstrong getan, er zog sich damit den Zorn des Texaners zu. Nicht, dass er generell etwas gegen das Comeback des umstrittenen Amerikaners hätte. „Wenn er sich an die Spielregeln hält, kann er auch Rennen fahren.“ Doch Gerdemann schwant, dass die öffentliche Auseinandersetzung mit Armstrong hinderlich für die angestrebte Neuausrichtung der Zunft speziell in seiner Heimat sein könnte. „Wenn besonders die deutschen Medien mit Armstrong das Thema Doping aufrufen, tut das dem Radsport in Deutschland nicht gut.“
Kosicke ermuntert seinen Mandanten, diese Linie beizubehalten, „er muss das durchziehen“. Ohne sich zu sorgen, dass ihm deswegen jemand „einen Stock in die Speichen schmeißt“. Im Radsport lauern dennoch so oder so ständig Gefahren. Auch für einen Rennfahrer, dem so etwas wie ein Rettungsschirm in die Hand gedrückt wird.