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Radprofi John Degenkolb : „Man fühlt sich diskriminiert“

  • -Aktualisiert am

Im Frühjahr gewinnt Degenkolb den Klassiker Mailand-San Remo Bild: dpa

Als zweiter Deutscher nach Rudi Altig will John Degenkolb an diesem Sonntag Straßenrad-Weltmeister werden. Vor dem Rennen um 15 Uhr spricht er im Interview über die Gefahr seines Sports und eine Blumenverkäuferin, die ihn des Dopings bezichtigt.

          Herr Degenkolb, wie viele Renntage hatten Sie dieses Jahr?

          Ich denke, an die 90, genau weiß ich das nicht.

          Klingt nach sehr viel.

          Ist es aber nicht, das ist für einen Radprofi ein ganz normales Pensum. Es gibt Kollegen, die fahren weit über hundert Tage. Eigentlich hatte ich ein ganz normales Arbeitsjahr. Von der Menge her jedenfalls. Von den Ergebnissen her eher nicht.

          Sie haben im Frühjahr zwei Klassiker gewonnen: Mailand–San-Remo und Paris–Roubaix. Sie fuhren die Tour de France und die Spanien-Rundfahrt. Wie frisch ist man da noch für ein WM-Rennen über 260 Kilometer, wie es hier in Richmond/Virginia auf dem Programm steht?

          Die Vuelta war nur eine Vorbereitung für die Weltmeisterschaft. Insofern hoffe ich, dass ich in Topform bin. Die WM ist für mich der Abschluss der bislang besten Saison meiner Karriere, danach geht’s in den Urlaub. Es ist also leicht, noch einmal alle Energie zu mobilisieren. Im Moment fühle ich mich sehr gut.

          Eine dreiwöchige Rundfahrt als Training: Wie funktioniert das?

          Nach der Tour de France habe ich erst einmal Pause gemacht. Ich bin dann mit eher mittelmäßiger Form nach Spanien gefahren und habe gemerkt, wie es Woche für Woche besser ging. Und dass ich am Ende doch noch eine Etappe gewinnen konnte, hat mir noch einmal einen Motivationsschub gegeben.

          Wie wichtig ist eine Weltmeisterschaft für einen Radprofi?

          Sehr wichtig. Man kann sich hier in Listen eintragen, die für die Ewigkeit bestehen. Es gab erst einen einzigen Deutschen, Rudi Altig, der dieses Rennen gewonnen hat. Und das ist 49 Jahre her.

          Auch bei der Vuelta macht John Degenkolb mit einem Etappensieg auf sich aufmerksam

          Bei Paris–Roubaix waren Sie der erste deutsche Sieger seit mehr als 100 Jahren, jetzt wollen Sie der erste deutsche Weltmeister seit fast 50 Jahren werden. Ihr Platz in der Radsportgeschichte ist Ihnen wichtig?

          Druck mache ich mir nicht, aber es macht Spaß, über so etwas nachzudenken und damit zu liebäugeln. Ich habe gerade eben erst auf der Massagebank durch die Programmhefte mit den Siegerlisten geblättert. So etwas motiviert mich. In erster Linie will ich aber versuchen, für Deutschland eine Weltmeisterschaft zu gewinnen, und nicht, mich in die Geschichtsbücher einzutragen. Wenn wir gewinnen, ist das vor allem eine Mannschaftsleistung. Wir können nur gewinnen, wenn wir alle an einem Strang ziehen.

          Wie schwierig ist das im Radsport, eine Gruppe von Fahrern zur Nationalmannschaft zusammenzuschweißen? Sie fahren ja nur einmal im Jahr zusammen.

          Wir haben ein großes Ziel und einen guten Teamgeist. Wichtig war, dass wir schon sehr früh angereist sind und beinahe zwei Wochen zusammen trainiert und gelebt haben. Außerdem sind außer mir von den neun deutschen Fahrern drei aus meinem Profiteam. Wir bilden den Kern dieser Mannschaft und verstehen uns blind.

          Durch Ihre Siege im Frühjahr gehören Sie jetzt zu den Stars des Profiradsports. Hat sich für Sie im Renn-Alltag dadurch etwas verändert?

          Dass man bei Rennen locker unter dem Radar mitfährt, das passiert jetzt nicht mehr. Wenn man auf der Startliste steht, dann gibt es immer Fahrer und Mannschaften, die mit einem rechnen. Das macht es nicht unbedingt einfacher, Erfolg zu haben. Aber man lernt, damit umzugehen. Dafür war dieses Jahr für mich enorm wichtig.

          In den vergangenen Jahren scheinen sich im Radsport die schweren Stürze mit bösen Verletzungen zu häufen. Bei der Tour hat es Tony Martin erwischt, bei der Vuelta musste Favorit Chris Froome mit gebrochenen Knochen nach Hause fahren. Sind die Rennen für Sie durch Ihre exponiertere Rolle eher sicherer oder eher gefährlicher geworden?

          Da hat sich eigentlich nichts geändert. Im Radsport ist einfach ein gewisses Grundrisiko da, mit dem wir leben müssen.

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