27.09.2007 · Per einstweiliger Verfügung will das Organisationskomitee den Start von Titelverteidiger Paolo Bettini bei der Rad-WM in Stuttgart verhindern. Der Italiener hat sich geweigert, eine Ehrenerklärung gegen Doping zu unterzeichnen.
Das Organisationskomitee der Straßenrad-WM hat beim Landgericht Stuttgart eine einstweilige Verfügung beantragt, um den Start von Titelverteidiger Paolo Bettini (Italien) im Straßenrennen am Sonntag zu verhindern. Man wolle mit diesem Schritt die Einhaltung der gemeinsamen Anti-Doping-Vereinbarung durch den Weltverband UCI erwirken, erklärte Sport-Bürgermeisterin und OK-Chefin Susanne Eisenmann dem ZDF-Morgenmagazin. Streitpunkt ist die Ehrenerklärung, die alle Fahrer vor ihrer WM-Teilnahme unterschreiben sollen. Dies lehnt Bettini wegen einer Passage ab, die bei einem positiven Doping-Fall die Rückzahlung eines Jahresgehalts fordert. Der 33-Jährige war am Mittwoch abend in der schwäbischen Metropole eingetroffen.
UCI-Präsident Pat McQuaid betonte, dass der Weltverband keine rechtliche Handhabe sehe, Bettini das Startrecht bei der WM zu verweigern. „Die Ehrenerklärung ist lediglich eine moralische Verpflichtung, das müssen auch die Stuttgarter Organisatoren akzeptieren“, sagte der Ire. Der spanische Radprofi Alejandro Valverde darf ebenfalls an den Start gehen. Der Radsport-Weltverband UCI scheiterte am Mittwoch vor dem Internationalen Gerichtshof CAS in Lausanne mit dem geforderten Start-Verbot. „Wir akzeptieren den Richterspruch - Valverde darf starten“, sagte McQuaid. Damit könnte ein Rechtsstreit mit der Stadt Stuttgart und ein Ausstieg des ZDF - wie bei der vergangenen Tour de France - drohen.
Schäuble sperrt Bundeszuschuss für Rad-WM
Bundesinnenminister Schäuble hat derweil die Auszahlung des Bundeszuschusses für die Radsport-WM in Stuttgart gestoppt, weil der Weltverband den italienischen Titelverteidiger und mutmaßlichen Dopingkurier Bettini auch ohne Unterzeichnung einer „Ehrenerklärung gegen Doping“ starten lassen will. Die dem Veranstalter zugesagte Summe von 150.000 Euro werde bis zur Klärung des Sachverhalts eingefroren, hieß es in einer Mitteilung des Innenministeriums (BMI). „Im Vorfeld der Radsport-WM war allen beteiligten Partnern klar, dass diese WM ein Neuanfang sein muss. Wenn sich nun ein Fahrer weigert, die Erklärung zu unterzeichnen, und trotzdem vom Weltverband eine Starterlaubnis erhalten sollte, ist die Glaubwürdigkeit des gemeinsamen Kampfes gegen das Doping im Radsport zerstört“, erklärte Schäuble.
Unterdessen hat Zeitfahr-Spezialist Sebastian Lang mit seinen Kollegen Erik Zabel, Patrik Sinkewitz und Jörg Jaksche abgerechnet. Zwei Tage vor seinem Auftritt im Zeitfahren kam der WM-Fünfte derart in Fahrt, dass die Verbands-Vertreter neben ihm auf dem Podium blass und sprachlos wurden. „Mich ärgert Zabels WM-Start, ich glaube ihm nicht, dass er nur eine Woche gedopt hat“, sagte Lang, der Sinkewitz „hirnlos“ nannte und von der Anwendung der Kronzeugen-Regelung für den geständigen Jörg Jaksche nichts hält. „Ich hoffe, dass noch mehr Idioten erwischt werden“, meinte Lang, der nach eigener Aussage „wenige Freunde im Peloton“ habe. Aber: „Die will ich auch nicht haben.“
Sebastian Lang: „Sinkewitz hat kein Gehirn“
Die Verkürzung der Sperre für Jaksche auf ein Jahr könne er „nicht tolerieren“ und dessen mögliche Rückkehr ins Peloton erst recht nicht. „Vor vier Jahren hat er mir erzählt, dass er mich am Berg auch mit Fieber abhängt. Jetzt wissen wir, woran das lag. Er hat uns alle betrogen. Solche Leute sollten lebenslang gesperrt werden und man müsste ihnen alles Geld wegnehmen, dass sie mit dem Betrug verdient haben“. Lang teilte weiter aus: „Sinkewitz hat kein Gehirn. Wer auf eine solche Art seinen Sport und viele Arbeitsplätze gefährdet, kennt kein Verantwortungsbewusstsein.“
Zum WM-Start Zabels äußerte sich Lang unmissverständlich: „Ich bin enttäuscht darüber, dass er auf diese WM nicht verzichtet und den Jüngeren den Vortritt lässt, so wie es bei uns Udo Bölts getan hat.“ Als Lang die diesjährige Tour de France wegen eines Fersenbeinbruchs nur vor dem Fernseher verfolgen konnte, packte den 28-jährigen Profi tiefe Depression: „Ich wollte aufhören. Wenn ich sehe, dass um mich herum vollkommen unnatürliche Leistungen gebracht werden, dann kotzt mich das an. Ich hatte keinen Bock mehr auf den Zirkus.“
Grabsch freut sich über bessere Kontrollen
Für das Zeitfahren über 44,9 Kilometer am Donnerstag ist Lang hoch motiviert: „Ich werde alles Menschenmögliche tun, um in Stuttgart guten, ehrlichen, sauberen Sport zu bieten.“ Auch der zweite deutsche Starter, T-Mobile-Profi Bert Grabsch, hat am Killesberg einiges vor, auch wenn er Titelverteidiger Fabian Cancellara (Schweiz) für fast unschlagbar hält.
Wie Lang freut sich auch Grabsch über steigende Qualität und Quantität der Kontrollen. „Das kommt mir zugute“, sagte der deutsche Meister. Bei der Spanien-Rundfahrt sei er schon öfter Vierter oder Fünfter im Kampf gegen die Uhr geworden: „Da waren dann plötzlich Bergfahrer viel schneller als ich, da wundert man sich schon.“ Lang und Grabsch rechnen auch bei der WM nicht mit sauberem Sport. Lang: „Natürlich fahren da auch welche rum, die voll sind.“
Di Luca gibt sich entspannt
Die italienische Antidopingkommission wird wohl eine vorläufige Dopingsperre gegen Giro-Sieger Danilo Di Luca beantragen. Der Chef der Antidopingkommission Ettore Torri werde Di Luca wegen dessen Zusammenarbeit mit dem bereits wegen Dopingvergehen vom italienischen Radsportverband verurteilten Mediziner Carlo Santuccione anklagen. Das Reglement sieht hierfür eine Sperre von drei Monaten vor.
Torri war Di Luca durch die Ermittlungen der italienischen Staatsanwaltschaft auf die Schliche gekommen. Im Rahmen ihrer Aktion „Oil for Drug“ hatten die Beamten Dopingärzte und Dopinghändler ins Visier genommen. Dabei deckten sie auf, dass Di Luca weiterhin Patient des mutmaßlichen Dopingarztes Santuccione war. Außerdem prüfe die Antidopingkommission derzeit noch mehrere Dopingkontrollen des Profis, in denen sich verdächtige Werte ergeben haben sollen. „Es gibt keinen einzigen Beweis gegen mich“, sagte Di Luca. Deshalb sei er „absolut entspannt“.
Udo Sprenger wird zur „unerwünschten Person“
Derweil ist Udo Sprenger, Vizepräsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), von der Stadt Stuttgart zur „unerwünschten Person“ bei der Straßen-WM erklärt worden. Sport-Bürgermeisterin Susanne Eisenmann erklärte in der ARD, Sprenger habe „die Weltmeisterschaft zu verlassen“, der BDR solle ihm die Akkreditierung als Teammitglied entziehen. Eine Reaktion des Verbandes lag noch nicht vor. Der Wiesbadener soll als damaliger sportlicher Leiter beim Team Nürnberger in Dopingpraktiken verwickelt gewesen sein.
Über entsprechende Vorwürfe eines anonymen Zeugen war bereits im Juni in der ARD berichtet worden. Das BDR-Präsidium unter Rudolf Scharping hatte jedoch an Sprenger festgehalten, nachdem der ehemalige Kriminalbeamte eine „Anzeige wegen Verleumdung gegen Unbekannt“ angekündigt hatte. Laut Eisenmann sei der Zeuge nach erneuten Recherchen jedoch als „seriös und zuverlässig“ einzustufen.
Wir sind (nachweislich) einem permanenten "Dopingterror" ausgesetzt,
Friedrich-Karl Antonius (fk.antonius)
- 26.09.2007, 20:23 Uhr
Ein reinigender Skandal!
Thomas Nachtweih (Literat48)
- 26.09.2007, 23:21 Uhr
Blaue Augen
Ralf Schneider (ralf61)
- 27.09.2007, 16:12 Uhr
Provinzposse
Jens Heyn (J.Heyn)
- 27.09.2007, 22:16 Uhr