07.04.2005 · Jan Ullrichs Start in die Radsaison lief reibungslos. Bei der dritten Etappe der Sarthe-Rundfahrt bestand er am Donnerstag einen weiteren Formtest. „Er sieht besser aus als in den vergangenen Jahren“, sagen die Kollegen.
Auch ein „deftiges Rennen“ hat Jan Ullrich bei der Sarthe-Rundfahrt nicht die dritte Etappe verdorben. Der ehemalige Tour-de-France-Sieger erreichte am Donnerstag wieder mit dem Hauptfeld das Ziel und bestand damit einen weiteren Formtest.
Den Tagessieg holte sich nach 195,4 km von Angers nach Sablé-sur- Sarthe im Massensprint der Franzose Damien Nazon. Sein Landsmann Sylvain Chavanel führt weiter die Gesamtwertung an.
Fothen auf Platz zwei
Den starken zweiten Platz verteidigte Markus Fothen vom Team Gerolsteiner. Der Rheinländer hat weiterhin nur fünf Sekunden Rückstand auf Chavanel.
Ullrich erreichte mit seinem Teamgefährten André Korff im vorderen Feld ins Ziel und äußerte sich wieder sehr zufrieden über seine Leistung. „Das war ein deftiges Rennen mit einer schnellen ersten Stunde. Ständig gab es Attacken, und der Wind tat sein Übriges. Aber ich konnte immer vorne mitfahren“, sagte Ullrich.
40 Kilometer vor dem Ziel „geschnappt“
Bei April-Wetter mit Sonne, Wind und Regen gehörte T-Mobile-Profi Stephan Schreck zu einer siebenköpfigen Spitzengruppe, die allerdings nicht mehr als anderthalb Minuten Vorsprung herausfahren konnte und 40 Kilometer vor dem Ziel geschnappt wurde. Auch ein Trio, das anschließend ausriß, mußte sich drei Kilometer vor dem Ziel dem Druck des Feldes beugen, aus dem heraus Nazon seinen ersten Saisonsieg feierte.
Die Rundfahrt endet nach vier Tagen am Freitag mit dem 180 Kilometer langen Tagesabschnitt von Sablé-sur-Sarthe nach Le Mans.
Respekt für Ullrichs Saisonstart
Lance Armstrongs glatzköpfiger Spion staunte, und auch Udo Bölts war angenehm überrascht: Jan Ullrichs Start in die Saison 2005 beim 53. Circuit de la Sarthe an der französischen Atlantik-Küste lief reibungslos und - gemessen am eher geringen Anforderungsprofil - erfolgreich.
„Er sieht besser aus als in den vergangenen Jahren bei Telekom. Das betrifft sowohl das Zeitfahren als auch die erste Etappe über 197 Kilometer, in der er im Feld auch bei Seitenwind dem hohen Tempo immer mühelos folgen konnte“, lobte Ullrichs ehemaliger Edelhelfer Bölts, der dem Fahrerfeld als Interims-Teamchef bei Gerolsteiner hinterher fuhr.
„Mir fehlt noch viel“
Ullrich selbst ging nach den ersten Renn-Kilometern nach monatelangem Training in Südafrika, auf Mallorca und in der Toskana kritischer mit sich ins Gericht: „In punkto Kraft und Luft fehlt mir noch viel. Mit meinem neuen, auf meine Maße konzipierten Zeitfahrrad, das eine etwas andere Geometrie hat und etwas leichter ist, bin ich sehr zufrieden“, sagte der Toursieger von 1997, der seinen ersten kleinen Härtest - ein Zeitfahren über 8,8 Kilometer - als 13. mit 21 Sekunden hinter Tagessieger Florend Brard aus Frankreich beendete.
Armstrongs Tour-Bodyguard, der Franzose Serge Baguet, beobachtete Ullrichs ansprechenden Einstand mit erstaunter Miene. „Er sah gut aus beim Zeitfahren, obwohl es vorher wegen eines platten Reifens bei der Anfahrt auf die Startrampe noch Aufregung gegeben hatte“, urteilte T-Mobile-Teamchef Mario Kummer, der im Begleitwagen mit Ullrich-Betreuer Rudy Pevenage folgte.
Der Kapitän wirkt durchtrainiert
Die neue Öffnungspolitik des T-Mobile-Teams zum einst verstoßenen Pevenage wird allerdings nur temporär sein. „Bei der Tour darf ich nicht im Wagen sitzen“, sagte der 51jährige Belgier, der sich vor knapp drei Jahren den Unmut des Team-Managers Walter Godefroot zugezogen hatte, als er Telekom Hals über Kopf verließ, um seinem langjährigen Schützling Ullrich zum Team Coast zu folgen.
Der durchtrainiert wirkende T-Mobile-Kapitän, der sich zum Start der zweiten Etappe von einem als Schwein Verkleideten umarmen ließ und daneben fast asketisch wirkte, mache laut Pevenage „mindestens einen so guten Eindruck wie 2003“. Vor zwei Jahren stieg der Olympiasieger von Sydney ebenfalls an der Sarthe in die Saison ein und legte das Fundament für das damals kaum für möglich gehaltene Tour-Comeback nach über einjähriger Zwangspause. Im Juli 2003 rückte er Armstrong bei der Frankreich-Rundfahrt als Zweiter mit 61 Sekunden Rückstand so dicht auf den Pelz wie nie.
Pro Zabel
Die letzte Etappe seiner Tour-Vorbereitung wird Ullrich im Juni wie üblich bei der Tour de Suisse oder bei der Dauphiné Libérée in Frankreich absolvieren, wo er auf Armstrong treffen könnte. „Er fährt gerne in der Schweiz, weil er dort wohnt und voriges Jahr gewann. Aber auch die Dauphiné hat ihre Vorteile: Er hätte da sicher mehr Ruhe und würde im Wettkampf einige Bergpassagen der Tour fahren“, sagte Pevenage.
Im Disput um die Tour-Teilnahme Erik Zabels brach Ullrich eine Lanze für den Berliner Routinier und widersprach seinem Freund Andreas Klöden, der sich öffentlich mehrmals für einen Zabel-Verzicht in Frankreich ausgesprochen hatte: „Es fahren die neun Stärksten, und wenn Erik dabei ist, gibt es keine Diskussion.“
Klöden hat im Moment ohnehin mehr Probleme mit der eigenen Form. Am Mittwoch brach der Tour-Zweite die Baskenland-Rundfahrt ab. Am Montag wird er sich in der Uni-Klinik Freiburg einem Leistungscheck unterziehen.