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Sportgymnastinnen in der DDR : Gebrochen, benutzt, vergessen

Die Frauen sind sich jetzt sicher: Der Spitzensport hat sie als Kinder nicht stark, sondern krank gemacht. Bild: action press

Sie fühlen sich heute noch zu fett, das Geräusch der Waage können sie nicht mehr ertragen. Mit Psychoterror wurden Sportgymnastinnen in der DDR einst gefügig gemacht – und nicht nur dort.

          Zinnowitz auf Usedom, ein Trainingslager des DDR-Kaders Rhythmische Sportgymnastik Ende der achtziger Jahre: Die Athletinnen sind irritiert. Im Speiseraum, sagt die Trainerin M., stehe ein Apfelkuchen. Guten Appetit. Ein Apfelkuchen, die größte Sünde, eine große Verlockung für Manuela Renk: „Wir haben nachgefragt, ja, wir sollten gehen. Wir sind dann in den Speiseraum und trauten uns nicht, wir sind um den Kuchen geschlichen. Aber die Trainer haben gesagt, nun esst.“ Sie haben gegessen, die Süße genossen. Als der Kuchen verputzt war, befahl Frau M. ein Straftraining: „Eine Stunde rennen“, sagt die DDR-Meisterin Renk: „Danach haben wir hinter den Bäumen gekotzt.“ Und dann weitergemacht.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Seit zwei, drei Monaten treffen sich etwa 15 Frauen im besten Alter aus ostdeutschen Bundesländern. Sie erinnern sich an ihre Vergangenheit als Kinder und Jugendliche im Spitzensport der DDR. Es gibt viele Gemeinsamkeiten. Ihre große Bewegungsbegabung, die anfängliche Freude an der Sportgymnastik, der Stolz, ausgewählt worden zu sein mit der verlockenden Prognose, groß herauszukommen, zu Weltmeisterschaften und den Olympischen Spielen zu fahren. Kinderträume, von Erwachsenen geschürt. Das war in den achtziger Jahren.

          Die Waage, der größte Feind der Sportgymnastinnen.
          Die Waage, der größte Feind der Sportgymnastinnen. : Bild: www.plainpicture.com

          Jetzt hebt sich langsam der Schleier. Die Frauen suchen nach Gründen für eine weitere Gemeinsamkeit. Für ihr Trauma. „Wir haben alle Wahrnehmungs- oder Identitätsstörungen. Wir würden uns gern mögen“, sagt Susann Scheller. „Diese Gewichtsscheiße“, fügt Manuela Renk hinzu. Sich immer noch viel zu dick zu fühlen bei 1,70 Metern – und 60 Kilogramm. Sechzig Kilo, „grausig“. Früher hatten sie weniger als 50 gewogen. „Fette Kuh!“, brüllte die Trainerin M. durch die Halle.

          Die Frauen sind sich jetzt sicher. Der Spitzensport hat sie als Kinder nicht stark, sondern krank gemacht. Nein, sie korrigieren sich unabhängig voneinander. Es waren die Menschen im System, die sie „kleingekriegt haben“: „Wir haben auf Dauer alle etwas abgekriegt“, sagt Frau Scheller, „manche Trainer haben ihre Störung an uns abgearbeitet.“

          Schreien und Schweigen als Mittel der Zucht

          Susann Scheller gehörte unter ihrem Mädchennamen Hubig wie Manuela Renk zur DDR-Spitze, erst Juniorennationalmannschaft mit 13, ab 14 dann zur ersten Auswahl. Die beiden wollen sich befreien mit ihrer Geschichte und vielleicht dabei etwas mehr erfahren. Was waren das für Pillen, Injektionen, Spritzen, die sie ständig bekamen ohne Aufklärung durch Ärzte oder Trainer? Warum die Tablette unter die Zunge kurz vor dem Wettkampf? Auch die Minderjährigen der Rhythmischen Sportgymnastik sind ins flächendeckende Doping-System der DDR eingebunden worden. Die meisten Ärzte und Trainer schweigen bis heute. Allein der Doping-Opfer-Hilfe-Verein (DOH), ehrenamtlich von Kopf bis Fuß, ist in der Lage, ihnen weiterzuhelfen. Es gibt sonst niemanden in Deutschland, der zuhört, Aufklärung anbietet, professionelle Hilfe vermittelt, unermüdlich um Anerkennung kämpft - und die volle Dimension dieses „Kapitalverbrechens“ an jungen Menschen aufdeckt.

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