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Veröffentlicht: 07.04.2015, 13:58 Uhr

Seniorensport in Deutschland Die Alten machen mobil

Sozialpolitisch, gesundheitspolitisch, volkswirtschaftlich: In einer älter werdenden Gesellschaft gewinnt der Sport immer mehr an Bedeutung – und muss sich dabei selbst verändern. Dabei gibt es erstaunliche Erfolgsgeschichten.

von und Alex Westhoff
© Picture-Alliance Volle Kraft voraus bei den Senioren-Mehrkampfmeisterschaften Leichtathletik 2014 in Bad Oeynhausen

Im Gang parken kreuz und quer die Rollatoren. Christel Nyhuis ist Übungsleiterin für Seniorensport und kommt seit 23 Jahren ins Victor-Gollancz-Haus, einem Altenpflegeheim im Frankfurter Stadtteil Sossenheim. Mit ihrer ruhigen, besonnenen Art ist sie beliebt und ein bekanntes Gesicht für die im Durchschnitt 87 Jahre alten Bewohner. Christel Nyhuis kreist die Arme, dreht den Rumpf, hebt die Füße, streckt die Unterschenkel – und die Senioren tun es ihr nach. Motiviert werden muss hier niemand. Alle sind eifrig bei der Sache. Und wer eine Pause braucht, nimmt sie sich einfach.

Michael Eder Folgen:

Christel Nyhuis versucht, die Hilfsmittel so oft es geht zu variieren. Sie verteilt farbige Tücher an die 13 Senioren in der Runde, die Älteste ist 99 Jahre alt. Über den Kopf, hinter den Nacken, unter den Knien hindurch – bei manchen geht es flüssig, bei anderen nicht. Margot Becker lächelt. Auch ein Ball ist bald im Spiel. Margot Becker nimmt ihn mit rechts an, legt ihn sich hoch vor, köpft ihn mit der Stirn zurück in die Mitte - und lächelt verschmitzt. Die 90 Jahre alte Dame mit den kurzen, weißgrauen Haaren sitzt auf einem filzbezogenen Stuhl, ihre Füße ruhen in dicken Pantoffeln. Aber wenn einer der beiden aufblasbaren Bälle im (Roll-)Stuhlkreis in ihre Reichweite gerät, tritt sie kraftvoll zu. Beweglichkeit fördern, Beweglichkeit erhalten – darum geht es bei Übungen wie diesen.

33749555 © Imago Vergrößern „Walk and talk“: Das Tempo spielt keine Rolle, es geht um ein bewegtes Alter

Ute Blessing-Kapelke ist beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) für demographischen Wandel und „Sport der Generationen“ zuständig. „Die Älteren“, sagt sie, „sind im Sport unsere größte Wachstumsgruppe. In keinem anderen Bereich haben wir ähnlich steigende Zahlen.“ Das hat nicht nur mit dem demographischen Wandel zu tun, also damit, dass es von Jahr zu Jahr mehr Ältere gibt. Auch wenn man diesen Faktor herausrechnet, ergibt sich eine signifikante Steigerung.

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Vor 25 Jahren zählten die deutschen Sportvereine 1,9 Millionen Mitglieder über 60 Jahre, heute sind es 4,2 Millionen. 25 Prozent aller Älteren sind mittlerweile in einem Sportverein, auch das eine signifikante Steigerung. „Wir erreichen heute wesentlich mehr Ältere als früher“, sagt Ute Blessing-Kapelke. Woran das liegt? Das Altersbild habe sich verändert, sagt sie. „Die Leute machen heute viel Sport, das war in vorangegangenen Generationen anders. Da war der Ruhestand oft noch wörtlich zu nehmen. Heute ist im Bewusstsein, wie wichtig es ist, die Gesundheit zu erhalten – und welch bedeutende Rolle der Sport dabei spielt.“ Es geht um ein bewegtes, ein aktives Alter.

Der demographische Wandel wird unsere Gesellschaft radikal verändern. 16 Millionen Deutsche sind heute älter als 65 Jahre, zur Mitte des Jahrhunderts werden es 26 Millionen sein. Über 50-Jährige machen dann mehr als die Hälfte der Bevölkerung aus. Gesundheitswesen und Altenpflege müssen sich darauf einstellen. Und auch die Politik und der Sport müssen das tun.

March 14 2015 Clearwater Florida U S LARA CERRI Times Joan Campbell 85 gets ready to comp © Imago Vergrößern „Die Leute machen heute viel Sport“ – das war nicht immer so

Während die Zahl der Jugendlichen in den Vereinen zurückgeht – Stichworte demographischer Wandel, G8, Zeitnot, kommerzielle Fitnessstudios – steigt die Zahl die Älteren immer weiter. Das ist eine dankbare Zielgruppe, „eine, die motiviert und bereit ist, Sportvereine mitzugestalten“, wie Ute Blessing-Kapelke sagt. Für den Sport bedeutet das zweierlei: Er wird in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen, gesundheits- und sozialpolitisch, volkswirtschaftlich. Auch die Forschung befasst sich mittlerweile intensiv mit den neuen Anforderungen. Die Sporthochschule Köln beispielsweise bietet einen Masterstudiengang für Sport- und Bewegungsgerontologie an.

Was bedeutet es, wenn die Älteren in die Vereine drängen? Dass der Sport älter wird, dass der Sport der Zukunft von gestern ist? „Ganz im Gegenteil“, sagt Ute Blessing-Kapelke. „Die Älteren sind die Zielgruppe der Zukunft – sie sind der neue Motor des Sports. Das Alter bedeutet nicht mehr, wie früher, Ruhestand. Es bedeutet: Man kann gestalten. Die Älteren bringen Ideen rein, sie werden die gesamte Vereinsbewegung ein Stück weit verändern und erneuern. Sie werden den Sport beleben.“

Leichtathletik Deutsche Meisterschaft Senioren © Picture-Alliance Vergrößern Der neue Motor des Sports: „Die Älteren sind die Zielgruppe der Zukunft“

Und der Sport selbst? Er wird sich verändern müssen – und er hat sich schon auf den Weg gemacht. Immer mehr Sportverbände stellen sich auf die Älteren ein. Die Fußballer, die Handballer – die Vereinsmitglieder quer durch alle Sportarten werden älter. Der Sport wird radikal denken müssen, um die einzelnen Sportarten den Bedürfnissen der Älteren anzupassen, andere Spielfeldgrößen, andere Bälle, andere Ideen, veränderte Regeln - kreative Modellentwicklungen werden quer durch alle Verbände vonnöten sein. Der Sport sieht diese Notwendigkeit. Die Verbände fangen mehr und mehr an, die neue Zielgruppe in den Blick zu nehmen. Selbst im Karate gibt es heute schon Angebote für über 60-Jährige, sie nennen sich „Jukuren“, Erfahrene. Auch die Arbeit im Ehrenamt ist im Wandel.

Ein Beispiel: Viele Übungsleiterinnen im Kinderturnen sind selbst in die Jahre gekommen, viele schulen um und werden im Angebot für Ältere aktiv. Neben den Vereinen verzeichnen auch Fitnessstudios einen großen Zulauf von Älteren. Vorreiter für ein älteres Klientel war der Schweizer Werner Kieser, der bekannt dafür ist, mit seinen Ansichten nicht hinter den Walliser Bergen zu halten.

Ditzingen Länderkampf Seniorenfechter Deutschland Bruno Kachur © Imago Vergrößern Degen statt Rollator: Länderkampf der Seniorenfechter

„Wir schonen die Alten zu Tode, anstatt sie zu jagen“, sagt Kieser. „Sie werden immer schwächer, wenn wir ihnen alles abnehmen. Das ist das Problem.“ Neun von zehn Senioren brauchten keinen Rollator, wenn sie adäquates Krafttraining machen würden. „Seit 50 Jahren erzähle ich dasselbe“, sagt der 74-Jährige schmunzelnd. Aktuell hat er allein in Deutschland 237.500 Mitglieder, die in den 115 gleichnamigen Studios trainieren. Vorwiegend Ältere – die Mitglieder von „Kieser Training“ sind im Schnitt 53 Jahre alt.

Aber wer ist überhaupt alt? Wo ist die Zielgruppe? Der DOSB unterscheidet drei Altersstufen:

  • Die „jüngeren Älteren“ über 50, die sich wieder mehr dem Sport zuwenden wollen und passende Angebote suchen. Mit „Seniorensport“betitelten Kursen holt man dabei keinen hinter dem Ofen hervor, der eine möchte Tischtennis spielen, der andere interessiert sich für Gesundheitssport, der eine möchte sich messen, der andere lieber gemütliches „Walk and talk“.
  • Die über 60-Jährigen im Übergang vom Berufsleben in die Rente. Für sie geht es darum, im Ruhestand, „der nachberuflichen Phase“, wie es neuerdings heißt, aktiv zu sein und in der neugewonnenen Freizeit Sinn zu finden. Da bieten sich Sportvereine an, weil sie mit ihren Angeboten im Idealfall Gesundheit, Spaß und soziale Kontakte verbinden. Weil sie auch einem anderen Altersgebrechen entgegenwirken: der Einsamkeit.
  • Die „Hochaltrigen“ über 75 mit deutlichen körperlichen Einschränkungen. Für sie ist der Sport besonders wertvoll. Viele der Alten leben in Großstädten, in Heimen, oder alleine zu Hause. Viele machen keinen Sport (mehr), viele denken, das sei nichts mehr für sie. Aber das ist ein Denkfehler. Sport, Bewegung, Kräftigung ist gerade für sie wichtig. Es geht darum, Stürze zu verhindern, Selbständigkeit zu erhalten, es geht darum, dass sie alleine aus der Badewanne kommen, dass sie es die Treppe zu ihrer Wohnung im zweiten Stock hinaufschaffen. Und was erstaunt: Training gerade im hohen Alter sorgt - wie Kieser das seit Jahrzehnten propagiert - tatsächlich für Erfolge, für beachtliche Kraftzuwächse.

Turnen Hessen Deutsche Seniorenmeisterschaften 2014 17 05 2014 am Barren Alfons Klein TV Ge © Imago Vergrößern Ein „Hochaltriger“ am Barren: Alfons Klein vom TV Germania Düppenweiler

Training macht keinen Sinn mehr im hohen Alter? „Ganz im Gegenteil“, sagt Ute Blessing-Kapelke. „Wir haben dabei die besten Erfolge.“ Studien belegen, dass die Sturzprävention bei Hochaltrigen eine der erfolgreichsten Präventionsarten überhaupt ist. Mit relativ einfachen Übungen zur Geschicklichkeit und Kraft lassen sich bis zu 30 Prozent aller Stürze verhindern. Und Stürze bedeuten: für die Alten eine drastische Einschränkung von Lebensqualität, physisch und psychisch, und für die Gesellschaft enorme Kosten. Durch Oberschenkel- und Hüftfrakturen werden pro Jahr geschätzt 2,8 Milliarden Euro an direkten Kosten verursacht, Langzeitkosten nicht mit eingerechnet - so ist Sturzprävention, so ist Training auch ein Wirtschaftfaktor und volkswirtschaftlich höchst sinnvoll.

„So viel Bewegung wie möglich ist das Allerwichtigste“, sagt Martin Crede. Der kräftige Mann hat sich im Victor-Gollancz-Haus, dem Altenpflegeheim in Frankfurt, vom Zivi zum Heimleiter hochgearbeitet. Er weiß aus Erfahrung, was der in der Altenpflege allgegenwärtige Kostendruck und Personalmangel bedeutet. Crede sagt aber auch: In den vergangenen zehn Jahren habe sich viel verbessert. Es gehe nicht mehr wie damals nur um Verpflegung und Körperhygiene. Heute habe er zehn Angestellte im Haus, die nichts mit Verwaltung oder Pflege zu tun haben, sondern ausschließlich mit Betreuung. Wer von den Senioren wolle, könne den ganzen Tag über Angebote wahrnehmen, auch Sport, auch Sitzgymnastik. Nur wer seine Ruhe haben wolle, bekomme sie.

Im Frankfurter Altenheim gibt es einen hohen Anteil an dementen und depressiven Bewohnern. Manche sind bettlägerig und müssen passiv bewegt werden. Altenpfleger oder Physiotherapeuten von außerhalb bewegen Gelenke, setzen die Senioren auf die Bettkante, gehen bestenfalls - wenn möglich - mit ihnen über den Gang oder sogar ein paar Stufen. Aktivierung nennt man das. Für manche, die zuvor monatelang im Krankenhaus oder im Bett in der eigenen Wohnung gelegen haben, ist es schon schmerzhaft, wenn nur die Bettlehne höher gestellt wird. Mit dem Bewegungstraining gilt es hier, Kontrakturen zu lindern und vorzubeugen, also die Verkürzung von Muskeln, Sehnen und Bändern. So hilft die Bewegung auch noch den Ältesten der Alten.

„Aktiv bis 100“ ist ein großer Erfolg

Für jene Älteren, die noch fitter sind und jünger, kann der Sport mehr tun, viel mehr. Die Politik weiß, was sie an ihm hat. Vor allem die Vereine machen den Älteren ein kompetentes Sportangebot - und bieten zusätzlich eine soziale und gesellige Komponente. Sie ermöglichen den Älteren Kontakt zu Gleichaltrigen, aber auch zu anderen Generationen. Was früher Mutter-Kind-Turnen war, wurde zum Eltern-Kind-Turnen, mittlerweile gibt es auch Großeltern-Kind-Turnen.

In Frankfurt hat der DOSB mit dem Pilotprojekt „Aktiv bis 100“ eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte geschrieben. Es begann damit, dass man zusammen mit Vereinen Gruppen für Hochaltrige eingerichtet hat. Aus anfangs dreißig Teilnehmern sind mehr als 500 geworden. Die Teilnehmer werden, sofern nötig, in ihren Wohnungen abgeholt, es gibt Fahrdienste, es ist eine soziale Kontrolle da, wenn einer nicht kommt, fällt das auf. Apotheker und Ärzte sind mit im Boot, das Gesundheitsamt, das Amt für multikulturelle Angelegenheiten, das Seniorenbüro, verschiedene Wohlfahrtsorganisationen. Der Zulauf ist riesig, das Projekt ein großer Erfolg. Unter dem Titel „Aufleben“ hat der DOSB mittlerweile ein Papier erstellt, das anderen Kommunen nahebringt, wie sie solche Gruppen aufbauen können.

Rentnersport im sonnigen Winter © Picture-Alliance Vergrößern Kompetentes Sportangebot mit sozialer Komponente: Nordic Walking im Wald

Der DOSB ist in vielen Bereichen des Altensports die treibende Kraft – und gut vernetzt. Der Verband ist Gründungsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen und eng vernetzt mit Gesundheitsorganisationen, politischen Gremien wie der Sportministerkonferenz und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, mit den Kirchen. Zu Ute Blessing-Kapelkes Aufgaben gehört auch die Lobbyarbeit in Berlin: Sie sitzt im Arbeitskreis der Demographiestrategie der Bundesregierung, in dem es darum geht, wie in einer alternden Gesellschaft Pflegebedürftigkeit zu vermeiden ist, und natürlich spielen dabei Sportangebote eine wichtige Rolle.

Werner Kieser war schon am Markt, als die Fitnesswelle in den 70er Jahren losgetreten wurde. Mit dem Begriff „Fitness“ kann er bis heute allerdings nicht viel anfangen. Er spricht lieber von „Wartung und Aufbau des Bewegungsapparates“, dank reinen, puren Krafttrainings. Dies sei genauso, als wenn man das Auto in die Inspektion bringe. Es mache keinen Spaß, sei aber notwendig. Krafttraining, predigt Kieser, könne den Prozess des Zerfalls aufhalten. Gedöns ist dabei nicht gefragt. In den Kieser-Studios gibt es keine Sauna, keine Musik, keine Fernseher, nicht einmal Pflanzen.

Zweimal die Woche eine halbe Stunde ist für das Training vorgesehen, mehr nicht. Ein Satz jeder Übung an einer der Kraftmaschinen reiche, sagt Kieser, solange der beanspruchte Muskel ausreichend arbeiten musste. Damit kontrastiert das seit jeher unveränderte, von Moden unabhängige Kieser-Konzept mit dem Fitness-Zeitgeist der Jüngeren, in dem sogenanntes High-Intensity-Training gerade angesagt ist. In Kiesers Augen sind Moden wie Bodypump, Zumba, Crossfit oder Ähnliches nur „Versionen des Kasernenturnens“. Wer Spaß dran habe, solle es tun, aber ohne die Basis, das pure Krafttraining, aus den Augen zu verlieren.

Mit 72 Jahren hat Kieser neulich seine Masterarbeit in Philosophie abgegeben. Ein starker Körper, sagt er, führe zu mehr Selbständigkeit im Alter, und mehr Selbständigkeit führe zu mehr Lebensqualität. Darauf setzt der Schweizer Unternehmer. Er selbst, sagt er, handele streng nach seinem Konzept. „Der Mensch wächst am Widerstand“ - das ist sein Credo. Zweimal in der Woche geht er ins Studio nahe der Züricher Unternehmenszentrale. In seinem Engadiner Ferienhaus auf 2000 Metern Höhe liegen ausreichend viele Hanteln. Nur zehn Prozent an Kraft, sagt Kieser, der einst Boxer war und zeit seines Lebens Krafttraining betrieb, habe er verloren seit seinen besten Zeiten mit Anfang 30. Mit den Armen stemme er sogar noch dieselben Gewichte wie damals.

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