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Porträt Jan Fitschen Über eine Höhenkette auf den Gipfel

09.08.2006 ·  Der neue Dieter Baumann mag er nicht sein. „Nein, ich bin der neue Jan Fitschen“, sagte der 29 Jahre alte Leichtathlet nach seinem EM-Sieg über 10.000 Meter, der sich gleich mit einer Reihe von Höhentrainingslagern auf seinen Höhepunkt vorbereitete.

Von Claus Dieterle, Göteborg
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Der Vergleich mit Dieter Baumanns Husarenstück bei den Olympischen Spielen in Barcelona ist sicher eine ganze Nummer zu hoch gegriffen, aber so ein Bild hat man dennoch lange nicht gesehen: Ein deutscher Langstreckenläufer, der bei einem internationalen Großereignis couragiert nach vorne stürmt, auf der Zielgeraden auch noch die zwei letzten beiden Konkurrenten überspurtet und dann mit erhobenen Armen jubelnd ins Ziel rauscht.

Aber die Zuschauer im Göteborger Ullevi-Stadion erlebten am Dienstag abend unter Flutlicht keine Fata Morgana, sondern einen 10.000-Meter-Lauf, der einen ganz und gar unerwarteten Ausgang nahm. Jan Fitschen vom TV Wattenscheid ließ die viel stärker eingeschätzten Spanier José Manuel Martinez und Juan Carlos de la Ossa in einem fulminanten Finale hinter sich. Der 29 Jahre alte Wattenscheider ist Europameister und konnte es selbst kaum fassen. „Es war wie in einem Film. Das kann doch alles nicht wahr sein“, sagte er hinterher. Und sein Trainer Tono Kirschbaum befand, daß auch ein sechster oder achter Platz durchaus ehrenwert gewesen wäre.

„Ich bin nur mittelmäßig talentiert“

Fitschen aber wollte irgendwann mehr. Er sei ja lange im Mittelfeld „rumgeeiert“, sagte der Langstreckenläufer, bevor er sich dann als einsamer Verfolger eines Trios wiederfand. Mit einigem Abstand zu den beiden Spaniern und dem Schweizer Christian Belz. „Mensch, Vierter ist doch verdammt gut“, sei es ihm in diesem Moment durch den Kopf gegangen. Aber dann fiel der Schweizer plötzlich zurück, und von hinten kam niemand mehr. Und mit Bronze im Rücken wuchs die Goldgier und der Glaube an die eigene Stärke. „Da habe ich halt noch mal angegriffen“ sagte Fitschen zu einem Rennen, das für ihn ganz nach Plan gelaufen sei. Die Zeit, 28:10,94 Minuten, spielte keine Rolle, weil die Taktik bei großen Titelkämpfen ohnehin dominiert.

Aber Fitschen weiß ganz genau, weshalb er sich gezielt wie nie auf diese Europameisterschaften vorbereitet hat. Es ist genau die Nische, die für einen Mann seiner Güteklasse paßt. „Ich bin nur mittelmäßig talentiert. Bei einer WM oder gar Olympia habe ich doch gegen die Afrikaner keine Chance. Die haben Bestzeiten, die Lichtjahre besser sind als meine.“ Seine lag vor Göteborg bei 28:19,57 Minuten. Also hat er sich ganz auf das kontinentale Highlight fixiert, weil das eben die einzige Gelegenheit ist, international einmal im Mittelpunkt zu stehen. Und er hat sich auch genau überlegt, ob es nicht besser für ihn sei, von den angestammten 5.000 Metern auf die doppelt so lange Strecke zu wechseln. Ein kluger Schachzug. Jetzt ist er für seine Umsicht und seine Zielstrebigkeit belohnt worden.

So oft wie möglich in der Höhe

Er hat zum einen komplett auf den Hallenbetrieb verzichtet und ist anderseits so oft wie möglich in die Höhe gereist, um die Bildung von roten Blutkörperchen auf natürlichem Weg anzuregen. Die transportieren bekanntlich den Sauerstoff, der Ausdauersportlern langen Atem verleiht. Fitschen, der in Bochum Physik studiert, hat in diesem Jahr eine ganze Höhenkette hinter sich gebracht. Zweimal war er zusammen mit seinem Wattenscheider Trainingspartner Alexander Lubina vier Wochen in Flagstaff/Arizona, einen Monat hat er in Sankt Moritz verbracht, und selbst nach den deutschen Meisterschaften, die er in 13:52,37 Minuten gewann, hat es ihn noch einmal für zehn Tage ins Engadin verschlagen. „Wir haben uns ans Limit trainiert“, sagt er und bedauert, daß sein Trainingskollege Lubina offenbar die Grenze der Belastbarkeit überschritten hat. „Er ist wegen einem Ermüdungsbruch leider hier nicht am Start“, sagte er. Denn es sei vor allem die Partnerschaft mit einem annähernd gleichstarken Konkurrenten, die ihn vorangetrieben habe.

Ein neuer Baumann ist der blonde Mann, der sich auch schon im Fußball und Basketball versucht hat, ehe er feststellte, daß „Laufen bei meinen koordinativen Fähigkeiten das einzig richtige ist“, nun wirklich nicht. Er ist genaugenommen sogar ein Baumann-Opfer. Denn bei den deutschen Hallenmeisterschaften 2001 in Dortmund trat Fitschen gegen den damals im Zuge der Zahnpasta-Affäre vom Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) suspendierten Schwaben an, obwohl die IAAF jedem Baumannschen Mitläufer eine Sperre angedroht hatte. Die Quittung bekam Fitschen drei Wochen später bei der Hallen-WM in Lissabon. Da war er sportlich qualifiziert, aber die IAAF ließ ihn nicht starten. Heute, mit dem EM-Titel in der Tasche, kann er darüber lachen.

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Jahrgang 1956, Sportredakteur.

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