17.11.2005 · Kaum zu fassen: Seit einem Jahr steht 800-Meter-Olympiasieger Nils Schumann bei Eintracht Frankfurt unter Vertrag. Wirklich angekommen in der Stadt ist er noch nicht. In diesem Winter plant er sein erstes Rennen nach zweieinhalb Jahren Verletzungspause.
Von Uwe MarxPeter Fischer weiß, wie Menschen mitunter auf prominente Sportler reagieren. Und auch auf weniger prominente. Wenn er zum Beispiel mit einem Reservespieler von Eintracht Frankfurt essen gehe, so der Präsident des Vereins, dann werde sein Tischnachbar „bestimmt siebzehnmal angesprochen“. Peter Fischer weiß aber auch, wie Menschen auf prominente Sportler reagieren, die sie länger nicht gesehen haben, die mal herausragend waren, es aber nicht mehr sind. „Es kam schon vor, daß ihn keiner erkannt hat“, sagt er über einen Restaurant-Begleiter, der alles andere als Ersatz war: Nils Schumann, Leichtathlet, Olympiasieger über 800 Meter von Sydney, Sportler des Jahres 2000, Wahlhesse seit einem Jahr - und seitdem so etwas wie der große Unsichtbare in der Region.
Vor einem Jahr unterschrieb Schumann einen Vertrag bei der LG Eintracht Frankfurt. Er ist zwar da, aber gleichzeitig nicht zu fassen. „Nicht so sichtbar“ nennt ihn Fischer, und es ist nachsichtig gemeint. Daß Schumann als Läufer großartig in Erscheinung treten würde, hatte natürlich keiner erwartet. Sein letztes Rennen über 800 Meter hat er vor über zweieinhalb Jahren bestritten. Er wurde zweimal an der Achillessehne operiert. Hinzu kam eine Infektion am Fersenknochen. Sogar vom Karriereende war die Rede. In Frankfurt sucht er einen Neuanfang. Noch einen. Dafür verließ er im vergangenen Jahr den SC Magdeburg und Skandaltrainer Thomas Springstein und wechselte nach Frankfurt zu Volker Beck, der zusätzlich Bundestrainer ist, Spezialgebiet 400 Meter und 400 Meter Hürden.
„Gift für die Achillessehne“
Inzwischen heißt es, Schumann werde in der bevorstehenden Hallensaison wieder starten. Er trainiert seit einiger Zeit wieder auf der Bahn und mit Spikes, was lange Zeit nicht möglich war. Zwei Einheiten pro Tag, dazu Physiotherapie, das rechnet sein Manager Frank Thaleiser inklusive Hin- und Rückfahrt zu einem „Sieben-Stunden-Tag“ hoch. In einem Interview sprach Schumann bereits von vielen Rennen, auf die er sich freue. Und das, obwohl jeder weiß, daß Hallenböden „Gift für die Achillessehne“ sind, wie es Beck nennt. Er und Thaleiser haben ihren ungeduldigen Partner inzwischen wieder geerdet. „Zwei, maximal drei Rennen“, hält Thaleiser in diesem Winter für möglich. Für die vorsichtigen Planer im Umfeld des Profi-Leichtathleten zählt ohnehin nur die Freiluftsaison 2006 mit dem Höhepunkt Europameisterschaften in Göteborg. Erst im Sommer seien schnelle Läufe realistisch. Schumanns Bestzeit liegt bei 1:44,16 Minuten. Er lief sie 2002.
Wenn er in den vergangenen Monaten einmal sicht- oder hörbar war, dann als Überbringer der guten Nachricht: Ich werde es wieder schaffen. Weil die Rückkehr in den Wettkampfsport aber mühsam ist und lange dauert, hat er sich ansonsten zurückgehalten. Den öffentlichen Schumann gab es nur selten. „Ich kann nicht laufen, warum also soll ich mich in den Vordergrund stellen?“, so sein Credo. Es kommt seinem Naturell entgegen. Auch in erfolgreicheren Zeiten hat er sich nicht wohl gefühlt im Scheinwerferlicht. Er wohnt, nur konsequent, in Glashütten am Taunusrand und pendelt nach Frankfurt zum Training. In eine Stadt, so Thaleiser, „die ihm noch fremd ist“. So wie fast alle großen Städte.
Von einem Jahr Schumann in der Region ist nicht viel mehr hängengeblieben als der Start bei vier Volksläufen. Hier konkurrierte der Europameister von 1998 mit ambitionierten Hobbyläufern. Es war eine Abwechslung in der Trainingsarbeit, mehr nicht. Kürzlich war er bei der Meisterehrung des hessischen Leichtathletikverbandes, noch ein öffentlicher Termin. Sein Manager sagt, ganz allgemein, Ehrungen könne Schumann auch in zehn Jahren noch vornehmen. Dieser wolle selbst wieder laufen. Und am liebsten selbst wieder geehrt werden. Diese Distanziertheit steht im Gegensatz zu den großen Erwartungen nach seiner Verpflichtung.
Ein glücklicher Luftikus der Laufbahn
„Für uns war es wichtig, daß Nils Schumann Teil dieser Stadt und dieser Region wird“, sagte Peter Fischer damals, „daß er hier sichtbar ist, sei es beim Einkaufen, beim Fußball oder beim Essen im Restaurant.“ Schließlich ist auch ein Olympiasieger im Aufbautraining immer noch ein Olympiasieger, und dieser hier sollte der Eintracht ein wenig mehr Glanz verleihen. Schumann aber mag nicht glänzen. Nicht ohne Läufe. Richtige Läufe. Es gehe bei allem auch darum, ein altes Klischee zu widerlegen, sagt sein Manager. Nach dem Olympiasieg in Sydney hieß es, Schumann sei ein zufälliger Sieger, ein glücklicher Luftikus der Laufbahn. Diesem Bild würde der 27 Jahre alte Thüringer entsprechen, hätte er nun mehr mit „Winken und Repräsentieren“ zu tun als mit seiner eigentlichen Arbeit, dem Laufen. Ein mehrwöchiges Trainingslager in Südafrika, es wird sein drittes sein, seitdem er bei der Eintracht ist, steht unmittelbar bevor.
„Wir wählen alle Termine vorsichtig aus“, sagt Thaleiser über das nichtathletische Programm seines Klienten. Er kann das auch deshalb tun, weil das erste Jahr nach dem Wechsel allseits als Schonphase galt. Auch Peter Fischer gibt sich geduldig: „Solange die Trainer sagen, Nils liegt im Plan, ist alles gut.“ Dieser Plan sah für 2005 nicht unbedingt erste Rennen vor - auch wenn sie von Schumann in schöner Regelmäßigkeit in Aussicht gestellt wurden. Jetzt aber, kurz vor dem Beginn der Hallensaison, sind die Erwartungen größer. Schumann soll wieder laufen, und er soll seinem Verein mehr Aufmerksamkeit sichern. „Es muß sich jetzt auch etwas ändern“, sagt der grundsätzlich verständnisvolle Peter Fischer, der zwar keinen Leistungsdruck aufbauen will, aber trotzdem sagt: „Nils muß sichtbarer werden.“
Das werden die verbliebenen Sponsoren des Olympiasiegers auch so sehen. Alle Verträge enden im nächsten Jahr, nach der Saison. Wie es heißt, will ein lokaler Radiosender, der bei der Verpflichtung Schumanns finanziell behilflich war, die Zusammenarbeit verlängern. Es wäre ein weiterer Vertrauensvorschuß. Schumann kennt sich aus damit.