21.06.2009 · Ariane Friedrich, die beste deutsche Hochspringerin, hat ihr Leben strengen Regeln unterworfen. Der Erfolg gibt dem von Trainer Eisinger gestalteten Konzept recht. Ariane Friedrich wird das deutsche Gesicht der WM in Berlin sein.
Von Lena BoppEs muss ein schöner Moment gewesen sein, als Ariane Friedrich am vergangenen Montag in Berlin ihren Koffer hinter sich her durch den Berliner Hauptbahnhof zog. Von allen Presseständen, von allen möglichen Titelseiten der Berliner Zeitungen blickte sie ihr eigenes Konterfei an: eine die Begeisterung herausschreiende, die Faust ballende, strahlende Frau, die auf der Hochsprungmatte des Olympiastadions stand und wusste: 2,06 Meter – neue persönliche Bestleistung, Weltjahresbestleistung, neuer deutscher Rekord. Und weil das wohl einfach so schön war, ging Ariane Friedrich am Bahnhof hin, stellte sich hinter zwei ältere Damen, die sich gerade über die Zeitungen beugten, und sagte: „Das ist ’ne Hübsche, gell?“
So selbstbewusst muss man erst mal sein. Ariane Friedrich war es nicht immer. Die 25 Jahre alte Hochspringerin, die für die LG Eintracht Frankfurt startet, hat sich zwar am Sonntag beim Istaf in Berlin von ihrer wagemutigen Seite gezeigt. Aber man darf annehmen, dass sie über ihren gelungenen Coup ähnlich erstaunt war wie all diejenigen, die ihr dabei zusahen. In den Wettbewerb, bei dem sie erstmals in dieser Freiluftsaison auch gegen ihre ärgste Konkurrentin Blanka Vlasic aus Kroatien antrat, stieg sie erst bei einer Höhe von 1,93 Meter ein – „meiner bislang höchsten Einstiegshöhe in einem Wettkampf, wenn ich mich richtig erinnere“. Dann ließ sie ein paar Höhen aus, versuchte sich erfolgreich an zwei Metern, ließ die 2,03 Meter wieder aus und segelte schließlich über 2,06 Meter. „Extremes Pokern“ nannte Ariane Friedrich das später. Den Mut dafür hatte sie sich nach eigenem Bekunden im Einspringen geholt, als sie unversehens die 2-Meter-Marke überquert hatte – in Trainingshosen.
Offensiv beim Thema Doping
Und weil das unbestritten der bisherige Höhepunkt ihrer Karriere war, ließ sie ihm am Abend erst mal ein feistes Abendessen folgen. „Das war nicht essen“, sagte ihr Trainer Günter Eisinger später, „das war schlemmen.“ Bei dem japanischen Restaurant am Berliner Ku’damm dürfte Ariane Friedrich indes ihre vorerst letzte ruhige Minute verbracht haben. Schon auf der Rückfahrt nach Frankfurt am Montag stand das Telefon nicht mehr still. „So habe ich es noch nicht erlebt“, sagte Eisinger. Allein in den ersten zwei Tagen nach dem Wettkampf in Berlin haben die Athletin mehr als neunzig E-Mails erreicht von Fans, Journalisten, Sponsoren und Kollegen. Wer bisher noch Zweifel hatte, dem dürfte spätestens jetzt klar geworden sein, dass Ariane Friedrich das deutsche Gesicht der Leichtathletik-Weltmeisterschaften im August in Berlin sein wird.
Das ist keine leichte Aufgabe. Vermutlich wird Ariane Friedrich sie angehen wie alles, was sie in den vergangenen Jahren in die Hand genommen hat: wohlüberlegt, strukturiert, konzentriert. Sie hat wenig dem Zufall überlassen, seit sie vor etwa drei Jahren begann, ihr Leben wirklich dem Hochsprung zu widmen. Sie hat sich ein Korsett aus Gewohnheiten, Ritualen und Fixpunkten geschaffen, das man zuweilen als arg straff bezeichnen könnte, das ihr aber jene Sicherheit verschaffen kann, die sie alleine nicht in der Lage ist herzustellen. Das hat etwas mit ihrem Alter zu tun und mit ihrem Werdegang, denn Ariane Friedrich hat das Elternhaus im nordhessischen Dorf Helsa Sankt-Ottilien nach dem Abitur verlassen, um in dem Frankfurter Sportinternat an der Arena zu wohnen und zu trainieren. Sie war sechzehn Jahre alt, als sie in die Obhut des Trainers Günter Eisinger kam, der früher mit der sehr erfolgreichen Hochspringerin Heike Henkel zusammengearbeitet hatte.
Aber anfangs lief es nicht rund. Die Versuchungen der Metropole – denn als solche muss man Frankfurt ja ansehen, wenn man aus Helsa Sankt-Ottilien stammt – waren zu groß. Ariane Friedrich hat erst lernen müssen, dass es eine Lebensaufgabe ist, Spitzensportlerin zu sein, und sie musste lernen, dass man in allen Bereichen des Lebens etwas dafür tun muss. Es brauchte eine wechselvolle Beziehung zu einem Jäger, einen Innenbandriss im Sprunggelenk und eine Gürtelrose, bis ihr im Alter von 22 Jahren klar wurde, dass ihre Chance vergehen könnte, würde sie ihr Leben nicht radikal ändern.
Das hat sie getan. Sie hat sich Freiraum erkämpft, eine Ausbildung zur Polizistin begonnen, sie ist in Frankfurt in eine eigene Wohnung gezogen und bald darauf dem polnischen Schwimmer Lukasz Woit begegnet. Gleichzeitig hat sie ihrem Trainer Günter Eisinger erlaubt, das Heft etwas stärker in die Hand zu nehmen. Es ist vor allem die enge Bindung zu ihm, der in Personalunion als Trainer, Manager, Zweitvater und guter Freund auftritt, die ihr jene Stabilität verliehen hat, die ihr offenkundig sehr gut bekommen ist.
Schon vor zwei Jahren hatte sie die Möglichkeit, an den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in der japanischen Stadt Osaka teilzunehmen. Damals allerdings hatte sie ihre Teilnahme abgesagt, weil ihr Trainer sie nicht hätte begleiten können und sie sich ohne ihn nicht zutraute, die für den Einzug in das Finale nötige Höhe von 1,95 Metern zu überqueren. Stattdessen hat sie lieber an der Universiade, der Studenten-Weltmeisterschaft in Bangkok, teilgenommen. Und all jene, die seinerzeit ob der Unselbständigkeit der jungen Athletin den Kopf schüttelten, müssen heute doch anerkennen, dass ihr der Erfolg im Nachhinein recht gegeben hat. Denn was nach dem Wettbewerb in Thailand folgte, war ein besonderer Aufstieg: Innerhalb eines Jahres hat Ariane Friedrich ihre persönliche Bestleistung um knapp zehn Zentimeter verbessert: von 1,95 Meter auf 2,03 Meter im Sommer 2008.
Natürlich weckt ein solcher Leistungsschub Verdächtigungen. Was das Thema Doping angeht, gibt sich Ariane Friedrich indes meist offensiv. Sie verweist dann gerne auf die Zahl der Doping-Kontrollen, die sie absolviert hat, und auf ihre Bereitschaft, sich jederzeit testen zu lassen. Außerdem erzählt sie von ihren Essgewohnheiten, die sie umgestellt habe. Sie esse vor allem Proteine und wenig Kohlehydrate und verzichte weitgehend auf jeden künstlichen Zucker. Mit dieser Methode hat sie ihr Gewicht noch einmal reduziert. Sie wiegt bei einer Körpergröße von 1,79 Meter rund 57 Kilo. Viel zu wenig, sagen einige. Gerade richtig, meint der Trainer. Weniger dürfe es aber nicht werden, sagt auch er.
Dem offenen Umgang mit dem unliebsamen Thema Doping entspricht auf der anderen Seite eine defensive Art, was die eigene Vermarktung anbelangt. Geld? Dafür springe ich nicht, sagt Ariane Friedrich. Fernsehen? Das passt jetzt nicht. Und so lehnt sie konsequent weiter alles ab, was sie aus ihrem Trott bringen könnte. Sie springt nach wie vor nur über die Hochsprunglatte, wenn sie einen Wettkampf absolviert, nie aber während des Trainings. Sie nimmt nie an mehr als einem Wettbewerb pro Woche teil. Und sie verzichtet in keinem Wettkampf auf ihre obligatorischen Kopfhörer oder die Sonnenbrille. All das gehört mittlerweile zu ihrem festen Rhythmus.
Es gibt nur eines, das bei dieser jungen Athletin einem stetigen Wandel unterworfen scheint, und das ist ihre Frisur. Da ist Ariane Friedrich frei und mutig: In den vergangenen Jahren erschien sie mal in schwarzen langen Haaren, mal in blonden kurzen, zuletzt hatte sie in Berlin ihren Haarschopf zu einem Hahnenkamm hochgegelt. Das sieht aus wie ein Widerspruch zu der strengen, sich klaren Regeln unterwerfenden Sportlerin. Aber das ist es nicht. Denn es braucht Mut, um über 2,06 Meter zu springen. Ariane Friedrich wird ihn noch öfters brauchen.