01.02.2009 · Eine Stadt zeigt Flagge: Das Football-Team der Pittsburgh Steelers hat im ganzen Land eine enthusiastische Fangemeinschaft, die sich hinter einem gelben Handtuch vereint. Jetzt kämpfen die Steelers gegen Arizona um die 43. Super Bowl.
Von Jürgen Kalwa, New YorkEs gibt eine Form von Berufsauffassung, die geht selbst in einer so harten Sportart wie Football weit über das Übliche hinaus. Eine Einstellung wie sie Ben Roethlisberger besitzt, der im Dezember von zwei Verteidigern der Cleveland Browns mit voller Wucht attackiert wurde, wobei sein Kopf hart auf dem gefrorenen Boden aufschlug. Er hatte kein Gefühl mehr in den Armen, wurde auf einem Transportwagen vom Platz gefahren und konnte mehrere Tage lang keinen Helm mehr tragen. Die schwere Gehirnerschütterung, die dritte in nur drei Jahren, hatte zu einem Anschwellen des Gehirns geführt. Von den massiven Kopfschmerzen nicht zu reden.
Zwei Wochen später stand der Quarterback im ersten Play-off-Spiel der Pittsburgh Steelers wieder seinen Mann. Die Langzeitrisiken schob er weg. „Ich gehe nicht da raus und mache mir Sorgen. Ich spiele dieses Spiel, und ich lebe dieses Leben in vollen Zügen.“ Für seine Gesundheit sei eine höhere Instanz verantwortlich. „Wenn der Herrgott entscheidet, dass er mich zu sich holen will, dann holt er mich.“
Pittsburgh musste sich aufrappeln - das hat die Menschen geprägt
Die Haltung des knapp zwei Meter großen, 26 Jahre alten Footballprofis mit dem Spitznamen „Big Ben“, der mit seiner hochfavorisierten Mannschaft am Sonntag in Tampa gegen die Arizona Cardinals im Spiel um Super Bowl XLIII antritt, mag im Widerspruch zu allem stehen, was Ärzte über die Behandlung schwerer Kopfverletzungen wissen. Aber in Pittsburgh passt sie in die Landschaft.
Die Stadt, die einst als Verkehrsknotenpunkt einer erz- und kohlereichen Region am Zusammenfluss von Allegheny und Monongahela River zur Stahlschmiede der Nation wurde, musste sich nach dem Ende eines hundertjährigen Booms erst mal wieder aufrappeln. Das hat die Menschen geprägt. Und erst recht das Bild, das sie von ihrem Footballklub haben.
Status: Steel Curtain
Es hilft allerdings auch, dass dieser Klub in den siebziger Jahren unter Trainer Chuck Noll nach einer langen Periode der Erfolglosigkeit mit dem Charme einer fröhlichen Straßengang in der National Football League zur Extraklasse aufstieg. Vier Super-Bowl-Erfolge in sechs Jahren und eine schier undurchdringliche Verteidigung, die bildhaft mit dem Etikett Steel Curtain, Stahlvorhang, belegt wurde, begründeten einen Status, von dem die Mannschaft noch heute zehrt.
Zu diesem Image gehört, dass das erfolgreichste Team der Super-Bowl-Ära bereits seit Generationen derselben Familie gehört, die auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten beharrlich an ihrem Besitz festhielt. Und dass das Team Trainer und Spieler anlockt, die nichts von der Nomadenkultur des modernen Profisports halten und sich gerne langfristig an den Klub binden lassen.
Kein Football-Team findet auf Reisen derartigen Zuspruch
So darf es denn auch nicht wundern, dass das Team mit dem Sinn für Tradition überall in den Vereinigten Staaten eine besondere Sorte von Anhängern besitzt. „Sie sind die enthusiastischsten Sportfans, die ich je gesehen habe“, sagt etwa der Besitzer eines Pubs in Tampa, in dem sich der „Black and Gold Club“ trifft, benannt nach den Trikotfarben der Mannschaft. Die Loyalität der Gemeinschaft der „Steeler Nation“ zeigt sich vor allem bei den Auswärtsspielen. Kein Football-Team in den Vereinigten Staaten findet auch auf Reisen einen derartigen Zuspruch.
Manches am Verhalten der Fans ist allerdings mit normalen Mitteln nicht mehr zu erklären. Etwa dieses kleine goldfarbene Handtuch, das zur Grundausstattung gehört und nur einen Bestimmungszweck hat: Man fuchtelt damit in den spannenden Momenten des Spiels auf den Rängen wild herum, um die Spieler anzufeuern. Der Lappen wird „terrible towel“ genannt und wurde in den letzten 30 Jahren mehr als sechs Millionen Mal verkauft. „Jede große Nation hat eine Flagge“, sagt Pittsburghs Verteidiger Troy Polamalu. „Das ist ganz eindeutig die Flagge der Steeler Nation.“
Das Handtuch hing auf dem Mount Everest
Weshalb der Stofffetzen auch schon von einem Bergsteiger aus West-Pennsylvania auf dem Mount Everest gehisst und vor ein paar Monaten dem damaligen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama bei einem Abstecher in Pittsburgh im Wahlkampf überreicht wurde. Zahlreiche amerikanische Soldaten im Irak und in Afghanistan tragen ihn im Gepäck.
Die penetrante Allgegenwart des „schrecklichen Handtuchs“ provoziert hin und wieder auch Reaktionen. Auf dem Rasen wischen sich schon mal die Spieler gegnerischer Mannschaften nach einem Touchdown demonstrativ ihre Schuhe damit ab. Der Bürgermeister von Phoenix, dem Sitz von Pittsburghs Super-Bowl-Gegner Arizona Cardinals (siehe: Die Football-Familie Fitzgerald und American Football: In Phoenix aus der Asche), tat neulich so, als ob er sich mit einem Exemplar die Nase putzen würde.
Roethlisberger sieht die symbolische Verbindung
Von solchen Irritationen lässt sich Quarterback Ben Roethlisberger jedoch nicht stören. Er sieht vor allen Dingen den symbolischen Wert der Unterstützung von den Rängen und die magische Beziehung zwischen ihm, dem Gladiator, der immer wieder aufsteht, wenn ihn jemand platt macht, und den anonymen Menschen, die ihn verehren: „Wenn sie dieses Handtuch schwenken, kommt etwas aus ihrer Seele und versucht uns Spieler zu erreichen“, sagt er.