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Phil Taylor Der Arbeiterheld

 ·  Phil Taylor kam aus ärmsten Verhältnissen und stieg zum Superstar und wirtschaftlichen Motor des Darts auf. Doch die Dominanz des Engländers scheint vorüber zu sein. Wieder droht er eine WM ohne Pokal zu verlassen.

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© picture alliance / empics Der König der Pfeilwerfer: Rekordweltmeister Phil Taylor

Grummelnd läuft Phil Taylor in den Gängen des Alexandra Palace umher. Der Gigant des Darts, der 15 Mal zum Weltmeister gekrönte König der Pfeilewerfer, hat zwar soeben sein Zweitrundenspiel bei der Weltmeisterschaft in London gegen den Niederländer Jerry Hendriks gewonnen. Aber Zufriedenheit sieht anders aus. Es war ein schwaches Spiel zwischen dem wohl auf ewig Größten seines Sports und einem jungen Niederländer, der bei seiner 1:4-Niederlage dank Taylors Schwäche sogar den ersten Satz gewinnen durfte. Taylor weiß um seine enttäuschende Leistung.

Sein Spitzname lautet „The Power“

Sein Schnitt für die jeweils drei Würfe eines Durchgangs bei der Jagd nach den 501 Gesamtpunkten eines Spiels war mit 90 von maximal 180 Punkten zehn Prozent unterhalb der 100er-Grenze, die die Weltklasse von der spielerischen Masse trennt. Der Rekord-Weltmeister, dessen Spitzname „The Power“ lautet, nuckelte am Freitag zwischen seinen Würfen immer wieder an den „Flights“, den Flügeln seiner Pfeile. Das gilt in der Szene als untrügliches Zeichen für seine Zweifel am eigenen Spiel. Aber Taylor hat einen anderen Schuldigen ausgemacht: den Veranstalter, der die Unverschämtheit besessen habe, ihn so spät in der Nacht noch spielen zu lassen. „So kann man nicht spielen. Ich bin müde, bevor ich ans Board darf“, sagte er wütend. Erst um 23 Uhr durfte er auf die Scheibe werfen.

Der 52 Jahre alte Engländer hat solche Verzögerungen freilich schon Dutzende Male in seiner Laufbahn erlebt, weil er als „Top Act“ eines Spieltags in der Regel der Quote des übertragenden Senders zuliebe grundsätzlich immer als Letzter die Bühne betritt. Eigentlich spielt Taylor, der sportliche Held und wirtschaftliche Motor des Darts, seine Rolle dann auch professionell und gewissenhaft. Sein Manager Barry Hearn, der den gesamten Darts-Sport wie die ebenfalls dem Pub entstammende Billard-Variante Snooker vermarktet, hat das Pfeilewerfen schließlich zu einem Fernsehgroßereignis und dank des Hauptsponsors aus der Wettspiel-Branche zu einem lukrativen Geschäft weiterentwickelt.

Seit zwei Jahren tanzen beim ähnlich wie vor einem Boxkampf inszenierten Einmarsch der Protagonisten vor den Spielen vier Damen lasziv um die Spieler herum. Der Masse der zu 95 Prozent männlichen Zuschauer gefällt das. Die Menschen in der Halle johlen. Dem Darts, das in England nicht nur abendliche Freizeitbeschäftigung im Pub, sondern bei einer Million Klubspielern im Ligabetrieb tatsächlich ein Volkssport ist, nutzt es. Und nebenbei füllt das ganze Brimborium die Kassen von Hearn und seinem Star.

Vom einfachen Techniker zum mehrfachen Millionär

So hat es der in einer Fabrik in seiner Heimatstadt Stoke-on-Trent zum einfachen Techniker ausgebildete und entsprechend schlecht bezahlte Taylor zum mehrfachen Millionär gebracht, seit er im Alter von schon 25 Jahren ernsthaft mit Darts begann. „Ich war im Glück“, sagte der auf der Insel als einer der größten Sport-Superstars geltende Darts-Spieler einmal. „Ich habe meine Nische gefunden, in der ich etwas werden konnte, nachdem ich nicht klug genug war für die Schule oder athletisch genug für Fußball oder Tennis oder was auch immer.“ Der wie Taylor in der Arbeiterstadt in den englischen Midlands beheimatete damalige Weltmeister Eric Bristow hatte ihn entdeckt und finanziell gefördert. Gemeinsam verließen sie bei der Gründung des heute führenden Profidarts-Verbands PDC auch die heute vergleichsweise bedeutungslose British Dart Organisation, um ihren Sport besser vermarkten zu können. Das Privatfernsehen entdeckte das zuvor kaum noch übertragene Darts für sich, und Taylor lieferte mit seiner phänomenalen Erfolgsserie in den kommenden Jahren die passende Geschichte dazu. Er taugte dank seiner Herkunft aus ärmsten Verhältnissen und seinem Aufstieg zum Superstar im Jedermann-Freizeitvergnügen perfekt zum Working Class Hero.

Sein Erscheinungsbild unterstreicht die Durchschnittlichkeit: Er ist nur 1,73 Meter groß, das bei nahezu allen Dartsspielern vorhandene Übergewicht sieht man ihm trotz einer seit einigen Jahren angeblich bewussteren Ernährung immer noch deutlich an. Taylor verkörpert also in jeder Hinsicht Mittelmaß in Perfektion und hat es dennoch zu enormer Anerkennung gebracht. Mittlerweile bekennen sich sogar Royals - wie die gelegentlichen WM-Besucher Prinz Harry oder dessen Cousine Zara Phillips - zu ihrer Leidenschaft für Darts, das bei einer WM bis zu sieben Millionen Briten live am Fernsehapparat verfolgen.

Die größte Faszination geht dabei von Phil Taylor aus: Als der Held am Freitagabend die Bühne betritt, steigt neben der Einschaltquote auch die Dezibelzahl im Alexandra Palace noch einmal deutlich an. Fast alle der 2500 trink- und sangesfreudigen Zuschauer stimmen in ein für ihren Star umgetextetes Weihnachtslied ein: „There’s only one Phil Taylor, walking along, singing a song, walking in a Taylor Wonderland“. Aber dennoch liegt seit drei Jahren ein Fluch auf ihm.

Seine Fähigkeiten verlassen ihn

Auch 2012 ist der lange unantastbare Dominator zwar wieder die Nummer eins der Geldrangliste; neben Werbeeinnahmen in Millionenhöhe hat er wieder rund 900.000 Euro allein auf sportlichem Weg erworfen. Sobald er aber im Alexandra Palace ans Dart-Brett tritt, verlassen ihn seine Fähigkeiten, die alle in der Darts-Szene als Magie bezeichnen. Taylor wird nachgesagt, dass er seine Pfeile so präzise plazieren kann wie kein anderer Weltklassespieler. Er sei in der Lage, sogar auf einzelne Poren des aus Sisal-Pflanzenfasern zusammengepressten Bretts zu zielen. Diese Zauberkraft ermöglichte ihm mehr Nine-Darter - den kürzesten Weg zum Herunterspielen der 501 Punkte mit neun Würfen - als allen anderen Spielern zuvor.

Doch nun droht ihm erstmals seit Gründung der Professional Darts Corporation im Jahr 1992, auch die dritte Weltmeisterschaft in Serie ohne den WM-Pokal verlassen zu müssen. Die ehemaligen Größen des Sports raunen am Rande des Turniers, das am Neujahrstag endet, dass die Herrschaft Taylors zur Neige gehen könnte. „Trouble, trouble, trouble“, sagt Taylors einstiger Mentor Bristow. Probleme, Probleme, Probleme. „Phil fehlt die Ruhe, sich auf seine Würfe verlassen zu können. Er präsentiert sich einfach zu schwach, um das Turnier noch einmal gewinnen zu können.“ Womöglich könnte schon an diesem Sonntag im Achtelfinale gegen Robert Thornton Schluss sein. Zuletzt scheiterte Taylor zweimal am Schotten. Eine Ausrede gäbe es dann schon. „Top-Act“ Taylor muss wieder in der letzten Partie des Tages ran.

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Jahrgang 1973, Sportredakteur.

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