22.11.2009 · Die Regelung, Pferde medikamentös für den Sport fitzumachen, spaltet das internationale Reiterlager. Die Europäer bauen gegenüber dem Weltverband ein Drohpotential auf. Ein Boykott der Weltreiterspiele scheint möglich.
Von Evi Simeoni, StuttgartDie Erschütterung zieht nur langsam Kreise. Gegen Ende des Reitturniers in der Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle aber wurde immer mehr Betroffenen das Ausmaß des Desasters klar, in das ein Beschluss der Generalversammlung der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) vom vergangenen Donnerstag diesen Sport zu stürzen droht.
Die neue Regelung, dass vom 1. Januar 2010 an verletzte oder kranke Pferde medikamentös für Turniere fitgemacht werden dürfen, trägt geradezu autoaggressive Züge. Von „Possenspiel“ bis „Katastrophe“ reichten die Einschätzungen am Rande des Stuttgarter Parcours. „Wir werden mit Hilfe der Veranstalter dafür sorgen, dass dies nicht wirksam wird“, sagte der deutsche Reiterpräsident Breido Graf zu Rantzau. Nur wie?
Bedroht ist die Einheit des Weltverbandes: Länder mit entwickeltem, im Gesetz verankertem Tierschutz können die neue „Verbotsliste“, die die Anwendung von sechs Substanzen erlaubt, nicht übernehmen. Dazu gehören neben Deutschland unter anderen die Schweiz, Frankreich, Schweden, Dänemark und Norwegen. Überlegungen, einen europäischen Verband abzuspalten, sind schon weit gediehen.
„Jedes Mal zum Jahresende platzt eine Bombe“
Bedroht sind internationale Turniere in der Herzregion dieses Sportes, die ihre Glaubwürdigkeit gegenüber Sponsoren, Fernsehsendern und ihren nationalen Sportorganisationen zu verlieren drohen. Zu befürchten ist, dass schon allein wegen der Chancengleichheit deutsche Stars in Zukunft bevorzugt im Ausland starten werden – und dass ausländische Stars Turniere in Nationen mit strenger Tierschutz-Gesetzgebung künftig meiden. Obwohl die Reiter seit langem um eine Lockerung des Medikationsverbots kämpfen, wollen allerdings auch sie peinlichst den Verdacht vermeiden, gegen den Tierschutz zu sein.
Auch das Internationale Olympische Komitee und die Welt-Anti-Doping-Agentur werden sich mit dem Thema befassen müssen. Ein Sport, dessen Reglement in vielen alten Kulturnationen als tierschutzwidrig eingestuft wird, dürfte im olympischen Programm nur schwer zu tolerieren sein. Ob die neue Regel mit dem Welt-Anti-Doping-Kodex zu vereinbaren ist, wäre noch zu überprüfen. Anders als im Menschensport galt es im Pferdesport bisher als ethisch inakzeptabel, kranke oder verletzte „Athleten“ für den Wettkampf fitzumachen. In die gleiche Richtung geht auch das deutsche Tierschutzgesetz.
„Jedes Mal zum Jahresende platzt eine Bombe“, stöhnte Gotthilf Riexinger, der Stuttgarter Veranstalter. Im vergangenen Jahr musste er sich mit dem olympischen Vergehen des Springreiters Christian Ahlmann herumschlagen. Und jetzt ist es der FEI-Beschluss. Selbst der Gala-Auftritt des niederländischen Wunderhengstes Totilas mit Edward Gal im Sattel, der das Publikum zu stehend dargebrachten Ovationen hinriss, konnte die Sorgen am Samstagabend nur kurz vertreiben.
Rantzau: „Ein von manchen gewollter Unfall“
Und auch der clevere Sieg von Ludger Beerbaum (Riesenbeck) mit der jungen Fuchsstute Gotha beim Weltcupspringen am Sonntag unterbrach nur kurz das Grübeln über die Lage des seit vielen Monaten von Dopingskandalen und Läuterungsversuchen gebeutelten Sports. Längst leiden die Veranstaltungen neben der Weltwirtschaftskrise auch unter dem Imageschaden. Immer noch ist unklar, wer die Autoren der von der FEI als „progressiv“ bezeichneten Verbotsliste sind und auf welchem Weg sie in die Abstimmung fand. Eine entsprechende Anfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bei der FEI wurde ausweichend beantwortet. Unter den Beobachtern verfestigte sich der Eindruck einer raffinierten Überrumpelung.
In Kopenhagen konnten sich die Delegierten zwischen einer seit vielen Monaten erarbeiteten Liste entscheiden, die genau abgrenzt zwischen Doping und Medikation, aber eine Behandlung für den Wettkampf nicht vorsieht, und der „progressiven Liste“, die darüber hinaus sechs Substanzen erlaubt, darunter die Schmerz- und Entzündungshemmer Phenylbutazon und Flunixin bis zu einem Grenzwert. Diese nach FEI-Angaben sechs Tage vor der Generalversammlung versandte Liste wurde mit 53:48 Stimmen angenommen. Die Kritiker des Beschlusses sind überzeugt davon, dass dieses Ergebnis auf einer Begriffsverwirrung beruht. „Ein von manchen gewollter Unfall“, sagte Rantzau.
„Ein Pferd, das diese Mittel braucht, ist nicht fit to compete“
Markus Müller, der von der FEI nach Stuttgart entsandte Veterinär, verurteilte am Samstag die Einführung der Schmerzmittel beim Turnier: „Ein Pferd, das diese Mittel braucht, ist nicht fit to compete.“ Also nicht für einen Wettkampf geeignet. Sollte ein Reiter beim Turnier auf diese Substanzen positiv getestet und nicht bestraft werden, sagte der Schweizer, „muss man sich überlegen, ob eine Tätigkeit in diesem Sport noch sinnvoll ist“. Rantzau baute gegenüber der FEI ein umfangreiches Drohpotential auf. Die europäischen Kernländer hätten auch die Vereinigten Staaten auf ihrer Seite, erklärte er.
Man werde gemeinsam das „Compliance Committee“ der FEI anrufen, das untersuchen soll, ob der Entscheidungsprozess regelgerecht abgelaufen ist. Auch einen Boykott der Weltreiterspiele im kommenden Jahr in Kentucky schloss er nicht aus: „Man kann überlegen, ob man zu den Weltreiterspielen fahren kann, wenn dort mit solchen Methoden gearbeitet wird.“ Auch wenn es am Ende zu einer Kompromisslösung kommen sollte, dürfte das Zerwürfnis zwischen dem deutschen Verband und der FEI-Präsidentin Prinzessin Haya von Jordanien kaum mehr zu kitten sein.