Welch ein Moment des Schreckens! Deutsche Meisterschaft der Springreiter, erste Wertungsprüfung um den Titel, Ludger Beerbaum kommt aus der dreifachen Kombination und sprengt mit seinem Schimmelhengst Coupe de Coeur auf einen riesigen Oxer zu. Schon halten einige Zuschauer die Luft an: Absprung aus unpassender Distanz. Das kann nicht gutgehen. Und wirklich: Der Schimmel springt krachend in den Oxer hinein, knickt ein und stürzt. Kurz darauf stehen Pferd und Reiter wieder. Aber Coupe de Coeur lahmt.
Was mögen die Umstehenden gedacht haben in jenem Moment? Das Pferdemädchen vielleicht: Das arme süße Pferd! Der Funktionär: Hoffentlich kann er bald wieder im Sport gehen, wir brauchen ihn für die Europameisterschaft. Der Spekulant: Hoffentlich ist der Schimmel versichert. Der Pferdehändler: Herrje, womöglich sind anderthalb Millionen Euro futsch - und das in einer Sekunde.
Öffentlich in Verruf geraten
Es gab also viele Gründe für die Besitzerin Madeleine Winter-Schulze, draußen auf dem Abreiteplatz in Tränen auszubrechen. Überhaupt macht die wohlhabende Erbin aus Mellendorf, einst selbst Turnier-Reiterin, schlimme Zeiten durch. Ihr gehören nicht nur viele Pferde im Stall Beerbaum, sondern auch die Dressurcracks von Isabell Werth. Das sind Millionenwerte. Ihre beiden Protegés haben zusammen neun olympische Goldmedaillen gewonnen. Und nun sind beide öffentlich in Verruf geraten.
Beerbaum wird für - vergleichsweise harmlose - Äußerungen zum Thema Medikation harsch kritisiert. Werth steht seit dieser Woche als harte Doperin da. Sie verlor durch die Gabe von Psychopharmaka an ihr Pferd Whisper schlagartig ihr Renommee. Madeleine Winter-Schulze aber steht eisern zu ihren beiden Reitern. Und das ist wichtig. Leute wie sie, die bereit sind, siebenstellige Summen für verletzliche, vom Schicksal und von Erkrankungen bedrohte Lebewesen zu bezahlen, halten den Sport am Leben und das Geschäft am Laufen.
Gesamtumsatz liegt bei weit über fünf Milliarden Euro
Man kann die Reiterei aus vielen Blickwinkeln ansehen. Sie ist romantisch, politisch, athletisch oder olympisch. Und sie repräsentiert eine ganze Industrie mit einem lebhaften Geldkreislauf, dessen Herz die Turniere sind. Nach Angaben des Verbandes in Warendorf leben in Deutschland mehr als 300.000 Menschen von Pferden und dem Pferdesport. Dazu gehören Züchter, Halter, Pfleger, Reitlehrer, Zubehör- und Futtermittel-Händler, Turnierveranstalter und viele mehr.
Der Gesamtumsatz des deutschen Pferdewesens liegt bei vorsichtiger Schätzung und von der Basis bis zur Spitze bei weit über fünf Milliarden Euro im Jahr. Der Profisport ist da nur ein kleiner, aber dafür sehr entscheidender Teil. Hier wird die Stimmung gemacht. Die aktuellen Probleme des Spitzensports mit Doping und Medikation gefährden die ganze Branche. Gerade mit Blick auf die Basis versucht die Deutsche Reiterliche Vereinigung deswegen eine gewaltige geistig-moralische Kehrtwendung. Sie sucht mit aller Kraft nach dem Rückweg zum gesellschaftlichen Respekt.
Einblick in geschäftliche Details
Ludger Beerbaum muss für seine offenen Worte, mit denen er das Medikationsverbot bei Turnieren kritisierte, bereits büßen. Er wird zwar in der kommenden Woche beim CHIO in Aachen am Start sein. Aber man hält ihn vorerst nicht für würdig, im Roten Rock für Deutschland an den Start zu gehen - den Nationenpreis darf er nicht bestreiten. Wenn seine Stimmung dieser Tage allzu trübe wird, kann ihn aber womöglich ein kleiner Rückblick wieder aufheitern. Im März etwa gelang es ihm, sein Olympiapferd All Inclusive für eine bedeutende Summe zu verkaufen. Insider schätzen den Preis auf 1,2 bis 1,5 Millionen Euro. Seine Rückstufung in den B-Kader durch den Verlust seines besten Pferdes nahm Beerbaum jedenfalls mit einem Lächeln hin: „Die Rückstufung hefte ich hinter den Kontoauszug“, sagte er.
Höchst unfreiwillig gab der 45 Jahre alte Springreiter dann einige Wochen später einen weiteren Einblick in seine geschäftlichen Details: Er musste wegen des Vorwurfs der Steuerhinterziehung vor dem Amtsgericht Münster erscheinen, wo es um den Import von fünf Pferden ging. Eine der Rechnungen ging so: Beerbaum besorgte das Pferd Lord II über einen befreundeten Springreiter in Norwegen für 400.000 Euro. Es soll für fast eine Million an einen belgischen Kunden weiterverkauft worden sein. 50.000 Euro Provision sollte der Norweger einbehalten, der Rest durch zwei geteilt werden.
Der Laden muss laufen
Ein toller Deal. Springreiter müsste man sein und am Telefon sechsstellige Summen einheimsen. Doch der Alltag der meisten Reiter sieht anders aus. Viele Profis leben von der Hand in den Mund. Sie haben Mühe, ihren aufwendigen Betrieb zu finanzieren. Ein internationaler Turnierstall mit einem Reiter kostet im Jahr 700.000 bis eine Million Euro Unterhalt. Die Kosten für vierbeinige Neuerwerbungen sind darin nicht eingeschlossen. Ein Springreiter wiederum, auch wenn er an einer Spitzenposition in der Weltrangliste steht, kann in seinen allerbesten Jahren etwa eine Million Euro an Preisgeld gewinnen. „Über das Preisgeld können sie den Laden nicht finanzieren“, sagt Thomas Kohler, einer der wichtigsten Männer im Hintergrund des Top-Pferdehandels. Ein gelegentliches Zubrot durch einen Pferdehandel ist also überlebenswichtig. Und der Traum vom Millionen-Deal reitet immer mit.
Der Laden muss laufen - die Spitzenpferde, die siebenstellige Summen kosten, kann ein Profi deshalb aber noch lange nicht selbst kaufen. Dafür braucht er Mäzene wie Madeleine Winter-Schulze, die dafür sorgen, dass ein erfolgreiches Paar über Jahre hinweg zusammenbleibt und für sein Land etwa bei Olympischen Spielen Ehre einlegen kann. Deshalb sieht Kohler auch wenig Sinn darin, bei Spitzenturnieren auf die Suche nach Pferden für seine solvente Kundschaft zu gehen. „Es stimmt nicht, dass nach einem wichtigen Sieg bei einem Reiter das Telefon nicht mehr stillsteht“, sagt Kohler. „Jeder weiß, dass eine Reiterin wie Meredith Michaels-Beerbaum ihre Top-Pferde nicht verkauft.“ Dafür handelt auch sie lebhaft an der Basis - ihre Kontakte zu ihren ehemaligen Landsleuten in den Vereinigten Staaten sind die Geschäftsgrundlage der Weltcupsiegerin.
Gewiefte Geschäftemacher
Kohler arbeitet als Einkäufer und Kundenbetreuer für den Niederländer Jan Tops, einen der einflussreichsten Pferdemanager der Welt. Tops betreibt unter anderem einen Handelsstall, der im Jahr zwischen 100 und 250 Springpferde umsetzt. Seine beste Kundin hat auch einen festen Platz in der Boulevardpresse: Es ist die Tanker-Erbin Athina Onassis, die regelmäßig bei internationalen Turnieren auftaucht, selbst aber nur Amateur-Prüfungen bestreitet. Ihr brasilianischer Gatte Alvaro Miranda hingegen hat seinen Platz im Feld der Profis. „Sie kaufen nirgendwo anders“, sagt Kohler und erklärt das mit ihren guten Erfahrungen.
Trotzdem folgt den beiden auf dem Weg in die VIP-Bereiche der Turniere manch sehnsüchtiger Blick. Wer Geld hat, bleibt dort nicht lange allein. Ein „Kunde“ geht aber in gewisser Weise auch in den Besitz des Händlers über. Manch gewiefter Geschäftemacher beansprucht deswegen auch einen gewissen Prozentsatz vom Erlös, wenn sein Kunde einmal bei der Konkurrenz einkauft. „Wir machen das nicht“, versichert Kohler. „Hundertprozentig.“
Mit einem Milliönchen ist vieles möglich
Gute Pferde versprechen ein gutes Geschäft. Doch sie werden immer knapper. „Die Nachfrage ist höher als das Angebot“, sagt der Pferdehändler. Das liegt an den vielen Reitern aus Ländern, die mangels Masse auf ein Qualifikationssystem verzichten. Wer Mut im Parcours beweist, einen guten Trainer hat und bereit ist, das Geld für ein hochtalentiertes und solide ausgebildetes Pferd zu bezahlen, kann im internationalen Mittelfeld mithalten.
Im Reitsport lässt sich also mit einem Milliönchen eine ansehnliche kleine Sportkarriere durchaus auch kaufen. Allerdings sind durch die Dollar-Entwicklung und die Finanzkrise die Gewinnmöglichkeiten für die Händler kleiner geworden. „Vor zwanzig Jahren konnte es passieren, dass man 50.000 Euro investiert und 500.000 daraus gemacht hat“, sagt Kohler. „Heute investiert man 500.000 Euro, um 50.000 Euro zu machen.“ Immerhin noch ein guter Gewinn. Doch sind manche Geschäftszweige, zum Beispiel der einst lukrative Markt mit Huntern, den schönen, braven, gut ausgebildeten Pferden für den amerikanischen Breitensport, inzwischen völlig zusammengebrochen.
„Auf Dauer schadet das dem gesamten Sport“
Bei den großen Prüfungen des CHIO in Aachen wird Kohler also kaum nach günstigen HandelsoObjekten Ausschau halten. Die findet er nicht einmal mehr beim Bundeschampionat, der vom deutschen Verband veranstalteten Leistungs- und Verkaufsmesse der deutschen Zucht. „Da ist es schon zu spät, dort wird schon zu viel Geld verlangt.“ Er geht zu den Qualifikationen, den kleinen Turnieren in Deutschland, Belgien oder Frankreich. Die Zeiten der großen Schnäppchen seien sowieso vorbei. „Durch das Internet sind die Preise publik geworden“, sagt Kohler. „Augenwischerei gibt es nicht mehr.“
Und noch einen für Top-Pferdehändler unerfreulichen Aspekt hat das Internet. Wenn heute ein schmucker Hengst in einem schweren Wettbewerb einen Spitzenplatz erreicht, schnellen sofort die Anfragen nach seinem Erbmaterial in die Höhe. „Die Leute sehen das Pferd im Fernsehen, dann gehen sie ins Internet und bestellen den Samen.“ Egal, ob der Hengst zur Stute passe und einen korrekten Körperbau mitbringe. So langsam schlage das auf die Zuchtqualität durch. „Es gibt einen europaweiten Einbruch“, sagt Kohler.
Doch Kohler will nicht klagen. Die ersten, die von den Konsequenzen der Dopingdiskussion getroffen würden, seien nicht die Händler, sondern die Veranstalter, die auf lange Sicht Fernsehzeiten und Sponsoren verlieren würden. Doch natürlich würden dadurch sämtliche wirtschaftlichen Abläufe gestört. „Auf Dauer schadet das dem gesamten Sport.“
Merkwürdigkeiten
Sebastian Fischer (SebastianF6)
- 06.07.2009, 22:50 Uhr