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Pferdesport : Dressur pervers - Zwangsmethoden hoch zu Roß

Umstritte Trainingsmethoden: Anky van Grunsven Bild: dpa/dpaweb

Wo endet konsequente Ausbildung, wo beginnt der Verstoß gegen den Tierschutz? Das Dressur-Publikum begehrt auf gegen die rüden Trainingsmethoden, die ungeniert und ungestraft vorgeführt werden.

          Welch feine Gesellschaft die Dressurreiterei doch ist. Man gibt Küßchen links und rechts, trägt Frack und Zylinder, Haarnetz und Krawattennadel sind immer noch en vogue. In gedämpftem Ton wird am liebsten über unverfängliche Themen geplaudert.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Doch was ist das? Immer häufiger wenden sich die Leute in Grüppchen ab und fangen an zu tuscheln. Besonders am Rande der Abreiteplätze, wo sich die Reiter auf ihre Prüfungen vorbereiten, entbrennen Diskussionen. Das Dressur-Publikum begehrt auf gegen die rüden Trainingsmethoden, die ungeniert und ungestraft vorgeführt werden. Erfahrene Pferdeleute fangen an, aufsichtführende Stewards zur Rede zu stellen, und Schulkinder wollen wieder nach Hause, nachdem sie gesehen haben, wie einzelne Reiter ihre Pferde mit Zwangsmaßnahmen ihrem Willen unterwerfen.

          Übertriebenes „Aufrollen“ des Pferdehalses

          Pünktlich zur Europameisterschaft, die zur Zeit in Hagen am Teutoburger Wald stattfindet, hat die Fachzeitschrift "St. Georg" unter dem Titel "Dressur pervers" in Text und Bild das bisher krampfhaft verdrängte Thema ans Licht der Fach-öffentlichkeit geholt. Die Reaktion bei Reitern, Ausbildern und Richtern ist bezeichnend. Erst einmal wollen alle "in Ruhe" die Europameisterschaften hinter sich bringen. Dann will man sich des unerfreulichen Themas mit Hilfe einer Arbeitsgruppe der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) annehmen.

          Neben Sporenstich und Gertenhieb, brutalem Reißen im Maul oder erbarmungslosem Strafexerzieren steht vor allem eine Gepflogenheit in der Kritik, die für Außenstehende nur schwer zu beurteilen ist, von vielen Fachleuten aber als tierschutzwidrig angesehen wird: Das übertriebene "Aufrollen" des Pferdehalses. Besonders die Reiter aus der Schule des niederländischen Nationaltrainers Sjef Janssen fallen damit auf. Etwa Janssens Frau, die zweimalige Olympiasiegerin Anky van Grunsven, sowie Edward Gal und Laurens van Lieren, die in Hagen endlich den siegreichen Coup gegen die deutschen Dauersieger landen wollten. Über längere Phasen wird dabei der Pferdehals so stark nach unten gebogen, daß die Nüstern fast die Brust berühren. "In die Brust beißen" nennen Reiter diese Haltung, die das Pferd zu totaler Unterwerfung zwingt.

          Entrüstete Zuschauer

          In der Natur kommt ein solches Extrem nicht vor. Laut Janssen stellt diese Übung aber eine Art Stretching für Pferde dar. Kritiker wenden ein, daß sie den Grundsätzen der Pferdeausbildung widerspricht. Nach dem Motto "Der Weg ist das Ziel" soll das Pferd eigentlich nach sorgfältigem Training auf natürlichem Wege eine Haltung einnehmen, die zu einer Rundung des Halses führt - allerdings soll dabei das Genick den höchsten Punkt bilden und der Kopf nicht hinter die Senkrechte genommen werden. Das Aufrollen des Halses, das durch übertriebenes Treiben und Zügeln erreicht wird, gilt vor diesem Hintergrund als unreiterliche Methode, die einem Pferd schmerzhafte Dauerschäden zufügen kann. Allerdings macht sie in dem Maße Schule, wie die betroffenen Pferde im Wettkampf punkten. So wurde Anky van Grunsven mit ihrem Olympiasiegerpferd Salinero erst im April unter Begeisterungsausbrüchen der Richter Weltcupsiegerin vor ihrem Musterschüler Edward Gal mit Lingh.

          Eine Episode am Rande dieses Wettbewerbs in Las Vegas zeigt, wie empfindlich die Beteiligten auf das Thema reagieren. Entrüstete Zuschauer machten dort einen Steward auf van Grunsvens Trainingspraxis aufmerksam, der auf eine Ermahnung hin erst einmal einen wütenden Ausbruch von Trainer Janssen ertragen mußte. Janssen entschuldigte sich später dafür. Doch das Problem ist nicht nur ein niederländisches. In Aachen 2004 gab es Ermahnungen für Anky van Grunsven und Isabell Werth. Im Jahr zuvor für Martin Schaudt, zu offiziellen Verwarnungen konnten sich die Funktionäre allerdings nicht durchringen. Werth und Schaudt sind in Hagen nicht am Start. Die eine hat mit ihrem Pferd Satchmo massive Gehorsamsprobleme, der andere trägt mit seinem Weltall Kämpfe aus, die gerne mit dem Begriff "zwischen Genie und Wahnsinn" beschönigt werden.

          Nachhilfe mit elektrischem Strom

          Mariette Withages, die Vorsitzende des Dressurausschusses in der FEI, zieht sich bei solchen Fragen auf die Richterrolle zurück. Wer die Ritte im Wettkampf-Viereck benotet, ist die Meinung der Belgierin, sollte die Vorbereitung besser gar nicht sehen, damit sie nicht aus Versehen in die Wertung einfließt. Dafür möchte sie den Einfluß der Stewards auf dem Abreiteplatz vergrößern. Eine mit Wissenschaftlern besetzte FEI-Arbeitsgruppe soll den Leuten dafür die nötigen Maßstäbe an die Hand geben. Wo endet konsequente Ausbildung, wo beginnt der Verstoß gegen den Tierschutz? Daß die hochqualifizierten Ausbilder in Pferdeländern wie Deutschland und den Niederlanden, die eigentlich die reine Lehre vertreten sollten, dazu nicht mehr herangezogen werden, sagt einiges über das Zutrauen der Offiziellen zu den gut verdienenden Profi-Trainern.

          Das ist aber noch nicht alles. Unter Bezug auf anonyme Quellen prangert der "St. Georg" weitere tierquälerische Methoden im Dressurreiten an, ohne sie speziellen Reitern zuzuordnen: Nachhilfe mit elektrischem Strom etwa, oder Ruhigstellen durch Wasserentzug. Oder gar eine in der Ausbildung von niederländischen Friesenpferden entwickelte Riemenkonstruktion, die ein Pferd an der Longe zwangsweise piaffieren läßt. "Ich wußte, daß es so etwas gibt", sagt Mariette Withages, "aber ich habe es noch nie gesehen." Da wird es höchste Zeit, daß die Verantwortlichen endlich die Augen aufmachen.

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