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Pfarrer Thomas Nonte „Sport machen ist eine geniale Idee der Schöpfung“

Thomas Nonte ist der neue katholische Sportpfarrer in Deutschland. Im F.A.Z.-Interview spricht er über Kicken mit Messdienern, Verzicht am Karfreitag und das Spiel als Vorgeschmack aufs Paradies.

© picture-alliance / Sven Simon Vergrößern „Geld, Ruhm und Macht sind nur des Augenblickes Schein“: Thomas Nonte

Der neue katholische Sportpfarrer in Deutschland leitet den Arbeitskreis Kirche und Sport der Katholischen Bischofskonferenz. Er studierte in Tübingen und an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Jesuiten St. Georgen in Frankfurt. Zuletzt arbeitete der 51 Jahre alte Geistliche als Dozent an der University of California in Berkeley.

Werden Sie in mehrfacher Hinsicht frohe Ostern erleben?

Ja, weil ich am Samstag eingeladen bin zum Bundesligaspiel Mainz gegen Bremen.

Aber Sie werden als Bayern-Fan mit einem Ohr in München sein, wo die Bayern Meister werden können?

Ich werde mir Mühe geben, das nicht zu zeigen. Ich muss Sorge dafür tragen, dass keiner denkt, ich wäre einseitig. Ich nehme mir aber die Freiheit, Bayern-Fan zu sein.

Steht die Kirche nicht auf der Seite der Bedürftigen? Sie müssten also für Hoffenheim oder Fürth einstehen.

Ich schaue immer mit Respekt auf diese Spiele. Aber die Bayern waren letztes Jahr wirklich ein bisschen gestraft, oder? Das war immer ein Thema in unserer Sakristei. Wir hatten stets samstags um 17 Uhr Abendmesse, da läuft die Bundesliga noch, und die Messdiener kommentierten fröhlich den Rückstand der Bayern. Das war dann ein herrlicher Start in eine liturgisch vollkommene Messe.

Es hat ja mal ein dramatisches Bundesliga-Finale mit dem Meistertitel für die Bayern gegeben, und die unglücklichen Verlierer klagten „Gott ist kein Schalker“. Ist Gott überhaupt Fußball-Fan?

Aber selbstverständlich. Natürlich hat Gott die größte Freude, wenn er die Lust der Menschen am Spiel sieht, an der Leidenschaft, an der Leistung. Ob er jedes Mal einverstanden ist, das wage ich zu bezweifeln. Es ist in der Endlichkeit unseres Daseins begründet, dass ein paar Dinge passieren, die man vielleicht Schicksal nennen könnte. Da hat Schalke das Schicksal getroffen.

Als Fußballer muss man manchmal durch die Hölle gehen?

Es gibt ja interessante Berechnungen, wie viel Chaostheorie im Fußball zu Hause ist, in diesem Chaos gibt es ein Gesetz der Regelmäßigkeit. Durch die Hölle gehen würde ich, auf das Spiel bezogen, niemals sagen, dazu habe ich schon zu viele Menschen buchstäblich in der Hölle leiden sehen. Sie glauben das vielleicht nicht, aber ich habe schon bei Krankensalbungen Sterbenden mit einem Kommentar zur Bundesliga ein Lächeln übers Gesicht kommen sehen.

Tatsächlich?

Ja. Was den Menschen in seinem Innersten ausmacht, das ist ja Spiel. Dass man sich freimacht von äußeren Zwängen, sich begeistern kann, Freudensprünge machen kann, manchmal auch nur mit der Seele, das habe ich sogar noch bei Schwerstkranken erlebt. Robert Enke ist durch die Hölle gegangen, ich mag gar nicht nachdenken über die letzten Minuten seines Daseins. Oder auch der Suizidversuch von Schiedsrichter Babak Rafati. Sich zu trauen, sich das Leben zu nehmen, das ist die Hölle. Man könnte daher sagen, vielleicht liegt die Hölle manchmal hinter diesem Spiel.

Und was halten Sie von Kapellen mitten im Stadion wie in Berlin oder auf Schalke?

Das ist der einzige Ort auf dem ganzen Gelände, wo man eingeladen ist zu sein, und zwar unabhängig von Fan-Zugehörigkeit. Als ein Ort menschlicher Transzendenz ist das genau richtig. Ich frage mich, ob das nicht auch ein Ort ist für Muslime. Wir sollten an die vielen muslimischen Sportler und Sportlerinnen denken. Man wird sich vielleicht wundern, dass ich das als christlicher Theologe sage. Die Muslime verehren denselben Gott wie wir auch, wir sind alle Kinder Abrahams.

Was reizt Sie am Amt des Sportpfarrers?

Erst mal ist Sport in sich genial. Ich bin nicht so der Sportlichste, aber Sport machen ist einfach eine geniale Idee der Schöpfung. Sie können sich selbst ausprobieren, man kann etwas erreichen, man tobt sich aus, findet Menschen mit derselben Begeisterung, man lacht, man freut sich, es gibt eine Art der Seelenverwandtschaft, man kann das mit Jungen, mit Alten, mit Fröhlichen, mit Traurigen tun. Außerdem ist Sport eine Brücke zu den Menschen, die vielleicht die andere Sprache der Kirchlichkeit nicht verstehen, oder nicht mehr verstehen. Und ich würde auch sagen, es ist schon ein Geschmack dessen, was uns im Paradies erwartet.

Wie meinen Sie das?

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Veröffentlicht: 29.03.2013, 11:44 Uhr

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