http://www.faz.net/-gtl-77zun
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 29.03.2013, 11:44 Uhr

Pfarrer Thomas Nonte „Sport machen ist eine geniale Idee der Schöpfung“

Thomas Nonte ist der neue katholische Sportpfarrer in Deutschland. Im F.A.Z.-Interview spricht er über Kicken mit Messdienern, Verzicht am Karfreitag und das Spiel als Vorgeschmack aufs Paradies.

© picture-alliance / Sven Simon „Geld, Ruhm und Macht sind nur des Augenblickes Schein“: Thomas Nonte

Der neue katholische Sportpfarrer in Deutschland leitet den Arbeitskreis Kirche und Sport der Katholischen Bischofskonferenz. Er studierte in Tübingen und an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Jesuiten St. Georgen in Frankfurt. Zuletzt arbeitete der 51 Jahre alte Geistliche als Dozent an der University of California in Berkeley.

Werden Sie in mehrfacher Hinsicht frohe Ostern erleben?

Ja, weil ich am Samstag eingeladen bin zum Bundesligaspiel Mainz gegen Bremen.

Aber Sie werden als Bayern-Fan mit einem Ohr in München sein, wo die Bayern Meister werden können?

Ich werde mir Mühe geben, das nicht zu zeigen. Ich muss Sorge dafür tragen, dass keiner denkt, ich wäre einseitig. Ich nehme mir aber die Freiheit, Bayern-Fan zu sein.

Steht die Kirche nicht auf der Seite der Bedürftigen? Sie müssten also für Hoffenheim oder Fürth einstehen.

Ich schaue immer mit Respekt auf diese Spiele. Aber die Bayern waren letztes Jahr wirklich ein bisschen gestraft, oder? Das war immer ein Thema in unserer Sakristei. Wir hatten stets samstags um 17 Uhr Abendmesse, da läuft die Bundesliga noch, und die Messdiener kommentierten fröhlich den Rückstand der Bayern. Das war dann ein herrlicher Start in eine liturgisch vollkommene Messe.

Es hat ja mal ein dramatisches Bundesliga-Finale mit dem Meistertitel für die Bayern gegeben, und die unglücklichen Verlierer klagten „Gott ist kein Schalker“. Ist Gott überhaupt Fußball-Fan?

Aber selbstverständlich. Natürlich hat Gott die größte Freude, wenn er die Lust der Menschen am Spiel sieht, an der Leidenschaft, an der Leistung. Ob er jedes Mal einverstanden ist, das wage ich zu bezweifeln. Es ist in der Endlichkeit unseres Daseins begründet, dass ein paar Dinge passieren, die man vielleicht Schicksal nennen könnte. Da hat Schalke das Schicksal getroffen.

Als Fußballer muss man manchmal durch die Hölle gehen?

Es gibt ja interessante Berechnungen, wie viel Chaostheorie im Fußball zu Hause ist, in diesem Chaos gibt es ein Gesetz der Regelmäßigkeit. Durch die Hölle gehen würde ich, auf das Spiel bezogen, niemals sagen, dazu habe ich schon zu viele Menschen buchstäblich in der Hölle leiden sehen. Sie glauben das vielleicht nicht, aber ich habe schon bei Krankensalbungen Sterbenden mit einem Kommentar zur Bundesliga ein Lächeln übers Gesicht kommen sehen.

Tatsächlich?

Ja. Was den Menschen in seinem Innersten ausmacht, das ist ja Spiel. Dass man sich freimacht von äußeren Zwängen, sich begeistern kann, Freudensprünge machen kann, manchmal auch nur mit der Seele, das habe ich sogar noch bei Schwerstkranken erlebt. Robert Enke ist durch die Hölle gegangen, ich mag gar nicht nachdenken über die letzten Minuten seines Daseins. Oder auch der Suizidversuch von Schiedsrichter Babak Rafati. Sich zu trauen, sich das Leben zu nehmen, das ist die Hölle. Man könnte daher sagen, vielleicht liegt die Hölle manchmal hinter diesem Spiel.

Und was halten Sie von Kapellen mitten im Stadion wie in Berlin oder auf Schalke?

Das ist der einzige Ort auf dem ganzen Gelände, wo man eingeladen ist zu sein, und zwar unabhängig von Fan-Zugehörigkeit. Als ein Ort menschlicher Transzendenz ist das genau richtig. Ich frage mich, ob das nicht auch ein Ort ist für Muslime. Wir sollten an die vielen muslimischen Sportler und Sportlerinnen denken. Man wird sich vielleicht wundern, dass ich das als christlicher Theologe sage. Die Muslime verehren denselben Gott wie wir auch, wir sind alle Kinder Abrahams.

Was reizt Sie am Amt des Sportpfarrers?

Erst mal ist Sport in sich genial. Ich bin nicht so der Sportlichste, aber Sport machen ist einfach eine geniale Idee der Schöpfung. Sie können sich selbst ausprobieren, man kann etwas erreichen, man tobt sich aus, findet Menschen mit derselben Begeisterung, man lacht, man freut sich, es gibt eine Art der Seelenverwandtschaft, man kann das mit Jungen, mit Alten, mit Fröhlichen, mit Traurigen tun. Außerdem ist Sport eine Brücke zu den Menschen, die vielleicht die andere Sprache der Kirchlichkeit nicht verstehen, oder nicht mehr verstehen. Und ich würde auch sagen, es ist schon ein Geschmack dessen, was uns im Paradies erwartet.

Wie meinen Sie das?

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Christian Heidel im Interview Schalke geht nicht mit Mainzer Schablone

Christian Heidel hat 24 Jahre für Mainz als Manager gearbeitet. Nun ist er Sportvorstand von Schalke. Im Interview spricht er über die Bedeutung einer klaren Spielphilosophie und sagt, warum aus Schalke 04 nicht Schalke 05 wird. Mehr Von Daniel Meuren

18.05.2016, 06:15 Uhr | Sport
Leipzig Breakdance mit Prothesen

In Leipzig haben beinamputierte Sportler eine beeindruckende Show abgeliefert. Beide Männer waren an Knochenkrebs erkrankt, wollten sich aber von ihrer Leidenschaft, dem Breakdance nicht abhalten lassen. Mehr

24.05.2016, 19:10 Uhr | Gesellschaft
Adidas-Aufsichtsratschef Unser Gewissen ist rein

Adidas ist derzeit mehr wert als die Deutsche Bank. Ein Gespräch mit Chefaufseher Landau über glückliche Aktionäre, Geschäfte mit der Fifa und den Wechsel an der Spitze des Konzerns. Mehr

16.05.2016, 20:43 Uhr | Wirtschaft
Fahrbericht Opel Astra Sports Tourer

Opel hat zur Zeit einen Lauf, muss nur das Störfeuer der Deutschen Umwelthilfe aushalten. Der kompakte Astra wurde nicht ohne Grund Auto des Jahres. Der Kombi legt jetzt noch nach. Mehr

23.05.2016, 19:27 Uhr | Technik-Motor
Mario Gomez Ich will so hoch hinaus wie möglich

Für Mario Gomez beginnt mit dem Vorbereitungs-Trainingslager in Ascona der Kampf um einen Platz in der Nationalmannschaft. Im Interview spricht der Torjäger über gewünscht 26 Männer im Arm und seinen Heldenstatus in Istanbul. Mehr

25.05.2016, 14:09 Uhr | Sport

Kleiner Gernegroß und großes Fußball-Los

Von Christian Eichler

Wer verdient den Hut, wer das Florett? In Schottland gibt es besonderen Trainernachwuchs. Und in England zeigt sich mal wieder der ganze Fußball-Wahnsinn dieser Tage. Mehr 1