11.10.2008 · Der nigerianische Schwergewichtsboxer Samuel Peter tritt am Samstag gegen Witali Klitschko an. Zwei „Puncher“ erklären den Ring zur „lebensgefährlichen“ Zone.
Von Michael Reinsch, BerlinDie charmanteste Anbiederung und die verblüffendste Spitze dieser Woche hatte der nigerianische Schwergewichtsboxer Samuel Peter zu bieten. Als wollte er seinen Kampf gegen Witali Klitschko am Samstagabend als Dessert zum Nachtisch des Länderspiels gegen Russland anbieten, erschien er zu einem seiner Werbetermine dieser Woche in Berlin im Trikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Der 1,88 Meter große und 114 Kilogramm schwere Boxer erinnerte an einen Gerald Asamoah in XXL.
Auch wenn Peter und sein Promoter Dino Duva von der deutschen Gastfreundschaft schwärmten, verhielten sie und ihr Clan sich doch, als bewegten sie sich in Feindesland. Als sie Anfang der Woche bei einer Pressekonferenz zwischen aufgetürmten Waschmaschinen und Kühlschränken saßen, brach es aus Duva heraus. „Es ärgert mich, dass alle deutsch sprechen“, schimpfte der Juniorpartner des wohl bekanntesten Strippenziehers im Boxgeschäft, Don King. „Ich weiß nicht, worauf ich antworten soll, ich weiß nicht, was alle hier reden.“
„Wir sind zwei Puncher. Da ist es lebensgefährlich im Ring“
Samuel Peter, Weltmeister des Verbandes WBC und wohnhaft in Las Vegas, lamentierte nicht. Er demonstrierte. Grimmig beantwortete er Fragen im Pidgin-Englisch Nigerias, gepfeffert mit Phrasen in einer der Sprachen seiner Heimatprovinz Akwa Ibom im Nigerdelta. Niemand verstand ein Wort, aber alle wussten, was er meinte. „Er sagt, dass er Witali Klitschko in den Arsch treten wird“, rief sein Trainer Stacey McKinley, auf Englisch. Der Mann, der schon drei Weltmeister betreut haben will, darunter Mike Tyson, weiß, dass das Zweitwichtigste im Boxen Geschrei ist.
Das Wichtigste ist Einfluss. WBC-Präsident José Suleiman versprach deshalb, dass er Ring- und Punktrichter handverlesen habe und noch dazu die Präsidenten der Kontinentalverbände als Zeugen nach Berlin eingeladen habe. So trommelten denn Witali Klitschko und Samuel Peter in dieser Woche mit kernigen Phrasen in einem Elektromarkt, in einem Autohaus und in einem Kaufhaus für Sportartikel für ihren Boxkampf.
Verletzungen setzten dem Klitschko mehr zu als jeder Gegner
„Danger Zone“ steht auf den T-Shirts, die zum Kampf verkauft werden, und aus der Gefahrenzone hielten handgreiflich Scharen von kräftigen Herren in prall gefüllten schwarzen Anzügen Zuschauer und Passanten heraus. „Wir sind zwei Puncher. Da ist es lebensgefährlich im Ring; jeder Schlag kann entscheidend sein“, versprach Witali Klitschko mehr als einmal.
Der 2,02 Meter große Hüne aus der Ukraine hat sich zum dritten Mal in vier Jahren auf einen großen Kampf vorbereitet und wiegt, wie sich am Freitag zeigte, 112 Kilo; drei weniger als sein 14 Zentimeter kleinerer Gegner. Seit er im Dezember 2004 seine Weltmeisterschaft in Las Vegas durch Technischen K.o. gegen Danny Williams verteidigte und seinen Kampfrekord auf 35:2 Siege, davon 34 Knockouts, steigerte, musste Witali Klitschko zunächst eine weitere Titelverteidigung und dann sein Comeback im Sommer 2007 abblasen. Eine Serie von Verletzungen setzte dem zweimaligen Weltmeister mehr zu als jeder Gegner: eine Schulterverletzung, ein Muskelfaserriss, zwei Bandscheibenvorfälle und eine weitere Rückenoperation sowie ein Meniskusschaden mit Bänderriss.
Witali und Wladimir gehören zur deutschen Fernsehfamilie
Gerade als es schien, als ob der promovierte Sportwissenschaftler und Vater von drei Kindern eine neue Lebensaufgabe in der ukrainischen Politik gefunden habe und sich nach zwei gescheiterten – wie er behauptet: manipulierten - Wahlen zum Bürgermeister von Kiew mit Verve im Rat der Stadt sowie als Berater von Präsident Viktor Juschtschenko engagierte, überraschte er mit dieser Rückkehr.
Da sein kleiner Bruder Wladimir es ihm nachgemacht habe und Weltmeister sei - gleichzeitig bei den Verbänden IBF, WBO und IBO –, erzählte Witali immer wieder, wollten sie sich den Traum verwirklichen, als erstes Brüderpaar gleichzeitig Weltmeister im Schwergewicht zu sein. Mehr noch als dies dürfte ihn die Fortsetzung der lukrativen Präsenz auf dem Sport- und Werbemarkt locken. Witali und Wladimir gehören längst zur großen deutschen Fernsehfamilie und treten in Talkshows ebenso auf wie in Werbespots. Dass ihre Prominenz und ihr Millionenvermögen auf dem Faustkampf gründet, drohte insbesondere im Fall Witali fast in Vergessenheit zu geraten.
„RTL ist der Grund dafür, dass wir hier sind“
Dabei hatten weder Verletzungen noch Wahlkampf ihn je daran gehindert, Sportler zu sein. „Training gehört zu meinem Leben wie Zähneputzen“, sagt er gern. Da passte es, dass der Verband WBC ihm den freiwilligen Verzicht auf die Weltmeisterschaft mit dem Anrecht versüßte, jederzeit zurückkehren und um die Titel kämpfen zu dürfen. „Champion Emeritus“ nennt sich Witali Klitschko deshalb, nicht Ex-Weltmeister. „Ich bin kerngesund und topfit“, sagte er in Berlin. „Wir mussten meinen Sparringspartnern Schmerzensgeld zahlen.“
Am Kleingeld dürfte es nicht mangeln. Während Klitschko nicht darüber spricht, ist Promoter Duva offener. „RTL ist der Grund dafür, dass wir hier sind“, räumt er ein. „Ich wollte nicht nach Deutschland, aber sie zahlen am meisten.“ Sollte Klitschko den 28 Jahre alten Peter besiegen und unverletzt bleiben, winkt das Geld des amerikanischen Bezahlsenders HBO. Doch selbst im Falle einer Niederlage dreht sich alles um Klitschko – um den anderen. „Wenn Samuel Witali ausknockt, was ich erwarte“, ließ Don King aus Amerika wissen, „hat er eine Revanche gegen Wladimir verdient. Peter war damals, als er gegen ihn verlor, noch ein Anfänger.“ (sieh auch: Witali Klitschko: „Ich möchte nicht von Wladimir verprügelt werden“)