Home
http://www.faz.net/-gub-13fxa
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Peking 2009 Der Grauschleier ist zurück

07.08.2009 ·  Der 8. August 2009 - ein Jahr nach den Olympischen Spielen. Der Himmel über Peking ist wieder grau. Das Vogelnest leer. Die KP hat ihre Macht noch gefestigt. Im täglichen Leben gibt es aber auch Verbesserungen.

Von Till Fähnders, Peking
Artikel Bilder (11) Lesermeinungen (2)

Der Himmel ist wieder grau über dem Pekinger „Vogelnest“, die Ränge sind wie leergefegt. Im Nationalstadion stehen achtzigtausend rote Plastikstühle, nur auf ein paar Dutzend haben sich Touristen niedergelassen. Andere bevorzugen die umgekehrte Perspektive, schauen von der Laufbahn aus in das Oval des imposanten Baus hinauf. Die meisten kennen das Stadion nur aus dem Fernsehen. Nun dürfen sie selbst dort stehen, wo vor einem Jahr die Pekinger Spiele eröffnet wurden.

Ein Tourist lässt sich mit einer olympischen Fackel in der Hand fotografieren. „Es ist wirklich etwas Besonderes“, sagt die Lehrerin Fan Xiaoxing, die mit ihren Schülern aus der Provinz Sichuan angereist ist. Die meisten in China haben die größten Momente der Olympischen Spiele 2008 noch im Kopf. Usain Bolt, Michael Phelps – auf den Bildschirmen wurden ihre Triumphe in Endlosschleife wiederholt. Viele erinnern sich auch noch, wie der chinesische Hürdenläufer und Superstar Liu Xiang verletzt aus dem Stadion humpelte, oder wie Chinas Nationalhymne tönte und die rote Fahne im Wind flatterte, wenn schon wieder einem einheimischen Athleten die Goldmedaille um den Hals gehängt wurde. Jahre hatte Peking darauf hingearbeitet, und die meisten Chinesen hatten mitgefiebert.

Am Ende sprach der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees Jacques Rogge von „wahrlich außergewöhnlichen Spielen“. Gelobt wurde vor allem die perfekte Organisation. China schaut deshalb an diesem Samstag mit Stolz und Nostalgie zurück. Aber die Begeisterung ist ein Jahr danach auch einer gewissen Nüchternheit gewichen. Nicht jeder erstarrt vor Ehrfurcht. „Nicht so gut wie im Fernsehen“, sagt der zwölfjährige Liu Yuqi über das „Vogelnest“. „Hätte ich mir größer vorgestellt“, sagt sein Schulkamerad, der zehnjährige Fu Shuosheng.

Die meisten Stadien sind unbenutzt

Die am häufigsten gestellte Frage lautet dieser Tage, ob und wie die Sportanlagen in Zukunft gewinnbringend genutzt werden können. „Es gab zu hohe Kosten und zu viel Verschwendung. Es hat Jahre gedauert, die ganzen Stadien zu bauen, aber die meisten sind jetzt unbenutzt“, kritisiert der Pekinger Fotograf Liu Bowen. Im „Vogelnest“ hat es seit einem Jahr nur zwei Veranstaltungen gegeben: ein Konzert des Hongkonger Filmstars Jackie Chan und ein Sportfest für die Schüler der „Pekinger Experimentellen Grundschule Nummer zwei“. Am Jubiläumstag gibt es eine offizielle Zeremonie und ein Spiel der italienischen Fußballklubs Inter Mailand und AS Rom. Im Oktober soll die Puccini-Oper „Turandot“ aufgeführt werden.

Längerfristig ist das „Vogelnest“ auf solche Großveranstaltungen angewiesen. Seine laufenden Kosten kann es derzeit aber allein mit Hilfe der Touristen finanzieren. Vor den Schaltern stehen die Besucher Schlange. Der Eintrittspreis ist mit 50 Yuan (rund fünf Euro) happig. Während der Nationalfeiertage im vergangenen Herbst hatte das Stadion mehr Schaulustige angezogen als die „Verbotene Stadt“. Doch zwischendurch ist die Zahl der Touristen von 20.000 täglich auf teilweise nur noch 5000 Besucher gesunken. Einige der anderen Stadien stehen sogar völlig verwaist herum.

Das „Olympic Green“ ist zum Ausflugsort geworden

Auf dem Asphalt des Olympiageländes dreht ein Junge mit seinem Skateboard kleine Runden, ein anderer lässt seinen Drachen steigen. Das „Olympic Green“ ist zum Ausflugsort geworden wie der Sommerpalast oder die Große Mauer. Für viele Pekinger sind die Spiele nun eine Episode der mehrere tausend Jahre alten Geschichte Chinas. Im modernen China wird aber nicht mit ideellen Werten gerechnet. Im Juni meldeten die staatlichen Finanzprüfer einen Gewinn der Spiele in Höhe von etwa einer Milliarde Yuan (etwa 100 Millionen Euro). Das klingt passabel, allerdings sind die kolossalen Investitionen für die indirekt mit den Spielen verbundene Infrastruktur nicht eingerechnet.

„Wir haben uns erfolgreich der Welt präsentiert, aber es war teuer, und wir haben nicht viel zurückbekommen“, sagt der Rentner Han Xiuling, der in einer der alten Pekinger Gassen in einem kleinen Laden gesüßte Milchspeisen verkauft. Zusammen mit den anderen 17 Millionen Pekingern hat er zugesehen, wie die Stadt sich in den vergangenen Jahren verwandelte. Peking lebt im Takt der Baumaschinen. Viele traditionelle Wohnviertel sind verschwunden. Es wurde viel zu viel und viel zu schnell gebaut. Bürohäuser stehen leer. Die zahlreichen neuen Vier- bis Fünf-Sterne-Hotels geben Rabatte, weil dieses Jahr viel weniger ausländische Touristen kommen.

Peking ist nicht grün - aber Verbesserungen sind sichtbar

Die meisten Pekinger sagen, dass ihr Leben durch die Austragung der Olympischen Spiele aber angenehmer geworden ist. „Es ist schöner, die Luft ist besser, und die Leute achten mehr auf Umweltschutz“, sagt Rentner Han Xiuling. Die Einwohner benehmen sich angeblich „zivilisierter“ – sie spucken seltener auf den Boden, und die Männer laufen nicht mehr so oft mit nacktem Oberkörper herum. Auch die Lebensqualität hat sich verbessert. Seit den Spielen gelten weiter teilweise Fahrverbote, wenn auch in einer entschärften Form, und es gibt weniger Staus (allerdings kommen täglich auch immer noch mehr als 1000 neue Autos hinzu).

Die Behörden pflanzten 30 Millionen Bäume und Büsche, verlegten 200 Fabriken, musterten 50.000 alte Taxis und 10.000 Busse aus. Die Regierung wollte ein „grünes Peking“ schaffen. Das ist zwar nicht ganz geglückt, aber Verbesserungen sind sichtbar. Die Stadtregierung behauptet auch, dass die Pekinger Luft sauberer geworden ist. Während der Olympischen Spiele waren die Luftschadstoffe im Vergleich zum Vorjahr tatsächlich deutlich reduziert worden, wie auch das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) in einer Studie feststellte. Dafür sollen aber nicht nur die Maßnahmen der Regierung, sondern auch das günstige Wetter im August 2008 gesorgt haben. Eine andere Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Luftbelastung für die Sportler deutlich schlimmer war als bei den Spielen in Sydney oder Athen. Sie lag demnach häufig sogar über den Grenzwerten der Weltgesundheitsorganisation.

Der 8. August wurde zum nationalen „Fitnesstag“ ausgerufen

Im darauffolgenden August liegt nun wieder ein Grauschleier über Peking, ein Gebräu aus Dreck und Dunst. Die wabenartige Außenhaut des Pekinger „Wasserwürfels“ scheint wie von einer schmutzigen Schicht bedeckt. In dem Schwimmstadion sollen an diesem Augusttag chinesische und russische Jugendliche gegeneinander antreten. Chinas Hauptstadt verfügt nun über einige der besten Sportstätten der Welt. Der Profisport ist in China aber weiter von den elitären Sportschulen geprägt. Die Regierung bemüht sich gleichwohl, dem Volk Körperertüchtigung beizubringen. Der 8. August wurde deshalb zum nationalen „Fitnesstag“ ausgerufen.

Im Inneren des spektakulären Schwimmstadions geht es dagegen vor allem um Kommerz. Hier steht ein Souvenirshop neben dem anderen. Touristen beugen sich über Vitrinen mit Miniatur-Wasserwürfeln, Wasserwürfel-Bechern und Wasserwürfel-T-Shirts. „Es ist ein Traum – so viel zu kaufen!“, ruft eine Frau begeistert aus. Sie will eine nachgemachte Goldmedaille erwerben. Mit 51 Medaillen hatte China im vergangenen Jahr zum ersten Mal die olympische Goldbilanz angeführt. Das Erbe der Olympischen Spiele sei aus diesem Grund nicht weniger als „der Stolz auf unsere Nation“, sagt die Frau.

Die Macht der KP hat sich durch den Erfolg der Spiele noch gefestigt

Schon als die Olympischen Spiele 2001 an Peking vergeben wurden, war die halbe Stadt auf den Beinen. Auf den Straßen wurde die Nationalflagge geschwungen. Chinas 1,3 Milliarden wollten der Welt beweisen, dass sie kein rückständiges Land mehr sind. Es galt, einen Minderwertigkeitskomplex zu überwinden, der vor allem darauf beruht, dass das einst mächtige Riesenreich vor mehr als 150 Jahren zum Spielplatz europäischer Kolonialmächte werden konnte. Deshalb reagierten die Chinesen auch so empfindlich, als es während des Fackellaufs in Europa Angriffe auf die olympische Flamme gab und wegen Pekings Tibet-Politik scharfe Kritik geäußert wurde.

Vor allem ausländische Beobachter sahen die Spiele als Chinas „coming out party“. Zwölf Monate später ist in der globalen Politik und Wirtschaft nun kaum etwas ohne China möglich. Allerdings dürfte dies noch mehr durch die Wirtschaftskrise beschleunigt worden sein als durch die Olympischen Spiele vor einem Jahr. Die Erwartungen westlicher Länder sowie des Internationalen Olympischen Komitees, dass die Spiele zu einer Liberalisierung und einer stärkeren Achtung der Menschenrechte in China führen könnten, haben sich im Rückblick nicht erfüllt. In dieser Hinsicht äußern sich auch einige Pekinger kritisch. „China tritt der Welt offener gegenüber. Aber in unserem täglichen Leben gibt es keine offensichtlichen Verbesserungen bei der Gerechtigkeit oder den Menschenrechten“, sagt der Rentner Han Xiuling.

Besondere Härte gegen Bürgerrechtler und Andersdenkende

Die Macht der KP hat sich durch den Erfolg der Spiele sogar noch gefestigt. Die internationale Aufmerksamkeit führte zu einer besonderen Härte gegen Bürgerrechtler und Andersdenkende. Die sogenannten olympischen Protestzonen wurden zur Falle für diejenigen, die sich tatsächlich trauten, dort eine Demonstration anmelden zu wollen. Aus Sicht der chinesischen Führung hat diese repressive Sicherheitspolitik den Erfolg der Spiele erst ermöglicht. Das Konzept wird nun auf andere nationale Ereignisse übertragen.

Im Oktober wird der 60. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik gefeiert. Für die Zeremonie wird auch diesmal der Regisseur Zhang Yimou, der die olympische Eröffnungs- und die Schlussfeier inszenierte, verantwortlich sein. Im kommenden Jahr stehen dann die nächsten Großereignisse an. Die Uhr auf dem Tiananmen-Platz in Peking, die einst noch die verbleibende Zeit bis zum Olympiabeginn angezeigt hatte, zählt nun auf die Expo 2010 in Schanghai hin.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1976, politischer Korrespondent für Südostasien.

Jüngste Beiträge

Stürmer in der Defensive

Von Michael Ashelm

Die Anforderungen an Angreifer haben sich stark verändert – und damit die Auswahl des Personals. Der Stürmertyp, der vorne wartet, bis er bedient wird, stirbt aus. Mehr