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Peking 2008 Und alle singen das Hohelied auf die Partei

23.10.2007 ·  Ein vorolympischer Kongress: Chinas KP gibt sich weltoffen und schmückt sich mit ihren Vorzeigeathleten. NBA-Basketballer Yao Ming, Hürden-Olympiasieger Liu Xiang und zwei Dutzend weitere Spitzensportler lassen sich gerne einspannen.

Von Frank Hollmann, Peking
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Etwas verloren irrt der Blick von Tan Xue durch die Große Halle des Volkes in Peking. Für eine Woche hat Tan den Trainingsanzug gegen ein schickes Kostüm getauscht, Anstandskleidung für die jüngste der 2217 Delegierten beim Kongress der KP Chinas. „Ich bin das erste Mal in so einer Versammlung. Das wird mir helfen, die Theorie der Partei zu verstehen. So kann ich Ehre für unser Land erringen“, erklärt die 23-Jährige pflichtbewusst den Staatsmedien. Bis zu Tan Xues großem ehrenvollen Moment sind es nur noch 291 Tage. Im August nächsten Jahres soll Chinas erste Säbelweltmeisterin in Peking olympisches Gold erfechten.

Tan Xue ist nicht die einzige Olympiahoffnung unter den Delegierten des 17. Parteikongresses. Knapp ein Jahr vor der Eröffnungsfeier schmückt sich die KP mit ihren Vorzeigeathleten. Tischtennis-Olympiasiegerin Zhang Yining, Tennisprofi Zheng Jie oder Kanu-Olympiasieger Yang Wenjun lassen stundenlange Reden über sich ergehen und singen, wenn gefragt, das Hohelied auf die Partei. Nur ihr verdankten sie ihre Förderung, nur dank ihrer Fürsorge könnten sie Siege und Medaillen für das Vaterland einfahren. Die monotonen Antworten, vorgetragen mit strahlendem Lächeln, bringt das Staatsfernsehen allabendlich zur besten Sendezeit.

Milliardäre unter den Kommunisten

Chinas Olympiasieger sind Volkshelden, in deren Glanz sich auch die meist gänzlich uncharismatische Führungskaste gern sonnt. Auch Chen Yanqing ist eine solche Lichtgestalt. Die 28-jährige Gewichtheberin aus dem ostchinesischen Souzhou will nächstes Jahr wie in Athen Gold holen. Trotz intensiven Trainings beendet sie gerade ihr Psychologiestudium. Die so gewonnene mentale Stärke werde ihr auch im Wettkampf helfen, sagte sie der staatlich gesteuerten „China Daily“. Solch vorbildlichen Fleiß belohnt die Partei. Auch Chen ist Delegierte.

27 Sportler nehmen derzeit am Parteikongress teil, so viele wie noch nie. Darunter sind auch ehemalige Olympiasieger, Athleten wie der Pistolenschütze Wang Yifu und einige Trainer. Diese große Zahl zeige, erklärten Pekings Politstrategen, dass die Partei einen immer größeren Bevölkerungsteil repräsentiere. Seit der Amtszeit des letzten Staatspräsidenten Jiang Zemin sitzen selbst Milliardäre unter den Kommunisten. Chinas KP gibt sich weltoffen. Der Sport soll dabei helfen. Denn 2008 sei es nicht Pekings vorrangiges Ziel, die Vereinigten Staaten als Nummer eins im Medaillenspiegel abzulösen, sagte Sportminister Liu Peng: „Goldmedaillen sind nicht das Wichtigste. Am wichtigsten ist, dass die Spiele alle Gäste glücklich machen.“

Die Spiele müssen ein Erfolg werden

So viel Glückseligkeit verträgt keine dunklen Wolken, weder am oft so smogverhangenen Pekinger Himmel noch am politischen Horizont. China sieht sich zunehmend unter diplomatischem Druck, auf das brutale Regime in Burma mäßigend Einfluss zu nehmen. Die Vorgänge im Nachbarland dürften aber keinen Einfluss auf Olympia haben, verkündete der Vizepräsident des Organisationskomitees Liu Jingmin scharf: „Der Versuch, dies als Entschuldigung für einen Boykott der Spiele zu nehmen, ist unangemessen.“

Die Spiele „müssen ein Erfolg werden“, hatte auch Staats- und Parteichef Hu Jintao in seiner Eröffnungsrede gemahnt. Gerade erst wurde das Olympiabudget um umgerechnet 400 Millionen auf zwei Milliarden Dollar erhöht. Die Gesamtkosten vor allem für den Ausbau der Infrastruktur und Umweltschutz freilich belaufen sich auf ein Vielfaches. Die Investition soll sich lohnen.

Die Stars lassen sich einspannen

Deshalb nimmt Peking zunehmend selbst seine größten Sportstars in die Pflicht. NBA-Basketballer Yao Ming, der populärste Athlet des Landes, verpasste vor zwei Wochen den Trainingsauftakt bei seinem Arbeitgeber Houston Rockets. Stattdessen war der 2,26 Meter große Hüne Teil der olympiawürdigen Eröffnungsfeier der Special Olympics in Schanghai, bei der Staatschef Hu persönlich die geistig Behinderten willkommen hieß. Mit der aufwendigen Inszenierung wollte China der Welt auch sein gewachsenes soziales Bewusstsein demonstrieren. Dafür ließ sich auch Liu Xiang, Hürden-Olympiasieger 2004 und neben Yao der zweite große Sportstar des Riesenreiches, einspannen.

In den nächsten Monaten aber soll sich Hobbysänger Liu ganz auf den Sport konzentrieren. Auftritte für Sponsoren und soziale Einrichtungen würden gestrichen, sagte diese Woche sein Trainer und väterlicher Freund Sun Haiping. Auch er ist einer der Sportdelegierten beim Parteikongress. Vor seiner Abreise nach Peking allerdings hatte Sun seinem Schützling noch ein detailliertes Trainingsprogramm diktiert. Beim nächsten Parteikongress 2012 könnte das schwierig werden. Möglicherweise ist der Leichtathlet dann selbst dabei, verriet Liu Xiangs Coach: „Er ist Parteimitglied, also ist er an Politik interessiert. Er sagte mir, Delegierter zu sein, sei eine große Ehre.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.10.2007, Nr. 42 / Seite 24
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