28.08.2007 · Auch während des Besuches von Kanzlerin Merkel läuft die Pekinger Propaganda-Maschine auf höchsten Touren, um alle auf Olympia einzustimmen. Doch es regt sich auch Widerstand gegen die geförderte Vorfreude. Von Petra Kolonko.
Von Petra Kolonko, PekingÜber Sinn und Unsinn, über Kosten und Nutzen der Olympischen Spiele von Peking im kommenden Jahr hat es in China nie eine öffentliche Diskussion gegeben. Das Prestigeprojekt der Parteiführung erhielt den erwünschten Zuspruch, kritische Stimmen gab es bislang kaum. Die Pekinger Propaganda-Maschine läuft auf höchsten Touren, um alle auf die Spiele einzustimmen und nach außen zu verbreiten, dass ganz China das Ereignis voller Begeisterung erwartet. Das Fernsehen zeigt Olympia-Shows und Olympia-Fragespiele, die Zeitungen sind voll mit Olympia-Artikeln. Derzeit findet in Peking eine Reihe von sportlichen Test-Wettbewerben unter dem Motto „Viel Glück, Peking“ statt, die von der chinesischen Presse ausführlich gewürdigt werden.
Doch in die echte und die geförderte Vorfreude auf die Spiele mischen sich seit Kurzem auch kritische Töne. Ein Grummeln ist zu hören; nicht laut, aber vernehmbar. Nicht zufällig begann das Grummeln mit dem viertägigen Fahrverbot in der Hauptstadt, der als Olympia-Test deklariert wurde. Denn hier waren erstmals alle Bürger von den olympischen Vorbereitungen betroffen. Und es ging auch um der Pekinger liebstes Kind, das Automobil nämlich, mit dem viele erst seit kurzem dank neuem Wohlstand stolz zur Arbeitsstätte fahren, trotz langer Staus und weiter Wege. Die Pekinger Stadtregierung meldete am Freitag, dass die Verkehrseinschränkungen von den meisten Pekinger gutgeheißen worden seien. Die meisten hätten sich über angenehmere Verhältnisse auf den Straßen gefreut und für die Übung im Sinne des olympischen Geistes Verständnis aufgebracht.
„Übertrieben und unverschämt“
Im Internet gab es aber andere Stimmen. An vier Tagen durften jeweils nur Fahrzeuge mit geraden oder ungeraden Nummern auf die Straße. Zwangsweise mussten daher viele auf Busse, U-Bahnen und Taxen umsteigen. Viele beschwerten sich über den mühseligen Pendelverkehr. Andere argumentierten, dass sie für ihr Auto auf den Tag berechnete Straßengebühren bezahlen, die sie nun eigentlich für die zwei Tage zurückbekommen müssten. Die Stadtverwaltung habe nicht das Recht, den Verzicht auf das Auto zu erzwingen, hieß es. Man sollte so etwas nur auf freiwilliger Basis tun. Andere forderten, für einen solchen Eingriff in das Leben der Bürger erst einmal eine rechtliche Grundlage zu schaffen. , so der Tenor der Kommentare.
„Wofür kaufen wir denn ein Auto, wenn wir es nicht benutzen dürfen? Sollen wir es nur anschauen?“, fragte ein Blogger. Besonders diejenigen, die einen weiten Anfahrtsweg zur Arbeit haben, beschwerten sich. Es sei viel zu teuer, ein Taxi zu nehmen. Und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln komme man in Peking noch lange nicht überall hin. Manche fanden auch, dass der Versuch eine Übung der Stadtverwaltung in Formalismus war.
Die Pekinger nahmen auch zur Kenntnis, dass sich die Luft durch die Einschränkungen des Verkehrs nicht wesentlich gebessert hat. An drei der vier Tage hing über Peking immer noch der dicke Dunst, der die Sonne nur als gelben Ball erkennen lässt. Zwar ergaben die Luftmessungen bessere Werte, aber die deutlich wahrnehmbare Aufhellung, die man vielleicht hätte erwarten können, trat nicht ein. Die Wetterbedingungen seien nicht günstig gewesen, hieß es dazu vom Umweltamt.
„Grüne Lebensmittel“ für Olympia
Bei den durch das Fahrverbot bereits sensibilisierten Pekingern zogen einige andere olympische Nachrichten noch Ärger nach. Beispielsweise wurde berichtet, dass Gemüse und Obstplantagen in Peking angelegt würden, die während der Spiele nur zur Versorgung der Athleten da sein sollten. Das Gemüse und Obst sei rückstandsfrei, keine Pestizide, keine Düngemittel, absolut gesund. Sofort protestierten einige Internet-Nutzer. Sie fragten, ob denn die Pekinger Bürger nicht auch ein Recht auf gesundes Obst und Gemüse hätten. Warum sollten denn nur diese Ausländer und Besucher in den Genuss „grüner“ Nahrungsmittel kommen?
Eine Pekinger Zeitung enthüllte, dass für die Olympischen Spiele bereits heimlich zehn Schweinefarmen in ganz China angelegt worden seien, in denen Schweine unter strikter Qualitätsüberwachung gezüchtet würden, damit sichergestellt werde, dass das Fleisch einwandfrei sei. Diese Farmen seien von der Außenwelt abgeriegelt. Es würden dort auch keine Antibiotika eingesetzt, sondern nur chinesische Kräutermedizin. Auch werde darauf geachtet, dass die Umgebung nicht verschmutzt und das Wasser klar sei. Auch diese Berichte warfen die Frage auf, warum solche Mühe nicht auch auf die Lebensmittel für die Normalbürger verwandt wird.
Regierung sendet SMS
Unmut gibt es auch hier und da über die Verschönerungsmaßnahmen der Stadtregierung in Peking. An vielen Straßenzügen wurde verordnet, dass die Häuserfassaden zu streichen seien. Manche Pekinger, die zum großen Teil mittlerweile Besitzer ihrer Wohnungen sind, empfinden dies als Eingriff in ihr Eigentum. Man habe für die Wohnung bezahlt, da könne doch nicht einfach die Stadt verordnen, wie und wann die Fassade bemalt werde.
Vielen scheint jetzt erst zu dämmern, dass die Olympischen Spiele mit Einschränkungen und Nebenwirkungen daherkommen werden, die sich vielleicht nicht nur auf die Zeit der Spiele selbst beschränken werden. Und die öffentliche Meinung äußert sich. Man lässt sich nicht mehr alles bieten. Die Stadtregierung ist sich dessen bewusst. In diesen Tagen verschickte sie an alle Handy-Nutzer in Peking eine SMS, in der sie sich für das Verständnis für das Fahrverbot und die Bemühungen um die Luftqualität und die Vorbereitung der Olympischen Spiele bedankte.