08.02.2008 · Fecht-Weltmeisterin Britta Heidemann hat ein Faible für China. Sie kennt das Land, spricht die Sprache und will bei den Olympischen Spielen in Peking gewinnen. Die Kölnerin war schon ein dutzendmal im Reich der Mitte - und hat einiges zu erzählen.
Von Britta Heidemann und Achim DreisFecht-Weltmeisterin Britta Heidemann hat ein Faible für China. Sie kennt das Land, spricht die Sprache und will bei den Olympischen Spielen in Peking nicht nur starten, sondern auch gewinnen. Die Kölnerin war schon ein dutzendmal im Reich der Mitte - und hat einiges zu erzählen.
Keine Angst vor leeren Hallen! Wir Europäer schauen uns einen Sonnenuntergang an, weil wir ihn romantisch finden. Die Chinesen schauen sich einen Sonnenuntergang an, weil sie gehört haben, dass er schön sei. Und finden ihn dann schön. Genauso wird es bei den Olympischen Spielen sein. Sie werden sich die Wettbewerbe angucken, weil alle Welt erzählt, wie toll Olympia ist. Sie werden hingehen, um ihr Land zu unterstützen. Und sie werden sich die Seele aus dem Leib brüllen. Keine Angst müssen wir vor leeren Hallen haben. Wenn sich bei einer kleineren Sportart wie „meinem“ Fechten nicht genug Publikum findet, dann werden die Plätze mit Schulklassen besetzt, und denen wird gesagt: „Ihr klatscht jetzt für Polen“ oder „Ihr klatscht für Deutschland“. Und dann klatschen sie auch. Es werden begeisternde Spiele sein, und die Chinesen werden begeistert sein. So habe ich das schon bei der Universiade 2001 erlebt.
Wolken werden weggeschossen: Als ich zum ersten Mal in Peking war, sind mir vor allem die vielen Menschen aufgefallen und die einigermaßen schlechte Luft. Das war vor zehn Jahren so, und das ist heute nicht viel besser. Es herrscht Dauernebel, der von der Verschmutzung durch die vielen Autos und die ungefilterten Kohlekraftwerke stammt, und vom Sand, der aus der Wüste Gobi reinweht. Bei Olympia wird aber schönes Wetter sein. Hat die Regierung versprochen. Wird also so sein. Die Wolken werden mit chemischen Waffen weggeschossen, und die Einheimischen dürfen dann nur jeden zweiten Tag Auto fahren. Toll finden das auch nicht alle, aber sie meckern nicht, sondern nehmen den Bus. Viele nehmen sogar hin, dass sie umgesiedelt werden, weil ihr Haus abgerissen wird - wegen einem Stadionbau oder einer neuen Straße.
Go West: Erste Go-West-Anzeichen zeigen sich aber auch im Verlust von kultureller Identität. Zu meiner Schulzeit, ich war 1997 als Austauschschülerin für ein halbes Jahr in Peking, gab es weder McDonald's noch Starbucks. Heute sieht man im Zentrum viele Läden dieser Art, die vor allem von den jungen, neureichen Chinesen besucht werden.
Große und mittlere Tanten: In den traditionellen chinesischen Familien dreht sich sehr, sehr viel ums Essen. Vor allem Mittag- und Abendessen sind wichtig. Beide Mahlzeiten werden mit möglichst vielen Leuten eingenommen. Wir haben damals mit meiner Gastfamilie ständig irgendwelche Onkels und Tanten besucht. Ich habe nie ganz durchgeblickt, wie die genau zusammengehören. Da es sehr verwirrend in solchen Clans zugeht, unterscheiden selbst die Chinesen ihre Tanten in große Tante, kleine Tante, mittlere Tante.
Hund und Katze: Wer sich abseits des Olympischen Dorfs oder der großen Hotels bewegt, sollte in Restaurants mit Bildermappen gehen, um ungefähr zu wissen, was auf den Tisch kommt. Grundsätzlich werden die Speisen klein geschnitten serviert, so dass unklar bleibt, um welches Tier es sich einmal handelte. Hund und Katze werden aber eher im Süden gegessen, und Beijing heißt: „nördliche Hauptstadt“. Also Entwarnung für Leute, die Haustiere mögen - aber nicht auf dem Teller. Abzuraten ist, von fliegenden Händlern oder Straßenständen zu essen. Die sind zwar schön fürs Auge, aber schlecht für den europäischen Magen.
Vorsicht, Rechtsabbieger! Im Straßenverkehr darf man sich als Fußgänger nicht zwingend auf Rot und Grün verlassen. Die Chinesen nehmen es nicht so genau mit den Ampelphasen, da sind sie wie Italiener. Nur dass die Chinesen schlechter Auto fahren. Kurios ist, dass sie es schon nach acht, neun Fahrstunden dürfen. Rechtsabbieger haben übrigens immer Vorfahrt, das sollte man als Passant wissen, vor allem wenn man gerade einen Zebrastreifen überquert. Lebenswichtig.
Taxifahren kostet Nerven: Es gibt sie noch in China, nur nicht im Zentrum von Peking. Da wurden die berühmten Radfahrer von den Stärkeren verdrängt, den Autos. Aber wenn man mal zwanzig Minuten stadtauswärts fährt oder in kleinere Städte kommt - die dann locker fünf Millionen Einwohner haben -, sieht man die Leute immer noch radeln, was irgendwie beruhigend ist. Als Tourist fährt man am besten Taxi: Es gibt viele, und sie sind billig, kosten aber auch Nerven. Trotz aller offiziellen Ankündigungen kann nämlich kaum ein Taxifahrer Englisch, und bis zu den Spielen wird sich das auch nicht großartig ändern. Sie haben zwar ihre Lernkassetten, aber ich bin ziemlich sicher, dass die bis auf ein paar Floskeln nicht viel bewirken. Wer als „Langnase“ also ein Taxi anhält, sollte ein Visiten-Kärtchen dabei haben, auf dem der Hotelname auf Englisch und Chinesisch notiert ist. Vom Portier kann man sich sein Fahrziel auch auf einen Zettel schreiben lassen, den man dann dem Chauffeur zeigt. Vielleicht setzen sie bei den Spielen aber auch Akademiker in die Taxis. Die können sich dann zwar in Fremdsprachen unterhalten, finden aber den Weg nicht direkt. Es ist deshalb gar nicht schlecht, wenn man sich einen internationalen Stadtplan zulegt. Chinesen tun sich nämlich oft schwer, Pläne und Listen zu lesen.
Nach Hause telefonieren: Als Schülerin habe ich den Kontakt nach Hause per Post gehalten oder alle vierzehn Tage mal zu Hause angerufen, was vor zehn Jahren sündhaft teuer war. Heute ist Telefonieren spottbillig. An jeder Ecke stehen Telefonzellen. Einfacher ist es aber, sich eine chinesische Prepaid-Karte für zehn Euro zu holen. Anrufe von Deutschland werden bei Billiganbietern für ein oder zwei Cent pro Minute durchgestellt.
Falsche Fuffziger: Die chinesische Währung heißt Yuan, umgangssprachlich wird sie Kuai genannt. Der Wechselkurs zum Euro ist etwa 1:10, und man bekommt eine Menge für sein Geld, denn das Leben in Peking ist preiswert. Aufpassen muss man vor „falschen Fuffzigern“. Allerdings bin ich bisher noch auf keiner Note sitzengeblieben. Entweder bin ich nie an Falschgeld geraten, oder ich bin es wieder losgeworden, ohne es gemerkt zu haben.
Feilschen ist erwünscht: Es gibt in Peking eine Menge Produkte, die günstig angeboten werden, und es macht Spaß, shoppen zu gehen. Viele Ausländer besuchen die „Fake Markets“, wohl wissend, dass die Waren keine Originale sind. Feilschen ist da nicht nur erlaubt, sondern erwünscht. Ich empfehle vor allem den Perlenmarkt und natürlich die wirklichen Sehenswürdigkeiten: Verbotene Stadt, Kaiserpalast, Große Mauer. Die Mauer ist keine zwei Stunden von Peking entfernt und ein absolutes Muss. Allerdings sollte man nicht gerade nach „Badaling“ fahren. Da sieht man vor lauter Leuten die Mauer kaum.
Mit Glück und ein paar Yuans: Das alte, wahre China lebt in den Hutongs, den Hofhäusern. Hier wohnen die Familien mit mehreren Generationen unter einem Dach und teilen sich den Hof mit Hühnern und Hähnen. In „Hohei“, einem der ursprünglichsten Viertel, haben wir uns beim letzten Besuch mit einer Rikscha durch die Gassen fahren lassen. Mit etwas Glück und für ein paar Yuan laden einen die Leute in ihre Hinterhöfe ein. Wer dann noch zwei, drei Brocken Chinesisch kann, hat ihr Herz gewonnen.
Ausschlafen! Zur Einreise nach China empfehle ich Nachtflüge aus Europa. Man kommt morgens an, kann sich mittags zwei, drei Stunden hinlegen und ist abends zur normalen Schlafenszeit müde. Es ist die beste Methode, um sechs Stunden Zeitdifferenz zu überbrücken. Wer ein paar Tage später einen wichtigen Wettkampf hat - oder vielleicht den wichtigsten in seinem Leben -, der sollte ja einigermaßen ausgeschlafen sein.