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Pechstein live „Man wird ja irre“

06.08.2009 ·  Mit einer Fernsehinszenierung griffen die wegen Dopings gesperrte Claudia Pechstein und ihre Verteidiger die Glaubwürdigkeit ihrer Ankläger an. „Ich bin durch die Hölle gegangen“, sagte Pechstein schon zur Begrüßung - und holte dann aus.

Von Michael Reinsch, Berlin
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Claudia Pechstein inszeniert eine Fernsehshow. Dabei kämpft sie um ihre Existenz. Sollte die Eisschnellläuferin, die seit den Olympischen Spielen von Lillehammer 1994 bis Turin 2008 fünf Mal Olympiasiegerin wurde, nicht durchsetzen können, dass ihre Dopingsperre aufgehoben wird, würde dies nicht nur das Ende ihrer sportlichen Laufbahn sein; sie ist schließlich bereits 37 Jahre alt. Obendrein droht Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble der Berlinerin, dass sie auch ihre Stelle als Polizeihauptmeisterin bei der Bundespolizei verlieren werde, wenn sie nicht schleunigst ihre Unschuld beweist. Er ist ihr Dienstherr. Das Training mit der Nationalmannschaft und die Betreuung durch den Olympiastützpunkt sind ihr bereits versagt.

In dieser prekären Lage luden die Sportlerin und ihre Berater am Donnerstag in ein Berliner Hotel zu so etwas wie eine Talkshow. Sie dürfte wenig dazu beitragen, den Streit mit dem Welt-Eisschnelllaufverband (ISU) vor dem Sport-Schiedsgericht (Cas) zu gewinnen. Stattdessen gab sie, live im Vormittagsprogramm des Spartenfernsehens, Fingerzeige auf das Weltbild von Sportlerin und Entourage und ihre Verteidigungsstrategie.

„Die letzten Monate bin ich durch die Hölle gegangen“, sagte Claudia Pechstein, als sie sich in schneeweißer Bluse zwischen ihrem Rechtsanwalt Simon Bergmann und ihrem Manager Ralf Grengel an einem Tisch gequetscht hatte, der auf einem Podium in einer Art Festzelt stand.

„Ich denke, dass die Unschuldsvermutung gilt“

Die Szene beherrschte, vor einer großen Leinwand stehend, ein Moderator mit seinem Zeigefinger. Mit diesem deutete er auf Rolf Kruse, Leiter des Referenz-Instituts für Bio-Analytik, Bonn, und auf Holger Kiesewetter, Leiter der Transfusionsmedizin an der Charité Berlin. Er erteilte das Wort mit dem Zeigefinger. Und er stieß ihn, mal belehrend, mal, um die Ungeheuerlichkeit des Verfahrens gegen Claudia Pechstein anzuprangern, in die Luft. „Wir wollen jetzt das Programm durchziehen. Fragen beantworten wir später“, beschied Grengel einen Journalisten, der die mehr als eine Stunde lange Inszenierung mit einer Frage zu unterbrechen wagte. Schließlich war er es, der den Zeigefinger bezahlte.

„Ich denke, dass die Unschuldsvermutung gilt“, sagte Claudia Pechstein fast flehentlich und deutete dann eine Spitzfindigkeit an, die im Verfahren eine Rolle spielen könnte. „Bei einem positiven Befund muss man seine Unschuld beweisen. Dies ist kein positiver Befund.“ In der Tat hat die ISU Claudia Pechstein im Februar in Hamar zum Rückzug vom Wettkampf gezwungen und im Juli für zwei Jahre gesperrt, weil nach ihrer Auffassung irreguläre Werte von Retikulozyten, jungen roten Blutkörpern, ausreichendes Indiz für Doping sind.

„Dass, die ISU eine solche Karriere zerstört hat“

„Man wird ja irre, mit dem gesunden Gewissen, nichts getan zu haben zu Hause zu sitzen, und Doping steht einem auf die Stirn geschrieben“, klagte die Olympiasiegerin. „Ich will mal drüber reden.“ Statt sich dazu mit den Eltern an den Küchentisch zu setzen, lud sie ein Dutzend Kamerateams und eine halbe Hundertschaft Journalisten ein. Zwischen denen saßen ihre Eltern am Donnerstag. „Wahnsinn, dass die ISU eine solche Karriere zerstört hat“, sagte sie gegen Schluß ihrer Veranstaltung. „Das können die nie wieder gut machen.“

Zum Beweis ihrer Unschuld schlug Claudia Pechstein eine Quarantäne von sechs Wochen vor, organisiert wie ein Trainingslager und bezahlt von der Nationalen Antidoping-Agentur (Nada). Darin wolle sie täglich Urinproben und alle drei Tage Blutproben geben und so beweisen, dass die Retikulozyten-Werte auch bei einer nachweislich sauberen Claudia Pechstein sprunghaft sind. Die Nada lehnte prompt ab; eine lückenlose Überwachung sei personell, technisch und finanzell nicht machbar und rechtlich fragwürdig, sagte ihr Vorsitzender Armin Baumert.

Keine unabhängigen Standards und keine Referenzmethoden

Die Gutachter Kruse und Kiesewetter trugen vor, dass die in Analysen ermittelten Werte systembedingt weit schwankend seien. Es gebe keine unabhängigen Standards und keine Referenzmethoden, sagten sie beinahe wortgleich. „Retikulozyten sind absolut ungeeignt, einen Dopingbeweis zu führen“, folgerte Kiesewetter. Er hat Claudia Pechstein zwei Wochen lang überwacht und Schwankungen des Retikulozytenwerts von 0,7 bis 2,8 Prozent festgestellt.

Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg, sagt dazu: „ Ich stimme nicht zu, dass man Epo-, Eigenblut- und Fremdblut-Doping nicht an den Retikulozyten sehen kann. Wir haben Studien mit Epo mit gesunden Probanden unternommen. Man konnte den Effekt hervorragend sehen.“

Sprunghafte Ergebnisse bei der Analyse

Anwalt Bergmann verwies auf sprunghafte Ergebnisse bei der Analyse auch der vier Blutproben, die die ISU seit Februar von seiner Mandantin Pechstein genommen hat. Diese seien entgegen Berichten, die die ISU lanciert habe, ganz und gar nicht im normalen Bereich, sondern sprängen von 1,3 bis 2,4. Insbesondere die Untersuchung ein und derselben Probe von Mitte April in den Labors von Lausanne und Kreischa habe sehr unterschiedliche Ergebnisse erbracht. Da wurde der Wert mit 1,32, dort mit 2,4 bestimmt. Außerdem seien Codierungen vertauscht worden, nicht nur bei den 95 seit dem Jahr 2000 untersuchten Blutproben, sondern auch bei acht der zwanzig Trainingskontrollen, die die ISU zur Grundlage ihres Urteils gemacht hat.

Claudia Pechstein widersprach dem Eindruck, ihre Partei habe einem Fernsehauftritt zuliebe ihr Pulver verschossen. „Sie wissen ja nicht, ob wir nicht noch was im Sack haben“, sagte sie.

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