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Paul Biedermann „Das Rennen meines Lebens kommt noch“

 ·  Er ist einer der besten Freistil-Schwimmer der Welt: Paul Biedermann spricht im F.A.Z-Interview über vorolympische Psychospielchen, seine Rivalität zu Schwimmstar Michael Phelps und seine Leidenschaft für Heavy Metal.

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© dpa Der Vorschwimmer: Paul Biedermann (Mitte)

Paul Biedermann hat bei der EM in Debrecen gleich im ersten Rennen die erste Goldmedaille gewonnen: über 400 Meter Freistil verpasste er in 3:47,84 Minuten aber wie bei den deutschen Meisterschaften die Olympia-Norm. Über den Sieg freute er sich dennoch: „Ein Titel ist immer schön.“ An diesem Mittwoch hat er über seine Paradestrecke 200 Meter Freistil die nächste Chance zum Sieg. Der Weltrekordhalter im Gespräch.

Können Sie sich noch an den Morgen des 12. August 2008 erinnern?

Nein, eigentlich nicht. Das war wahrscheinlich der Tag des 200-Meter-Kraul-Finales in Peking. Was ich noch weiß, ist dieses Gefühl im Vor-Start-Raum, dieses Reinkommen, Richtung Startbrücke gehen, sich umschauen: Wow, so viele Zuschauer beim Schwimmen. Und das Kribbeln in den Armen, das weiß ich noch sehr genau.

Für viele ist die besondere Anspannung bei Olympia eine Belastung. Bei Ihnen hat man oft den Eindruck, Sie schaffen es, besondere Anspannung positiv zu nutzen.

Es ist ja jetzt das erste Mal, dass der Fokus so auf mich gerichtet ist. Bei den Olympischen Spielen 2008 konnte ich im Vorlauf über 400 Meter Kraul auch mal was ausprobieren. Das war sicher eine andere Situation. Mit Druck musste ich lernen umzugehen, und ich denke, ich habe jetzt auch für mich den Weg gefunden, das zu selektieren. Ich versuche, nicht den Druck von außen anzunehmen, ich mach mir schon selbst genug Druck.

Wie weit ist Schwimmen Kopfsache?

Ich hab mich mal mit Britta (Weltklasse-Schwimmerin britta Steffen, seine Freundin) darüber unterhalten, und wir sind zu dem Schluss gekommen: Es ist gar nicht immer der körperlich fitteste Sportler, der in diesen Rennen gewinnt, sondern auch der mental fitteste. Ich würde fast sagen, das Verhältnis liegt bei fünfzig zu fünfzig.

Wie kann man das üben?

Das kann man nicht üben. Ich glaube, das Einfachste ist immer das Erleben. Und dann muss man versuchen, zu reflektieren: Wie war das, wie habe ich mich da gefühlt, was habe ich da gedacht? Ich arbeite auch mit einem Sportpsychologen zusammen, da analysiert man gewisse Dinge: Wie hat das jetzt auf mich gewirkt, was kann ich besser machen beim nächsten Rennen? Damit kann man sich wappnen.

Welche Rolle spielen da persönliche Rituale?

Ich versuche, da nicht zu viele Rituale reinzubringen. Wenn ich plötzlich ein Ritual nicht mehr machen kann, wenn ich zum Beispiel plötzlich meinen Teddybären nicht mehr zum Knuddeln habe, dann bedeutet das doch: Jetzt kann ich überhaupt nicht mehr schwimmen. Klar schaue ich, dass die Batterien bei meinem Kopfhörer funktionieren, oder dass mein MP3-Player aufgeladen ist. Das war 2008 nicht so, ich habe vor den 200-Meter-Kraul versucht, Musik zu hören, und in dem Moment: Battery low! Das sind aber auch so Dinge, die lernt man.

Die Australierin Alicia Coutts hat erzählt, dass vor dem 100-Meter-Freistil-Finale bei der WM in Schanghai eine Konkurrentin ihr im Callroom mehrmals mit dem Ellbogen an den Kopf gestoßen habe und sich beim Hochgehen in die Arena umgedreht und vor ihr auf den Boden gespuckt habe. Kommt so was öfter vor?

Nein, ich war da auch sehr überrascht, das ist bei den Frauen eigentlich gar nicht üblich, dachte ich. Es kann schon mal passieren, dass du einen anrempelst, aber ich glaube nicht, dass das einer mit Absicht macht. Es gab ja mal eine Schwimmerin, die hat, viele Jahre her, immer auf die Bahn der Gegnerin gespuckt. So was ist natürlich schon grob unsportlich. Aber da muss man halt auch gewappnet sein. In dem Moment, in dem ich mich mit dem beschäftige, raube ich mir Energie. Und der andere nimmt das vielleicht an, der braucht das vielleicht, dieses Profilieren, sich Darstellen.

Greift man vor Olympischen Spielen eher zu Psychotricks?

Das machen ja einige jetzt. Zum Beispiel James Magnussen, der Australier, der bei der WM die 100-Meter-Freistil gewonnen hat. Der ist eine echt gute Zeit geschwommen und hat dann gesagt: Ja, das war aus dem Training, das war mein Warnschuss, ich bin nicht rasiert und so. Gut, er ist vielleicht der Typ dafür, ihm gibt das vielleicht was, ihn pusht das. Ryan Lochte sagt, ich möchte mehr Goldmedaillen gewinnen als Phelps. Kann man machen. Das ist typunterschiedlich, ich denke, da muss jeder für sich seinen Weg gehen. Ich störe mich da eigentlich nicht mehr dran. Ich hab genug mit mir zu tun, meine Leistung zu bringen.

Viele Schwimmer wirken beim Einmarsch wie in Trance, mit Kopfhörern, dunklen Brillen. Wie viel nehmen Sie in diesem Moment noch auf?

Dieses Insichgehen gehört schon dazu, das gehört auch zur mentalen Stärke. Man kriegt sicher die Zuschauer mit, man kriegt mit, wie man aufgerufen wird, aber man versucht schon, den Großteil auszublenden. Uns wird dann auch gesagt: Na ja, ihr kommt da alle rein und seht gleich aus, seid anonym, könntet ja auch mal die Brille später aufsetzen und so. Aber Dinge, die mich in meinem Ablauf stören könnten, mache ich nicht.

Die Amerikaner wie Phelps oder Lochte wirken immer besonders locker. Ist das auch kurz vor dem Rennen noch so?

Die haben durchgängig diese Lockerheit, die reden auch im Callroom noch relativ viel. Was man immer merkt bei den Amerikanern und ihren Begleitern, ist dieses: Have fun! Vielleicht ist das einfach deren Strategie, um diesen Druck abzubauen. Vielleicht bringen sie auch als Typ diese Lockerheit mit. Das ist bestimmt eine andere Mentalität.

Ihre Rennen gegen Michael Phelps haben viele Zuschauer besonders fasziniert. Überrascht Sie das?

Was mich überrascht ist, dass einige Rennen immer auf Phelps und mich reduziert werden. Ich sag dann: 200 Kraul ist so voll mit guten Leuten, mit Leuten, die phantastische Leistungen bringen können. Warum konzentriert ihr euch nur auf den? Das macht die anderen doch nur stark, wenn die denken, okay, auf uns guckt keiner. Ich differenziere da ganz klar. Ob Phelps oder Lochte oder Agnel: Ich nehme die alle gleich wahr, die können alle super Zeiten schwimmen. Ich glaube auch, dass dieses 200-Freistil-Finale bei Olympia das bestbesetzte wird, das es bis dahin gegeben hat. Schneller wird es eine ganze Zeit lang nicht mehr. Alle acht, die sich da fürs Finale qualifizieren, haben eine reelle Chance, Olympiasieger zu werden.

Bei der WM in Schanghai ist Phelps nach dem Finale der Lagenstaffel, in der Sie Bronze für Deutschland sicherten, auf Sie zugegangen und hat Ihnen gratuliert. Es wirkte, als sei ihm das ein echtes Bedürfnis gewesen. Hat sich das Verhältnis zu ihm seit Ihrem Sieg bei der WM 2009 in Rom verändert?

Ich war überrascht, dass er mir gratuliert hat, in dem Moment war ich wirklich nicht drauf gefasst. Ich hatte nach den 100-Meter-Kraul arge Probleme, gerade zu stehen und konnte seinen Handschlag gar nicht ordentlich erwidern. Aber ich glaube, da gibt es keine Beziehung. 2009 war ich einfach der Typ mit ’nem Anzug, der ihn da hat stehen lassen und ihm seinen Weltrekord weggenommen hat. Wo kommt der her, wieso schafft der das auf einmal? Und jetzt habe ich gezeigt, dass ich auch Weltspitze sein kann ohne Anzug. Und ich denke, dass sich auch international gezeigt hat, dass man den Biedermann auch ohne Anzug ernst nehmen kann. Aber sonst gibt’s da kein Verhältnis. Man sagt sich hallo, und ich respektiere ihn. Wie viele olympische Medaillen hat er, sechzehn? Ich hab null. Da sind Welten dazwischen. Da seh ich mich auch nicht im Vergleich. Ganz ehrlich: Ich hab nicht seine Handynummer, und ich bin nicht auf Facebook oder so. Das wird, denke ich, auf ewig eine Konkurrenz bleiben.

Was vermissen Sie am meisten im Leben als Leistungssportler?

Es ist ein großes Privileg, ein Leben als Leistungssportler zu führen. Klar hat das auch Einschränkungen, aber ich nehme das gar nicht mehr so wahr. Ich bin mit Schwimmen großgeworden, Sportschule, Abitur, mein ganzes Leben geht mit dem Sport einher. Ich hab da nie das Gefühl gehabt, was zu verpassen. Was halt manchmal ärgerlich ist: Ich bin ein großer Heavy-Metal-Fan, und ich würde gern mehr auf Konzerte oder Festivals gehen wie zum Wacken Open Air, das mal ’ne Woche wirklich erleben. Aber das liegt immer blöd, und dieses Jahr ist es ganz blöd, es fängt genau im August an, während der Olympischen Spiele. Das möchte ich irgendwann mal nachholen.

Sie arbeiten seit 1999 mit Ihrem Trainer Frank Embacher zusammen. Wie schafft er es, Sie nach 13 Jahren immer wieder anzutreiben?

Das Verhältnis hat sich über die Jahre aufgebaut. In den ersten Jahren war es toll, in dieser großen Gruppe zu schwimmen, mit Leuten, die tatsächlich schon was erreicht haben. Seine Art überzeugt einfach, das Trainingsprogramm. Gut, jetzt, wo ich älter werde, hau’ ich auch mal dazwischen und krieg dann meinen eigenen Kopp. Je älter man wird, desto mehr hat man die Vorstellung, wie man selbst trainieren könnte, was man jetzt anders machen könnte. Da gerät man immer mehr aneinander. Aber ich bin nach wie vor überzeugt von dem Programm, und die Erfolge geben mir recht. Ich glaube, es gibt keinen Trainer in Deutschland, der mich so trainieren könnte wie Herr Embacher. Und deswegen gibt es für mich auch gar nicht die Notwendigkeit, ins Ausland zu schauen oder in Deutschland zu wechseln. Ich hab doch meinen besten Trainer hier. Zum Glück.

Bei einer so langen Zusammenarbeit lernt man sich sehr genau kennen. Vorteil oder Nachteil?

Sicher kennen wir uns gut, aber ich sieze meinen Trainer nach wie vor. Er ist nicht mein Freund, er hat mir auch noch nicht das Du angeboten. Also da ist auch immer noch ein gewisser Respekt. Das ist, als ob er quasi mein Chef ist, und Schwimmen ist meine Arbeit. Ich komm da hin, mach meine Arbeit, und dann möchte ich auch erst mal nichts mit meinen Chef zu tun haben, also geh ich dann nach Haus. Jeder hat schon noch sein eigenes Leben. Aber natürlich ist da noch eine andere Beziehung, wenn man solche Erfolge durchlebt wie in Rom. Da ist natürlich schon ein anderes Band geknüpft.

2008 nach Ihrem EM-Sieg und dem deutschen Rekord sagten Sie: „Das war das Rennen meines Lebens.“

Hab ich das gesagt?

Haben Sie. Gilt das aus Ihrer Sicht auch heute noch?

Nee. Ich glaube, das ist ein Jahr später in Rom schon relativiert worden.

Waren die 200 Meter Kraul in Rom das Rennen Ihres Lebens?

Das Wichtigste für mich ist immer zu wissen: Mehr war nicht möglich in dem Rennen, das war alles, was ich geben konnte, es grenzte an ein perfektes Rennen. Aber das Rennen meines Lebens, hoffe ich, kommt noch. Vielleicht war das damals ein bisschen voreilig.

Das Gespräch führte Bernd Steinle.

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