Es waren beeindruckende Auftritte. Patrik Sinkewitz hatte im Lauf der Zeit Routine gewonnen als Anti-Doping-Darsteller. Wenn man ihn so erzählen hörte, den gefeierten Kronzeugen der Anklage, dann wurde es still in den Sälen, und die meisten waren überzeugt: Dieser Mann hat aus seinen Fehlern gelernt, dieser Mann meint es ehrlich. Doch nun hat man den Radprofi aus Fulda, inzwischen 30 Jahre alt, wieder erwischt, als Wiederholungstäter steht er vor einer lebenslangen Sperre.
Sinkewitz ist der erste Radprofi, der positiv auf das Wachstumshormon HGH getestet wurde. Die Probe wurde am 27. Februar beim Grand Prix Lugano genommen, Sinkewitz kann noch die Öffnung der B-Probe beantragen. Im Juni 2007 war er den Doping-Fahndern zum ersten Mal ins Netz gegangen. Damals fuhr er für T-Mobile, damals wies man ihm Testosteron-Doping nach. Er kooperierte mit Verbänden und Behörden und wurde für ein Jahr gesperrt, seit Anfang 2011 fährt er für das britisch-italienische Continental-Team Farnese Vini-Neri.
Als Aussteiger war er ein Star
„Ich habe aus meinen Fehlern gelernt“ - das war Sinkewitz' Standardsatz. Ebenfalls gern gehört: „Ich weiß, was ich gemacht habe, aber ich kann in den Spiegel schauen.“ Und das Absurde war: Vielen selbsternannten Doping-Jägern galt er als Lichtgestalt, als Kronzeuge, der sich mutig gegen das Kartell des Schweigens stellt, und als er dann immer forscher wurde in seinem Anspruch, als Gutmensch ins Peloton zurückzukehren, bekam er bei seinem zähen Bemühen, einen Arbeitgeber zu finden, massive mediale Unterstützung. Ja klar, hieß es dann, der Sinkewitz bekommt nur deshalb keinen Job mehr, weil die Szene ihn, der gesteht und bereut, als Nestbeschmutzer brandmarkt, als Verräter. Sinkewitz schlüpfte in eine neue Rolle, als Aussteiger war er ein Star, er bekam mehr Aufmerksamkeit als viele radelnde Kollegen.
Was zeigt der Fall Sinkewitz? Es gibt mehrere Deutungsmöglichkeiten. Erstens: Langjähriges Doping geht einher mit Suchtverhalten und Realitätsverlust. Einmal Doper, immer Doper? Diese Gleichung ist zu einfach, aber einiges spricht für sie. Wiederholungstäter wie Riccardo Ricco, Tyler Hamilton oder Danilo di Luca liefern Indizien dafür. Zweitens: Im internationalen Peloton kann ein Fahrer nur dann hohe Ziele verfolgen, wenn er sich mit unerlaubten Mitteln antreibt. Was hieße: Sinkewitz hatte gar keine andere Wahl - und wäre genau unter dieser Voraussetzung wieder in den Sattel gestiegen. Dann würde an ihm die Schizophrenie deutlich, die entwickeln müsste, wer erfolgreich Radfahren will. Nach außen hin den Saubermann geben und sonst schlucken und spritzen, was der Markt hergibt. Drittens wäre Sinkewitz ein Beweis dafür, dass Doper vor keiner Eskalation zurückschrecken, nicht moralisch, was die Dreistigkeit der Lüge anbelangt, nicht chemisch, was das Ausmaß der Selbstzerstörung betrifft. 2007 Testosteron-Doping, nun Wachstumshormon: Das ist die nächste Stufe, und wer sie zündet, hat jedes Maß verloren.
Wachstumshormon galt bislang als nicht nachweisbar
Es ist Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet Sinkewitz der erste Profi ist, den die Fahnder wegen HGH von der Radspur nehmen. „Wir sind seit einiger Zeit imstande, Wachstumshormon nachzuweisen“, sagte der Sprecher des internationalen Radverbandes, Enrico Carpani. „Wir wollten das aber nicht groß verkünden, um bei Tests ein Überraschungsmoment zu haben.“ Überraschung gelungen, und so wird der zweite Fall Sinkewitz manchem Rad- und manchem anderen Sportprofi zu denken geben, denn Wachstumshormon galt bislang unter Dopern als nicht nachweisbar.
Für eine Tagesration während einer HGH-Kur, etwa mit dem Medikament Genotropin, mit dem der Pharmariese Pfizer eine Menge Geld verdient, rechnen Bodybuilder, ausgehend von Schwarzmarktpreisen, mit Kosten von 20 bis 30 Euro pro Tag. Immer beliebter ist in den vergangenen Jahren Billig-HGH aus China geworden, das nur ein Zehntel des Apothekenpreises von Genotropin kostet, wobei finanzstarke Profis lieber auf Apothekenware setzen, die auf dem Schwarzmarkt relativ leicht zu beschaffen ist. Warum HGH? Weil Wachstumshormon Muskeln wachsen lässt und Fett abbaut.
Hormone von Toten
Dumm nur, dass es nicht nur Muskeln wachsen lässt, sondern auch jedes andere Gewebe - innere Organe, Knochen, Tumore. In Bodybuilder-Foren wird von anormal wachsenden Kiefern berichtet und von affenähnlichen Gesichtsformen, wobei beides zu den ungefährlichsten Nebenwirkungen des HGH zählen dürfte. Sicher ist: Wer sich ohne medizinische Indikation auf Wachstumshormon einlässt, um im Sport schneller voranzukommen, hat mit seiner Gesundheit abgeschlossen.
Es gibt noch eine zweite Möglichkeit des Dopings mit Wachstumshormon, vor dem Hardcore-Bodybuilder nicht zurückschrecken: „Kuren“ mit Somatotropin, das nicht synthetisch, sondern aus der Hirnanhangdrüse von Leichen gewonnen wird. Die Präparate stammen meist aus Bulgarien oder Russland, und die Erfahrung lehrt: Womit im Bodybuilding gedopt wird, erreicht über kurz oder lang andere Sportarten. Überall gibt es Athleten, die vor nichts zurückschrecken, auch nicht vor einem Wachstumshormon, das Hepatitis und Creutzfeldt-Jakob übertragen kann. Und das von Toten stammt.
Was hatte er denn für Alternativen?
Martin Enzinger (FlorianGeyer)
- 21.03.2011, 01:56 Uhr