28.08.2008 · Seit 2007 ist Patrick Magyar Direktor des Leichtathletik-Meetings „Weltklasse Zürich“, bei dem am Freitag auch der dreimalige Olympiasieger Usain Bolt an den Start gehen wird. Im F.A.Z.-Interview spricht er von den Wünschen der Zuschauer, dem Drang der Athleten nach Bestzeiten und dem Stigma des Verdachts.
Seit 2007 ist Patrick Magyar Direktor des Leichtathletik-Meetings „Weltklasse Zürich“, bei dem am Freitag auch der dreimalige Olympiasieger Usain Bolt an den Start gehen wird. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht er von den Wünschen der Zuschauer, dem Drang der Athleten nach Bestzeiten und dem Stigma des Verdachts.
Was hat Sie mehr überrascht in Peking: die Dominanz der Jamaikaner oder die Schwäche der Amerikaner im Sprint?
Eine generelle Schwäche der Amerikaner habe ich so nicht gesehen. Die USA haben zur Zeit nur einen Topsprinter – Tyson Gay. Der war verletzt, und es hat in der Vorbereitung eben nicht mehr ganz gereicht.
Und Jamaika?
Gerade Usain Bolt ist keine Überraschung. Aber bei den Frauen hatte ich die 100-Meter Siegerin Shelly-Ann Fraser nicht auf der Rechnung. Ich hätte nicht gedacht, dass sie so schnell (10,78 Sekunden, die Redaktion) laufen kann.
Welche Gefühle haben die unglaublichen Leistungen von Usain Bolt bei Ihnen ausgelöst?
Wenn ich jetzt sage: das finde ich supertoll, dann heißt es: der Magyar ist entweder naiv oder der will es nicht besser wissen. Wenn ich sage: der Bolt ist doch voll gedopt, dann heißt es: der Magyar ist ein Idiot. Das ist im Moment das Problem, das sich hinter jeder Spitzenleistung verbirgt. Ob das nun Bolt, Phelps, oder wer auch immer ist. Der Sport allgemein ist in der Gefahr, in einer Zwiespältigkeit zu versinken. Ich verfolge Bolt, seit der fünfzehn ist. Wenn man sieht, wo Bolt im Vergleich zu Spitzensprintern wie Asafa Powell, Tyson Gay oder Donovan Baily in diesem Alter schon stand, dann kann man sogar erwarten, dass er noch etwas schneller laufen kann. Er ist eben nur die 100 Meter bislang selten gelaufen. Es ist eine interessante Philosophie, einen Athleten über die 200 an die 100 Meter heranzuführen. Athleten mit diesem Hintergrund verlieren ihr Tempo nicht im gleichen Maße verlieren wie die anderen. Und das Faszinierende bei Bolt ist, wie lange er sein Tempo halten kann.
Wann haben Sie Bolt verpflichtet?
Schon letztes Jahr. Er ist seit Jahren das größte Talent und Juwel, das die Leichtathletik hat, außerdem hat er denselben Sponsor, der auch unser Meeting sponsert.
Sie werden bei einem dreifachen Olympiasieger aber tiefer in die Tasche greifen müssen.
Selbstverständlich. Aber wir machen das grundsätzlich so, dass wir Verträge, die günstig waren, weil sie schon früh zustande gekommen sind, nach großen Leistungen aufbessern.
Ist es für Sie von Vorteil, wenn unmittelbar vor Ihrem Meeting fünf Weltrekorde fallen? Braucht Zürich Weltrekorde?
Die statistische Wahrscheinlichkeit für einen Weltrekord liegt bei einem Meeting in zehn Jahren. Da ist es egal, was vorher war. Ich weigere mich ganz konsequent, Rekorde anzukündigen. Einerseits wird gejammert: Das sind doch alles Doper, andererseits wird immer von Weltrekorden gesprochen. Das passt nicht zusammen. Der Kampf der Besten ist die Hauptsache, der Weltrekord ein Nebenprodukt. Die Weltrekorde von Peking sind fast alle in Schnellkraft-Disziplinen erfolgt. Das sind keine Rekorde, die sie als Veranstalter beeinflussen könnten – mit Tempomachern etwa.
Sie sind im vergangenen Jahr mit einem neuen Konzept angetreten. Keine Tempomacher mehr, keine Rekordjagden, dafür Duelle der Besten. In diesem Jahr gibt es wieder eine Kurskorrektur. Warum haben Sie so schnell aufgegeben?
Unser großes Ziel ist es, für die drei Grundpfeiler unseres Meetings – Athleten, Stadionbesucher und Fernsehzuschauer – ein hochattraktives Programm zu machen. Deshalb haben wir letztes Jahr insgesamt 47 neue Elemente eingebaut. Das Pacemaking war nur eines davon. Zwei Drittel der Stadionzuschauer, das hat eine Umfrage ergeben, waren sogar damit zufrieden, dass es keine Tempomacher gab. Aber die Athleten haben nicht mitgespielt. Die haben gesagt: „Gebt uns die Chance, Bestleistung zu laufen. Dazu brauchen wir die Hasen.“ Also haben wir wieder einen Schwenk gemacht. Wir setzen Pacemaker ein, aber mit realistischen Vorgaben. Und die Athleten müssen später im Rennen auch ihren Anteil an der Führungsarbeit leisten. Aber wir bleiben bei unserem Grundkonzept, dass die Besten gegen die Besten antreten.
Haben Sie die Zuschauer auch gefragt, ob sie sauberen Sport sehen wollen?
Diese Frage funktioniert so nicht. Denn natürlich würden sie die Antwort bekommen: Ja, wir wollen sauberen Sport. Das ist wie mit dem Ökostrom: alle wollen ihn, aber kaum jemand kauft ihn. Wenn man jetzt gesehen hat, wie viele Leute die Tour de France angeschaut haben, tendiert man dazu zusagen: Sauberer Sport ist den Leuten nicht so wichtig. Und es gibt immer noch genug Sportarten, in denen Sauberkeit nicht einmal ein Thema ist.
Was tun Sie, damit es in Zürich so sauber wie möglich zugeht?
Eine der wichtigsten Maßnahmen ist, dass wir Athleten, die bereits zwei Jahre oder länger wegen Dopings gesperrt waren, nicht nach Zürich einladen. Wir sind sogar so konsequent, dass auch Athleten mit einjähriger Sperre künftig nicht mehr willkommen sind. Aber eines ist für mich glasklar. Das Problem wird auf die Dauer nur erledigt werden, wenn wir noch viel rigoroser vorgehen.
Wie denn?
Es gibt Länder, in denen die Kontrollen gut funktionieren, wie Deutschland und die Schweiz. Aber es gibt noch nicht einmal 30 Länder, die ihre eigene Nationale Antidoping-Agentur haben. Das muss einfach flächendeckend der Fall werden. Die internationalen Verbände und das Internationale Olympische Komitee müssen dahingehend wirken, dass Athleten aus Ländern, in denen das nicht gewährleistet ist, künftig nicht mehr teilnehmen dürfen.
Gilt das auch für Ihr Meeting?
Wir arbeiten im Moment ganz konsequent an solchen Plänen, vor allem mit dem europäischen und dem internationalen Leichtathletikverband. Es kann auf die Dauer nicht sein, dass Athleten bei uns starten, die ganz andere Voraussetzungen haben.
Wie zum Beispiel Jamaika, das keine eigene Antidoping-Agentur hat.
Das ist richtig. Wir haben eine Kooperation in der Nachwuchsarbeit mit Jamaika, und dort ist man sich auch bewusst, dass so eine Institution nötig ist. Ansonsten lastet auf deren Athleten permanent das Stigma des Verdachts.
Das ist die sportpolitische Ebene. Wie groß sind die Möglichkeiten eines Meeting-Direktors im Antidoping-Kampf?
Sehr, sehr beschränkt. Aber mit unserer Einladungs-Policy haben wir schon ein ganz gutes Instrument. Es hat Athleten gegeben, die gemeint haben, nach Olympia ließe sich noch gut Geld verdienen, und die jetzt feststellen müssen: die Türen sind zu. Das ist schon eine recht harte Maßnahme.
Sie reden jetzt nicht von der 400-Meter-Weltmeisterin Christine Ohuruogu, die dreimal gegen die Meldepflicht verstoßen hat…
Nein, die gehört ja zu den Einjahres-Sperren. Deshalb gilt das für die Britin im Moment noch nicht. Aber auch das wird künftig anders sein. Wir haben allen Athleten klar gesagt: Jeder, der ab Frühling 2008 für ein Jahr oder länger gesperrt wird, ist bei uns in Zürich nicht mehr willkommen. Und ich gehe davon aus, dass sich meine Meeting-Direktor-Kollegen dieser noch härteren Linie anschließen werden.
Wie steht es mit der Solidarität in dieser Frage?
Ich habe im Februar 2007 beim Treffen der Euro-Meetings vorgeschlagen, künftig keine Athleten mehr mit einer Zweijahres-Sperre zu nehmen. Damals war die Skepsis groß; ein Jahr später hat man entschieden: Ja, wir machen das. Jetzt sind wir daran, den nächsten Schritt zu gehen – mit den Einjahressperren. Ich glaube, das ist absolut notwendig.
Sehr gut gefragt
gisbert heimes (gisbert4)
- 29.08.2008, 02:49 Uhr
Doping, Geld und Weltrekorde
Paul Rabe (heidelpaul)
- 29.08.2008, 14:23 Uhr
brechtigt
John Gehlen (spacedrummer)
- 29.08.2008, 14:47 Uhr