11.01.2007 · Im jüngsten James Bond sind sie zu sehen, und auch Madonnas neues Musikvideo kommt nicht ohne Traceure aus: Die Trendsportart Parkour ist in den Städten auf dem Vormarsch.
Von Sebastian BeckElegant und geschmeidig, aber vor allem schnell wirkt Jason, wenn er in Turnschuhen, weiter Sporthose und mit seiner schwarzen Mütze auf Mauern läuft, an Geländern entlanghangelt, behende Treppenstufen überspringt. Als existierten für den Fünfzehnjährigen im und rund um den Archäologischen Garten am Frankfurter Dom keine Gräben, Treppen oder Brüstungen. Hilfsmittel braucht er keine. Er verlässt sich darauf, trainiert, geschickt und im entscheidenden Augenblick kreativ zu sein.
Sein Freund Tauseef nimmt Anlauf, fliegt gute zwei Meter durch die Luft und landet wie eine Spinne sicher hängend an einem Geländer. Jason und Tauseef sind mit ihrer Gruppe „Ashigaru“ - zu der auch ihr Freund Enis gehört - Frankfurts erste Parkour-Sportler. Eine Sportart, die in den achtziger Jahren in den Betonwüsten der Pariser Vororte entstanden ist und nun international den Weg in Werbespots, Musikvideos und Kinofilme findet.
„Wir wollen Begrenzungen überwinden“
Im jüngsten James Bond „Casino Royal“ ist Bösewicht Sebastien Foucan einer, der Gerüste, Gebäude und selbst Baukräne überwindet, als wären sie zierliche Sportgeräte. Sein Auftritt hat ihn zum weltberühmten Parkour-Sportler gemacht. In Madonnas Musikvideo zum aktuellen Titel „Jump“ stürzen sich waghalsige junge Männer in die Tiefen der Häuserschluchten. Die Sportler selbst - auch die drei Jugendlichen in Frankfurt - nennen sich Traceure. Ein französisches Wort, das mit „sich den Weg ebnend“ übersetzt werden kann. „Wir wollen die Begrenzungen überwinden, die gebaut wurden, um die Menschen einzuengen“, sagt Jason und zeigt damit, dass es ihnen um mehr als nur den Sport geht: Parkour ist gleichzeitig Kultur und Lebenseinstellung.
Jason, Tauseef und Enis haben sich vor etwa zwei Jahren in einem Internetforum zum Thema Parkour kennengelernt. Über Fernsehberichte und Videos im Internet waren sie auf die Sportart aufmerksam geworden. Jetzt haben sie ihr eigenes Video gedreht, das sie auf der Internetplattform „You-Tube“ veröffentlichten. Im Rhein-Main-Gebiet sehen sie sich als den Kern einer Bewegung. Zwar gibt es in Frankfurt und Umgebung noch nicht viele Jugendliche, die den Sport ernsthaft betreiben. „Da sind vielleicht noch vier bis fünf andere“, sagt der achtzehnjährige Tauseef. Allerdings treffen sich immer wieder neue Leute, die Parkour wenigstens ausprobieren wollen.
Jason, Tauseef und Enis opfern dem Trendsport fast ihre gesamte Freizeit. So oft es geht, treffen sie sich an den unterschiedlichsten Plätzen in Frankfurt oder in Darmstadt, wo der achtzehnjährige Enis wohnt. „An der Hauptschule in Nied gibt es einen guten Spielplatz und Tischtennisplatten“, sagt Tauseef. In Darmstadt springen und klettern sie auf den Dächern der Parkhäuser. In der Frankfurter Innenstadt schauen ihnen die Touristen erstaunt zu, wenn sie an der Schirn von Mauer zu Mauer springen.
„Jeder hat seinen eigenen Stil“
Als Erfinder gilt der Franzose David Belle, der von seinem Vater, einem ehemaligen Soldaten im Vietnam-Krieg, in der „Methode naturelle“, einem speziellen Trainingssystem, das Körper und Geist stärken soll, unterrichtet wurde. Aus den Disziplinen dieser Trainingsmethode, wie Laufen, Klettern, Springen und Balancieren, entwickelte David Belle das Parkour und übertrug es auf die tristen Hochhaussiedlungen am Rande von Paris.
Heute gibt es neben Sebastien Foucan und David Belle einige weitere bekannte Namen in der Szene. Doch Jason sagt, er habe keine echten Vorbilder. „Jeder hat seinen eigenen Stil. Da ist Kreativität gefragt.“ Jason sieht das Parkour mehr als Kunst denn als Sport. Es ist die Kunst, sich schnell und mit dem geringsten Kraftaufwand in einem unwegsamen Gelände fortzubewegen. Der Traceur will mit dem Hindernis, das für ihn in Wahrheit keines ist, verschmelzen.
„Das Mentale ist unheimlich wichtig“, sagt Jason, der Sport stärke den Geist. Als Traceur ginge er viel selbstbewusster durch das Leben. Denn eine zentrale Rolle beim Parkour spiele der Respekt vor Höhen, vor Distanzen, vor Abgründen, die es zu überwinden gelte. Nur so könnten sich die Sportler vor ernsten Verletzungen schützen. „Es ist bescheuert, einfach nachzumachen, was du im Fernsehen oder in Videos siehst“, betont Jason. Der Traceur lerne Schritt für Schritt - so wie ein Baby das Laufen erst lernen muss. „Natürlich kann keiner sofort drei Meter weit springen.“ Werden die Mauern etwas höher, üben Jason, Tauseef und Enis die Bewegungen erst am Boden. Jason zeigt eine etwa zwei Zentimeter lange Schnittwunde in seiner Handinnenfläche. „Das ist die schwerste Verletzung, die ich hatte“, sagt er. „Parkour ist nicht gefährlich.“
„Roullade“ und Katzensprung
Im Grunde könne jeder Traceur werden. „Man muss nur viel trainieren“, sagt Jason und ergänzt: Bei jemandem, der nicht sein ganzes Leben lang vor dem Computer gesessen habe, funktioniere es nach kurzer Zeit schon ganz gut. Eine teure Ausrüstung, ein Skateboard, Rollschuhe oder Inlineskates sind nicht nötig. Gute Schuhe und eine bequeme Sporthose reichen aus. Jason, Tauseef und Enis erklettern Bäume und Garagendächer in ganz normalen Joggingschuhen, auch wenn der Zuschauer denken mag, die beiden hätten Spezialschuhe, vielleicht mit einer Art Klebeband unter den Sohlen, denn so sicher und gewandt wirken sie, wenn sie über Geländer und Mauern hinwegfegen.
Fast jedes Hindernis erfordert eine eigene Technik, einige Bewegungen sind jedoch allen Traceuren bekannt: die Rolle, die sogenannte „Roullade“ bei der sich die Traceure nach einem Sprung in die Tiefe abrollen, um den Aufprall zu dämpfen. Oder der Katzensprung, bei dem der Sportler auf eine Mauer zuläuft, beide Hände darauflegt, sich abstößt und in der Hocke darüberspringt. Das Parkour kennt ansonsten keine Regeln, keine Beschränkungen. Es gibt keine Wettkämpfe. Traceure konkurrieren nicht untereinander. „Wir machen das nicht, um besser als jemand anders zu sein“, sagt Jason. Und Sportler, die sich durch spektakuläre Saltos, Pirouetten und Drehungen hervortun, die lehnen die Frankfurter Traceure ab: „Das ist kein Parkour“, sagt Jason, „das ist nicht effizient.“
Schöner Bericht
Selecta Rulez (SelectaParkour)
- 13.01.2007, 21:58 Uhr