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Oscar Pistorius Medikamente in der Schublade

Erschoss Paralympics-Star Pistorius seine Freundin unter Einfluss von Steroiden? Die südafrikanische Polizei wartet noch auf die Laborberichte.

© AFP Auch eine zerstörte Karriere: Oscar Pistorius wird so schnell nicht mehr laufen

Bislang waren die Todesschüsse im Haus von Oscar Pistorius vor allem eines: ein Kriminalfall. Ein besonders erschütternder zwar, bei dem nach Einschätzung des Magistratsgerichts von Pretoria mehr für einen brutalen Mord spricht als für ein tragisches Versehen - die Anklage jedenfalls wird nach der Anhörung vom Dienstag auf „vorsätzlichen Mord“ lauten. Aber es schien auch ein Fall zu sein, in dem es eher um die menschlichen Abgründe als um sportliche ging. Einer, der mit dem Geschehen auf den Laufbahnen und in den Arenen eigentlich nichts zu tun hat. Wenn sich jedoch bestätigt, was südafrikanische Medien unter Berufung auf ranghohe Polizeiquellen berichteten, dann könnte genau dieses Terrain das nächste sein, auf dem der bislang so strahlende Sportheld Pistorius in ganz anderem Licht erscheint.

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Nach den tödlichen Schüssen auf Reeva Steenkamp, Pistorius’ Freundin, in der Valentinsnacht habe die Polizei Schachteln mit Medikamenten und Spritzen in einer Schlafzimmer-Schublade in Pistorius’ Villa in der Luxussiedlung Silver Woods gefunden, heißt es in der in Johannesburg erscheinenden „Times“. Es ist eines der vielen unbestätigten Details, die in den Tagen seit der Tat über anonyme (Polizei-) Quellen an die Öffentlichkeit geraten. Sollte sich jedoch der im selben Zuge von der als seriös und gut informiert geltenden „Times“ und anderen Medien geäußerte Verdacht bestätigen, dass es sich bei den Medikamenten um Steroide handelt, hätte dies gleich eine doppelte Dimension. Zum einen könnte es als Erklärung für aggressives Verhalten des Angeklagten dienen. Der sogenannte „Roid Rage“, eine Art Kontrollverlust mit Aggressionsneigung, gilt als mögliche Nebenwirkung exzessiven Steroid-Konsums.

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Vor der Verhandlung am Dienstag war deshalb auch vermutet worden, der „Roid Rage“ könnte Teil von Pistorius’ Verteidigungsstrategie sein; tatsächlich spielte er dabei aber keine Rolle. Jenseits der Gerichte aber stünde im Fall von Steroid-Missbrauch unweigerlich eine Frage im Raum: Ob der Athlet Pistorius, der sechsmalige Paralympics-Sieger, seine Erfolge mit Hilfe der Einnahme unerlaubter Mittel errungen hat. Die Ergebnisse der Blut- und Urintests, die nach der Todesnacht von ihm genommen wurden, stehen freilich ebenso noch aus wie das Resultat der pharmazeutischen Tests, ob es sich bei den sichergestellten Medikamenten tatsächlich um Steroide handelt.

Oscar Pistorius © AP Vergrößern Korrekturen:Der Werbestar Pistorius wird in Johannesburg abgehängt

Kenny Oldwage, einer von Pistorius’ Anwälten, wollte dazu gegenüber der „Times“ keinen Kommentar abgeben, weil er mit diesen Vorwürfen im Verfahren bislang nicht konfrontiert worden sei. Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) teilte mit, dass es derzeit keinen Handlungsbedarf sehe. „Es ist im Augenblick reine Spekulation und eine Angelegenheit der Polizei in einem Kriminalfall“, sagte Craig Spence, der Mediendirektor des IPC, dem Internetportal insidethegames“. Zugleich verwies Spence darauf, dass Pistorius im Rahmen der Paralympischen Spielen vergangenen Sommer in London zweimal getestet worden sei, in einem Out-of-competition-Test am 25. August und während der Wettkämpfe, am 8. September - beide Male negativ.

In jedem Fall steht für den Behindertensport und seine Vorzeigeplattform, die Paralympics, viel auf dem Spiel. Zwar zeigte der ungeheure Publikumserfolg von London im vergangenen Jahr, dass die Paralympischen Spiele keine reinen Pistorius-Spiele sind. Und so gab sich auch Sir Philip Craven, der IPC-Präsident, zuversichtlich, dass der Fall Pistorius den Paralympics nicht entscheidend schaden werde. „Nach den Spielen in London 2012 gibt es eine ganze Reihe hochkarätiger Sportler, nicht nur Oscar“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Dennoch hat der Behindertensport auch nicht zu knapp vom positiven Image seiner Ikone und Identifikationsfigur profitiert. Ein verurteilter Todesschütze Pistorius würde den Ruf der Paralympics noch nicht einmal ramponieren - weil die Tat nichts mit dem Athleten und seinen Leistungen zu tun hat. „Man muss diese Sportleistung, die er erbracht hat, trennen von dem, was der Mensch Pistorius gemacht hat“, sagte Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS).

Unerlaubte Mittel und Methoden auch im Behindertensport

Bei einem Doper Pistorius aber wäre das etwas anderes. Schließlich gründet sich die gewachsene Strahlkraft des Behindertensports für Sponsoren in hohem Maße auf der Annahme, es in dieser Hinsicht mit moralisch untadeligen Athleten zu tun zu haben. Dass dies längst nicht immer gilt, sondern auch im Behindertensport mitunter mit unerlaubten Mitteln und Methoden gearbeitet wird, ist bekannt, fällt aber im Überschwang der Emotionen gern einmal unter den Tisch.

In London war es Pistorius selbst, der das Thema „Techno-Doping“ auf die Agenda brachte, als er den Brasilianer Alan Oliveira bezichtigte, Prothesen in unzulässiger Länge zu verwenden. Schon damals hielt mancher das für zynisch, weil auch bei Pistorius nicht geklärt sei, welche Rolle seine Prothesen spielten. Den Athleten Pistorius jedenfalls, das ist anzunehmen, wird es nach den Schüssen von Silver Woods nicht mehr geben - unabhängig vom Ergebnis der Laboranalysen. Zwei seiner wichtigsten Sponsoren, Nike und Oakley, haben sich bereits distanziert. Sein Manager Peet van Zyl teilte mit, dass alle geplanten Starts abgesagt seien, damit Pistorius sich auf die Gerichtsverhandlungen konzentrieren könne. Als ließe sich unter Umständen wie diesen an Laufen überhaupt nur denken.

Quelle: F.A.Z.

 
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