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Oscar Carlén Der ewige Patient

Der Albtraum eines Jahrhunderttalents: Handballprofi Oscar Carlén denkt mit 23 Jahren an das Karriereende. Von einem, der die Zukunft nicht verlieren will - und doch noch mindestens ein Jahr bei seinem Klub HSV Hamburg zuschauen muss.

© REUTERS Vergrößern Ein Bild aus besseren Tagen: Bei der WM 2011 kann Carlen (l., im Spiel gegen Schweden) noch zeigen, was in ihm steckt. Kurz darauf reisst sein Kreuzband

Oscar Carlén hat sich daran gewöhnt, über sein rechtes Knie wie über eine Baustelle zu sprechen. „Sie haben die alten Bohrlöcher im Oktober geschlossen“, sagt er, „jetzt mussten wieder welche gebohrt werden, um das neue Kreuzband zu befestigen.“ Carlén hat sich auch daran gewöhnt, dass mit ihm selten über Handball gesprochen wird.

Sondern eher über medizinische Details der vielen Operationen, die er über sich ergehen lassen musste - und über die Tatsache zum Beispiel, dass sein neues Kreuzband aus einem Stück der Quadrizepssehne in seinem Oberschenkel nachgebildet worden ist. Kürzlich ist der 23 Jahre alte Handballprofi des HSV Hamburg in Bad Griesbach bei Passau wieder operiert worden. Es war sein sechster Eingriff am Knie, insgesamt seine 13. Operation unter Vollnarkose.

Ein Jahr wird der schwedische Patient voraussichtlich pausieren müssen; erst im Verlauf der Rehabilitation werden die Ärzte ihm sagen können, ob die Kreuzband-Plastik hält und er sein Geld weiter mit Sport wird verdienen können. Die erste Nachbildung, eingesetzt nach seinem ersten Kreuzbandriss im Februar 2011 noch im Trikot der SG Flensburg-Handewitt, hielt nicht lange - ein Infekt weichte den Knochen auf, und die Löcher, an denen das rekonstruierte Kreuzband befestigt war, weiteten sich. Carlén merkte nicht, was in seinem Knie vorging.

Als er bei der Krankengymnastik im September 2011 eine Abwehrbewegung simulierte, riss das Band aus den Befestigungen. Zwischen März und September liegen genau die sechs Monate, die Profisportler bei gutem Verlauf nach einem Kreuzbandriss brauchen, um wieder spielen zu können. Bei Oscar Carlén war es anders. Er sagt: „Als mir die Ärzte damals sagten, was los war, hätte ich heulen können. Das war der schlimmste Tag in meinem Leben.“

Alle Topklubs rissen sich um ihn

Als Carlén im Sommer 2008 zur SG Flensburg kam, eilte ihm der Ruf des Jahrhunderttalents voraus. Schnell war zu sehen, dass der gerade 20 Jahre alte Linkshänder tatsächlich viel mehr konnte als andere Gleichaltrige: nicht nur hoch springen und hart und plaziert werfen, sondern auch passabel decken.

In Flensburg war er sofort eine Stütze der Mannschaft, und alle Topklubs im Handball rissen sich um ihn. Auch, weil Carlén ein für sein Alter sehr reifer und ruhiger Vertreter ist - von einem für ihn lehrreichen Zwischenfall im schwedischen Nationalteam abgesehen, als er, es war das Jahr 2008, zusammen mit einem Kollegen in einem Hotelzimmer randalierte. Das wirkte so, als wollte ein junger Mann wenigstens einmal so richtig über die Stränge schlagen, ehe der Ernst des Lebens beginnt.

„Wenn Oscar so weiter macht, ist er bald tot“

Der begann in Flensburg: Oscar Carlén spielte bei der SG immer am Rande der Erschöpfung. Angriff, Abwehr, volle Pulle, und das mit fairen Mitteln. Am eindrucksvollsten war dies im April 2009 zu sehen, als die SG im Viertelfinal-Rückspiel der Champions League beim HSV trotz eines mit zehn Toren überragenden Carlén ausschied.

Sein ihn trainierender Vater Per sagte danach drastisch: „Wenn Oscar so weitermacht, ist er bald tot.“ Die ausverkaufte Hamburger Arena war Oscar Carléns Showbühne. Im Dezember 2010 stand fest, dass der HSV ihn für den rechten Rückraum und Vater Per als Trainer verpflichten würde.

Wie das Leben so spielt - derzeit ist keiner von beiden beim HSV aktiv. Coach Per Carlén wurde kurz vor Weihnachten entlassen. Oscar Carlén liegt im bayerischen Krankenhausbett; in diesen Tagen soll er entlassen werden.

Die nächste Pause? Zwölf Monate, vorsichtig geschätzt

Was eigentlich der gemeinsame Karrierehöhepunkt der Carléns beim deutschen Meister werden sollte, hat die Ausmaße eines Albtraums angenommen. Oscar Carlén will die Zuversicht nicht verlieren; er ist schließlich noch jung, das spricht für ihn. Aber noch ein Jahr in den „Folterkellern“ Gewichte stemmen oder Radfahren, in den Körper hineinhören?

Er sagt: „Wenn ich nach den großen Spielen nach Hause komme, bin ich deprimiert. Ich habe auch als Zuschauer noch das Adrenalin des Spiels in mir, aber zu Hause denke ich darüber nach, wie lange es dauert, bis ich wieder spielen kann.“ Ob sein Körper vielleicht nicht zum Hochleistungssport taugen könnte, darüber hat Carlén auch schon nachgedacht. „Aber meine Verletzungen waren eher Unfälle, Pech“, sagt er.

Der Mannschaftsarzt des HSV Hamburg, Oliver Dierk, sagt, dass die Operation gut verlaufen sei. Vorsichtig schätzt er Carléns nächste Zwangspause auf etwa zwölf Monate. Im Mai 2013 wird Oscar Carlén 25 Jahre alt, da bliebe immer noch genug Zeit zum professionellen Handballspielen. Aber er hat schon Pläne geschmiedet, falls das Knie nicht halten sollte - zusammen mit drei Freunden will er in Schweden eine Versicherungsagentur gründen. Oscar Carlén sagt: „Ich muss mich damit auseinandersetzen, meine Karriere zu beenden. Klappt es dieses Mal nicht, ist Schluss für mich.“

Quelle: F.A.Z.

 
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