09.09.2010 · Bald ist 2012: Auf dem Baugelände in London herrscht Hochbetrieb. Was entsteht, und was wird bleiben? Die Hoffnungen auf nachhaltigen Nutzen der Olympischen Spiele in der englischen Hauptstadt sind berechtigt.
Von Johannes Leithäuser, LondonDie ersten Sieger der Londoner Spiele stehen fest - knapp zwei Jahre vor der Eröffnungsfeier. Lance Forman, einer von ihnen, kommt von der 100-Meter-Bahn des neuen Olympiastadions. Ungefähr dort, wo im Sommer 2012 die Sprintwettbewerbe stattfinden werden, betrieb er einst eine Lachsräucherei, den ehrwürdigen Familienbetrieb „H. Forman und Sohn“ - Lance ist schon der Urenkel des Firmengründers. Er begriff es als Chance, dass er den olympischen Plänen der „London Delivery Agency“ im Wege war, jener Agentur, die für Planung und Bau der Londoner Olympiastätten verantwortlich ist. Die Behörde fand einen Umsiedlungsplatz für die Räucherei am Rande des Olympiaparks, an der verwilderten Böschung eines alten Industriekanals. Fischinsel heißt der Ort, an dem Forman neben seiner neuen Räucherei auch gleich ein Restaurant und ein Tagungszentrum aufbaute - für deren Besuch er nun mit der Panorama-Aussicht auf das neue Stadion wirbt.
Alison Nimmo, Planungschefin der Delivery Agency, holt hingegen noch immer das erschreckte Staunen in ihre Miene zurück, das ihr erster Blick auf das Gelände vor sieben Jahren hervorrief: „Ich dachte: Wie kriegen wir hier bloß Olympische Spiele rein?“ Das Areal im Osten Londons misst zweieinhalb Quadratkilometer, was etwa der Ausdehnung des Hyde Parks entspricht - eine nicht sehr großzügig geschnittene Fläche, um darauf ein großes Stadion, eine Basketballhalle, eine Handballhalle, ein Velodrom, ein Schwimmstadion, ein internationales Fernseh- und Medienzentrum (Arbeitsplätze für 20.000 Journalisten), ein Olympisches Dorf (Schlafstatt für 17.000 Teilnehmer), Bahnhöfe, Einkaufszentrum, ein Kraftwerk und sonstige notwendige und nützliche Bauten unterzubringen.
Außerdem fristete die Gegend jahrzehntelang ein Dasein als Niemandsland: „Sie lag quasi im Seitenknick des Stadtplans“, sagt die Planerin Nimmo; auf der Grenze - und damit am Rand - von vier verschiedenen Stadtbezirken. Das Gelände diente als Schrottplatz, als (legale und illegale) Müllhalde, als Lagerplatz, Gebrauchtwagenhändlergarage und als Refugium für Mensch und Tier: „Es gab auch Schrebergärtner und Eisvögel.“
Nachhaltige Spiele
Schon im Bewerbungstext um die Vergabe der Spiele suchten die Londoner Planer aus dieser Not eine Tugend zu machen - und ihrem Veranstaltungsort, ihrer braunen Wiese, einen sinnstiftenden Zweck abzugewinnen. Die Spiele des Jahres 2012 würden „städtisch“ und „nachhaltig“ sein; die Sportstätten sollten anschließend nicht wie eingemottete Raumschiffe am Rande der Siedlung wirken, sondern weiter genutzt, abgebaut oder umgewidmet werden. Fünf Jahre nach dem Gewinn der Bewerbung, zwei Jahre vor dem Beginn der Veranstaltung, belegt ein Gang über die Baustelle, dass dieses Credo sich zum Teil - nur zum Teil? - erfüllt hat.
In diesen Monaten herrscht Hochbetrieb auf dem Gelände: Rund 10.000 Arbeiter werkeln jeden Tag an den Sportstätten, den Grünflächen, den Straßen und den Wohnblocks für das Olympische Dorf; jede Minute passieren fünf Laster und Lieferwagen die beiden Kontrollschleusen im Norden und Süden. Gleich hinter dem südlichen Eingang steht rechts ein Fertigteilbau, der zur Eröffnung der Spiele im übernächsten Sommer wieder verschwunden sein wird: „London 2012 Apprentice Hub“ meldet die Aufschrift im Giebel der soliden Wellblech-Halle. Das ist das Ausbildungs- und Job-Zentrum. 24 Prozent der Arbeitskräfte stammten aus den vier umliegenden Ost-Londoner Bezirken, sagt Alice Nimmo stolz, jeder fünfte Arbeiter könne die Baustelle zu Fuß erreichen. 20 Prozent der Beschäftigten seien zuvor arbeitslos gemeldet gewesen. Und die Planungschefin führt weitere Zahlen und Statistiken an, um den dauerhaften Segen des olympischen Vorhabens zu demonstrieren: 4000 Bäume werden im Olympischen Park gepflanzt, der nach den Spielen, wenn der hohe Umgebungszaun und die Einlasskontrollen abgerüstet sind, für jedermann zugänglich sein soll. 30 neue Brücken überqueren jetzt Eisenbahntrassen, den Fluss Lea und die Industriekanäle, die sich durch die Gegend ziehen - künftig mit grüneren Böschungen und natürlicheren Ufern.
Alles eine Frage der Rentabilität
Dann die Sportstätten selber: Die Handballhalle, ein gläserner Kubus (6000 Plätze), bleibt auch nach den Spielen als Veranstaltungszentrum stehen, die Basketballhalle, ein mit weißem Kunststoff bezogener Stahlskelettbau (12.000 Plätze), wird komplett abmontiert. Nimmo sagt, die Planer aus Rio de Janeiro hätten sich schon neugierig erkundigt, ob man die Halle 2016 bei ihnen wieder aufbauen könne. Die Zukunft des großen Stadions ist unterdessen weiter ungewiss. Es wurde als Hybrid-Bau konzipiert: Über einem unteren gemauerten und betonierten Zuschauerring (25.000 Plätze) bietet eine runde Stahltribüne Platz für weitere 55.000 Menschen.
Die obere Tribüne sollte nach den Spielen wieder verschwinden, bleibt jetzt womöglich aber doch ganz oder teilweise erhalten. Nicht nur West Ham United, der Erstliga-Fußballklub aus der Nachbarschaft, zeigt inzwischen steigendes Interesse - die Arena wirkt, trotz 400-Meter-Bahn, kleiner und intimer als viele andere Leichtathletik-Stadien -, auch andere Vereine und Sportverbände seien an einer Nutzung interessiert. Man könne das Stadion auch auf eine Kapazität von 60.000 oder 45.000 Plätze abrüsten, beteuert Nimmo. Es sei eine Frage der Rentabilität - die allerdings nicht mehr ihr und ihrer Planungsagentur Kopfzerbrechen machen muss, sondern der Nachfolge-Gesellschaft, die die Spielstätten und den Park von 2012 an betreibt und verwaltet. Wenn dann das Olympiastadion wieder verkleinert oder verschwunden sein sollte, bleiben als einzige architektonische Wegmarken auf dem Gelände die Schwimmhalle und das Velodrom.
Es sind die beiden Bauten, über die die Planungschefin am längsten und liebsten erzählt: dass die Zuschauertribünen gleichmäßig um die geschwungene Bahn der Radfahrer gezogen wurden, damit die überall auf ihren Sprints durch die Halle in gleicher Lautstärke angefeuert werden könnten - oder dass bei der kühn geschwungenen Decke über der Schwimm-Arena auch eigens darauf geachtet worden sei, Falze und Rillen im Deckenmuster so gleichmäßig verlaufen zu lassen, dass die Rückenschwimmer bei ihren Wettkämpfen nicht die Richtung verlören.
„Ein neues Stück Stadt“
Es bleibt die Frage nach den Kosten: Umgerechnet etwa vier Milliarden Euro waren für die Spiele einst in der Bewerbung veranschlagt, das aktuelle Budget für Bau und Vorbereitung weist eine Steigerung auf 10 Milliarden Euro aus. Das liegt vor allem daran, dass sich für die Errichtung und die Bewirtschaftung des Medienzentrums und der Wohnungen im Olympischen Dorf keine privaten Bauherren fanden. Jetzt baut die olympische Planungsgesellschaft auf eigene Kosten - aber nach Entwürfen, die noch den Gesetzen privater Immobilienentwickler folgen. Elf massive Wohnblocks entstehen am Rande des Olympiaparks, hinter der Schwimmhalle, zwischen dem Bahnhof Stratford und einem gigantischen Einkaufszentrum. „Ideale Anbindung“, schwärmt die Planerin Nimmo. „Ein neues Stück Stadt“ - genau das mache doch das Konzept der Londoner Olympia-Bewerbung aus. Ob diese Idee wirklich ein „nachhaltiges“ Leben hat, wird sich erst lange nach der Schlussfeier der Olympischen und Paralympischen Spiele zeigen.