21.08.2010 · Bei den Olympischen Jugendspielen soll es nicht um Medaillen gehen, sondern um Spiel und Freude. Das sei nichts als Funktionärsprosa, sagen die jungen Sportler. Sie bewundern Stars wie Isinbajewa und Bubka - für deren Erfolge.
Von Christoph Hein, SingapurAls sie die lange Treppe zur Bühne herunterschreitet, dreht Jelena Isinbajewa ihren Ring am linken Finger. Sie ist nervös. So nervös, dass sie später aus dem Kichern und Albern kaum herausfindet. Das aber stört hier niemanden. Denn ihre Zuhörer sind fasziniert von der Stabhochspringerin. Kein Wunder. Sind sie doch selbst Sportler, die an diesem Abend im olympischen Dorf die Tricks und Kniffe der Spitzenathleten lernen wollen. Der Auftritt der Russin ist Teil eines „Kultur- und Lehrprogramms“, das den jungen Spitzensportlern während der Premiere der Olympischen Jugendspiele in Singapur geboten wird. In dieser Stunde wandelt sich ihr Dorf wieder zu dem, was es eigentlich ist: Eine Hochschule in Singapur.
„Das war super. Ganz großartig“, sagt Benjamin Scott, Bogenschütze aus Australien. Und was hat er gelernt? „Wie man sich vorbereiten soll, mental und so.“ Auch die anderen knapp 600 Zuhörer sind begeistert. Besonders von Stabhochspringer Sergej Bubka. Unfreiwillig gibt Isinbajewa eine Art Britney Spears des Stabhochsprungs. In zerrissener Jeans, oft geistig abwesend, sitzt sie auf dem Podium, stottert, aber man erfährt, dass sie nach Niederlagen zwei Tage lang Eis isst.
Bubka freilich gibt den Philosophen. „Ihr müsst bereit sein. Ihr müsst euch quälen“, sagt er dem Nachwuchs. „Wenn ihr nie verliert, werdet ihr nie gewinnen.“ Kurze Sätze, die selbsternannte Management-Trainer an jeder Volkshochschule verteilen. Die Kinder aber mögen sie – und sie mögen Bubka. „Es ist schon toll, wenn man den mal so nah sehen kann“, sagt Scott.
„Etwas mehr Spaß würde gut tun“, findet Rogge
Jacques Rogge findet, die Stars könnten umgekehrt von den Jugendlichen lernen. Er sagte, er vermisse bei den erwachsenen Spielen die Fröhlichkeit. „Ich denke, dass die Olympischen Spiele ein wenig zu ernsthaft und zu gesetzt sind. Etwas mehr Spaß würde gut tun“, mahnte der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Er bevorzugt weiterhin die Botschaft, die die Funktionäre der Jugendspiele unter allen Umständen und zu allen Gelegenheiten unter ihr Volk bringen wollen: In Singapur, nein, da gehe es nicht um Medaillen. Sondern um Sport und Spiel. Um Freude. Um den olympischen Gedanken. Um das Sammeln von Erfahrungen.
Nichts als Funktionärsprosa sei das, sagen Sportler und Trainer. Spätestens bei Anpfiff oder Startschuss findet sie ihr Ende. „Schaffe ich einen Medaillenrang, bedeutet das mehr Achtung in meinem Umfeld. Und vielleicht auch einen ersten Sponsor“, sagte etwa Gewichtheber Nico Müller vor seinem Wettkampf. Allen hier kommt das Credo des IOC heuchlerisch vor.
Mischung aus Ferienlager und Kirchentag
„Der Ansatz ist so für die Zukunft wohl nicht durchzuhalten. Bei Europa- oder Weltmeisterschaften sollen die Jugendlichen volle Leistung geben und hier soll es dann nur Trallalla sein? Das glaube ich nicht“, meint Müllers Trainer Oliver Caruso, der selbst olympische Bronze gewann. Druck habe jeder auf seine Art: „Mancher Trainer hat doch höchstens einen Vierjahresvertrag. Wenn der mit einer Medaille nach Hause kommt, winkt ihm die Verlängerung.“ Schließlich müssten die Wettkämpfe auch schon deshalb ernst genommen werden, damit die Verbände beim nächsten Mal Athleten schicken, auch wenn das IOC – anders als in diesem Jahr – nicht mehr einlädt.
Das könnte bald drohen: Denn zu den Spielen, die in diesem Jahr um die 300 Millionen Euro kosten, hat das IOC einen zweistelligen Millionenbetrag beigesteuert. Schon für die zweiten Jugendspiele in Nanjing aber erhofft sich der deutsche IOC-Vizepräsident Thomas Bach eine andere Finanzierung. „Ob wir die Jugendspiele in Zukunft auch für unsere Top-Sponsoren öffnen und über Fernsehrechte nachdenken, wird Teil der Auswertung werden“, sagt er.
Kondome gibt es kostenlos für alle
Bei der Premiere der „kleinen Spiele“ in diesem Jahr erinnert das olympische Dorf noch an eine Mischung aus Ferienlager und Kirchentag. In Zelten stellen sich die Nationen vor. Am deutschen Stand gibt es einen abgegriffenen Bildband über Köln, und man kann kleine Berliner Bären aus Gips anmalen. Macht so etwas Spaß? „Am Anfang ja“, sagt Seglerin Constanze Stolze diplomatisch. Schließlich kann man bei der Konkurrenz aus Lettland auch Luftballons aufblasen, in Kroatien ein Würfelspiel machen. Interessant fanden die Sportler da vor allem den Stand mit den Anti-Doping-Informationen des IOC. Kondome gibt es kostenlos für alle.
Die sonst bei den Spielen im Zeichen der fünf Ringe üblichen Paläste der Großsponsoren fehlen in Singapur ganz. Sie sind verbannt, um die Jugendlichen zu schützen. Auch das aber erscheint weltfremd: „Diese Sportler leben doch auch sonst schon in ihren Vereinen und Verbänden mit Sponsoren und Werbung“, orakelt Bach. Eine „kontrollierte Kommerzialisierung der Jugendspiele“ könne er sich durchaus vorstellen.
Zählen von Medaillen offiziell verpönt
In Singapur aber sind der Kampf um Geld und das Zählen von Medaillen verpönt – offiziell. Krampfhaft brav hält sich der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) an die Sprachregeln. Gelobt wird viel – aber eben nur Leistung und Engagement der Athleten. So erstellt Deutschland keinen Medaillenspiegel, vergibt keine Sportförderung entlang der Ergebnisse in Singapur. Dopingfälle werden erst im Nachhinein veröffentlicht.
Geradezu angenehm menschlich wirkt es da, wenn DOSB-Generaldirektor Michael Vesper nach dem dritten Glas Rotwein dann eben doch anfängt zu zählen, wie viel Medaillen Deutschland nun schon hat. Sofort aber bringt sich der ehemalige Grünen-Politiker wieder auf Kurs: „Ich stelle aber kein Ranking auf.“
Abends bei McDonald‘s vor dem Tor zum Olympischen Dorf
Andere sind da nicht so politisch-korrekt: Ausgerechnet die staatlichen Zeitungen und das Fernsehen von Veranstalter Singapur bringen täglich einen Medaillenspiegel. Die eigenen Sportler werden besungen wie Basketballstars in Amerika. „Ich gebe offen zu, das ärgert mich sehr“, schimpfte Chef de Mission Ulf Tippelt. Im wirklichen Leben ist er Leistungssportdirektor des DOSB.
Vielleicht wissen es wieder einmal die Sportler selbst am besten: Sie kämpfen gegeneinander, wenn sie es müssen. In den neuen Mannschaftswettbewerben aber kämpfen sie auch miteinander, wenn sie es dürfen. Und Freunde sind sie spätestens dann alle wieder, wenn sie sich abends bei McDonald‘s vor dem Tor zum Olympischen Dorf treffen. Oder, wie Tippelt es sagt: „Es gibt hier keine Zickereien untereinander.“
Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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