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Olympische Jugendspiele 2010 Der reiche Stadtstaat Singapur verordnet sich Sport

21.02.2008 ·  Singapur wird im Jahr 2010 die ersten Olympischen Jugendspiele ausrichten. Die Veranstaltung ist vorläufiger Höhepunkt eines staatlichen Plans, den reichen Zwergstaat auch als Sportnation auf den Radarschirm der Welt zu bringen.

Von Christoph Hein, Singapur
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Um neunzehn Uhr sieben Ortszeit jubelten die Schüler, stiegen die Ballons in den Tropenhimmel, hingen die Luftschlangen in den Palmen. Um neunzehn Uhr sieben Ortszeit saß Tan Zhi Hao auf der Tribüne an Singapurs Paradeplatz Padang und war einfach nur glücklich: „Wir haben es geschafft. Wir haben es geschafft. Ich bin so stolz, total stolz“, stammelte der Fünfzehnjährige, noch in der Uniform der Eliteschule Saint Joseph's Institution.

Sein Klassenkamerad Ahraff Ali konnte gar nicht mehr aufhören zu tanzen. „Wir werden die ganze Welt hier haben und ihr zeigen, was Singapur für ein Land ist.“ Minuten zuvor war auf der Großleinwand aus Lausanne die Wahl des Austragungsortes der Olympischen Jugendspiele 2010 übertragen worden: In 30 Monaten, acht Tagen und viereinhalb Stunden werden die ersten Spiele in Singapur eröffnet werden.

Der reiche Zwerstaat will eine Sportnation sein

So spontan die Freude am Abend auf der Insel am Äquator war, so durchdacht hatte der Stadtstaat die Herausforderung angenommen. Die Jugendspiele sind für Singapur vorläufiger Höhepunkt eines staatlichen Plans, den reichen Zwergstaat auch als Sportnation auf den Radarschirm der Welt zu bringen.

Denn Sport soll der Insel, die immer noch mit dem Ruf des langweiligen Obrigkeitsstaates kämpft, die Attribute verleihen, die sie so gerne hätte: Jugendlichkeit, Leichtigkeit und Frische, Lebensfreude und Mut, sich jeder Herausforderung zu stellen. Am Donnerstagabend erschien dann der stocksteife Premierminister im roten T-Shirt, der Sportminister kam gleich in Turnhose. Und der Halbmond auf der Flagge Singapurs war von der Seite nach unten verlegt worden, so dass die Fahne nun schmunzelte, als wäre sie ein Smiley.

Das erste Nachtrennen der Formel 1 kommt

Bis vor wenigen Jahren verbanden die Singapurer Leibesübungen nur mit unnötigem Schwitzen unter der stechenden Äquatorsonne, mit Pferdewetten und einem Bestechungsskandal im Fußball, in den auch ein deutscher Torwart verwickelt war. Das aber ist Vergangenheit. Nun wird ein neues Nationalstadion gebaut, im Stadtzentrum entstehen künstliche Buchten für Wettkämpfe auf dem Wasser, die Yachten des Volvo Ocean Race legen nach Weihnachten hier an, und natürlich wird Singapur Ende September das erste Nachtrennen der Formel 1 ausrichten.

Das alles geht im Land der gerade viereinhalb Millionen Einwohner nur, weil Singapur zum einen reich ist, zum anderen entschlossen. Im Stadtstaat - der durchaus Wahlen abhält - regiert seit der Unabhängigkeit vor gut 40 Jahren nur eine Partei, stellt eine Familie zugleich den Staatsgründer, den Premierminister und - mit dessen Gattin - die Vorstandsvorsitzende der staatlichen Industrieholding, die auf mehr als 100 Milliarden Dollar sitzt. Mit so einem Apparat lässt sich schnell und entschieden handeln.

„Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht“

Gleich, ob Investoren oder Großveranstalter in die Stadt gelockt werden, die „Preußen Asiens“ machen ihnen den Standort immer nach dem gleichen, erprobten Konzept schmackhaft. Eine wichtige Zwischenstation war die Wahl des Austragungsortes für die Olympischen Sommerspiele 2012 vor knapp drei Jahren in Singapur - damals kamen 5000 Sportler, Politiker und Prominente in die Stadt, um schlussendlich London zu küren. Ganz nebenbei lernten sie so die Vorzüge des kleinen, feinen Luxusstaates kennen.

„Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und sind sicher, dass wir damit fertig waren, bevor wir unser Gebot abgegeben haben“, sagte Ng Ser Miang, Singapurs Exekutivmitglied im Internationalen Olympischen Komitee. Die Anstrengung trug Früchte. Schon Mitte Januar bescheinigte das IOC den Singapurern, dass sie die Nase vorn hätten in den Bereichen Unterstützung durch die Regierung, Finanzkraft und Umsetzung des Olympischen Gedankens bei der Jugend. Von Kindesbeinen bekommen die Chinesen, Inder und Malaien, die hier leben, eingetrichtert, dass sie jenseits aller Unterschiede eine Nation formen sollten, auf die stolz zu sein sich lohne.

Strahlende Gesichter der jugendlichen Elite

Dafür aber braucht es Anlässe. Das Wachstum und der Reichtum des Staates und einer großen Oberschicht - gemessen an seiner Bevölkerungszahl verhängt Singapur nicht nur die meisten Todesurteile der Welt, sondern hat auch die meisten Millionäre - genügen längst nicht mehr. Das winzige Land hat kaum eine eigene Geschichte, keine Bodenschätze und nicht einmal ausreichend Trinkwasser. Das Volk, so hat seine Regierung befunden, brauche Spiele, denn sie bringen Brot.

Den Sport instrumentalisiert Singapur, um im weltweiten Standortwettbewerb der Spitzenliga der Städte mitzuhalten. Nichts eignete sich aus Sicht der Regierung besser dafür als die Olympischen Jugendspiele. Strahlende Gesichter einer jugendlichen Elite vor den Ikonen Singapurs, mit Fernsehen und Internet übertragen in den letzten Winkel der Welt - dies hat der Stadt als Werbung gefehlt. Dass zu einem Sportwettkampf allenfalls gedopte Athleten anreisen, sicher aber keine Konsumenten von im Stadtstaat verbotenen Drogen wie Hasch und erst recht keine Demonstranten und Aufrührer, kommt dem strengen Regime nur gelegen. Kurz gesagt: Aus Sicht von Singapurs Regierung passen die Jugendspiele zu Singapur wie der Kirchentag zu Köln.

Jugendspiele in Kürze

Vom 24. bis 26. August 2010 werden in Singapur die ersten Olympischen Jugendspiele stattfinden. Mit 53:44 Stimmen gewann der asiatische Stadtstaat die Briefwahl der Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gegen Mitbewerber Moskau. Diese beiden Städte hatten aus einem Pool von neun Bewerbern die Endrunde erreicht. Die Jugendspiele sollen von 2010 an alle zwei Jahre stattfinden, die Sommerversion in den Jahren Olympischer Winterspiele und die Winterversion in den Jahren der Sommerspiele.

Für die Spiele in Singapur sind 197 Wettbewerbe in den 26 Sportarten geplant, die auch das Programm der Olympischen Spiele 2012 in London bilden. Die Disziplinen müssen aber nicht identisch sein. Am genauen Programm wird noch gearbeitet - bei der IOC-Session im August in Peking wird darüber endgültig abgestimmt werden. Zu den Wettbewerben kommen Bildungsveranstaltungen kultureller Art oder auch zum Thema Doping.

Maximal 3500 Teilnehmer im Alter zwischen 14 und 18 Jahren sind vorgesehen, wobei jedes Nationale Olympische Komitee vier Wild Cards erhält. Weitere Starter sind abhängig von der Weltranglisten-Position der Nationen in den jeweiligen Sportarten. IOC-Präsident Jacques Rogge will auf nationale Symbole verzichten, doch darüber wird noch diskutiert. Einen Einmarsch der Nationen wird es geben. Ob bei den Siegerehrungen Flagge und Hymne eine Rolle spielen werden, ist eine offene Frage, mit der sich das Exekutivkomitee des IOC befassen muss. Die Gewinner werden „Sieger der Olympischen Jugendspiele“ genannt.

Ziel des IOC war es eigentlich, einen Austragungsort zu finden, der bereits über die geeigneten Wettkampfstätten verfügt. In Singapur sind 19 der 24 Anlagen vorhanden. Vier sollen temporär errichtet, ein Reitplatz neu angelegt werden. Der Etat von Singapur beträgt 75,5 Millionen Dollar. Eigentlich war eine Obergrenze von 30 Millionen Dollar festgelegt worden. Für die Sportler und eine stark limitierte Zahl von Betreuern (etwa 800) zahlt das IOC Reise und Aufenthalt.

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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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