02.07.2011 · Ein IOC-Zuschlag für Pyeongchang im Wettbewerb mit München und Annecy wäre eine Pioniertat. Bekämen die Asiaten bei der Vergabe am Mittwoch den Zuschlag für Winterolympia 2018, würde das allerdings vielen Kritikern neue Nahrung geben.
Von Evi SimeoniEin Blick auf diese Weltkarte sagt mehr als viele Worte. In Europa wimmelt es von Fähnchen, Asien ist beinahe leer: Zwei Markierungen in Japan und ein verwaister Rest-Kontinent. 14:2 steht es für das kleine Europa, wenn es um die Austragung von Olympischen Winterspielen geht. Sollte das Internationale Olympische Komitee (IOC) am kommenden Mittwoch dem koreanischen Wintersportzentrum Pyeongchang im Wettbewerb mit München und Annecy den Zuschlag für 2018 geben, wäre das also eine sportpolitische, und vor allem eine sportökonomische Pioniertat.
Nach zwei knapp gescheiterten Bewerbungen – 2003 in Prag unterlag Pyeongchang dem kanadischen Mitbewerber Vancouver und 2007 in Guatemala der russischen Konkurrenz aus Sotschi – sind die Koreaner der Meinung, dass es nun höchste Zeit wäre für ein Fähnchen in ihrem Land. „Wir halten unsere Versprechen“, haben sie immer wieder in Richtung der IOC-Mitglieder geäußert. Soll heißen: Nun sollen die Olympier auch ihres halten, schließlich habe man aus den vergangenen Niederlagen gelernt.
Und das Hauptargument ist schlüssig: Asien mit seinen vier Milliarden Menschen will endlich vom Wintersport erobert werden. Dort gibt es noch viel Platz zum Geldverdienen und viele potentielle Skifahrer und Eisläufer. 650 Millionen Jugendliche könnten als künftige Konsumenten gewonnen werden. „Neue Horizonte“ – unter diesem Motto ist Pyeongchang ins Rennen gegangen und steht damit für das Potential des ganzen Kontinents, der die sportpolitische Gewichtsverteilung neu austarieren will.
„Olympia ist universeller geworden“
Sogar einen potentiellen Nachfolger für den IOC-Präsidenten Jacques Rogge gibt es in Asien: Ser Miang Ng aus Singapur, den Olympier mit dem kürzesten Nachnamen. Natürlich schüttelt er den Kopf. Dass er plane, 2013 zur Wahl anzutreten, sei nicht mehr als ein Gerücht, sagt er mit feinem Lächeln. Aber das sagen im Moment alle möglichen Anwärter. Vorausgesetzt, es würde im Lauf der nächsten beiden Jahre mehr aus dem Gerücht und der Geschäftsmann und Diplomat schlüge sämtliche westlichen Schwergewichte aus dem Feld, wäre Ng der erste asiatische Präsident des IOC.
Er wäre sogar der erste, der nicht aus der westlichen Kultur stammte und erst der zweite Nicht-Europäer nach dem Amerikaner Avery Brundage. Und er fände das angemessen. „Ich denke nicht, dass der Eurozentrismus in der Sportpolitik ungerecht ist“, sagt der 62 Jahre alte Ng. „Aber Olympia ist universeller geworden. Die asiatische Bevölkerung nimmt zu, die Ökonomie entwickelt sich – dass Asien auch in die Sportpolitik hineinwächst, ist ein natürlicher und richtiger Prozess.“ Der einstige Segler Ng ist seit 1998 Mitglied im IOC, seit 2005 Vizepräsident, er hat im vergangenen Jahr in Singapur die ersten Olympischen Jugendspiele veranstaltet und daran mitgewirkt, dass die Formel 1 in seinen Stadtstaat kam. „Die Länder öffnen sich“, sagt Ng.
Der letzte asiatische Eroberungsversuch klingt heute allerdings schon wie ein Treppenwitz der Sportgeschichte: Ausgerechnet mit der Moralkeule versuchte der Qatarer Mohamed bin Hammam, den Schweizer Joseph Blatter als Präsident des Internationalen Fußballverbandes (Fifa) vom zu Thron stoßen. Er stehe für Transparenz, erklärte der 62 Jahre alte Unternehmer und Chef der Konföderation der asiatischen Fußballverbände (AFC), der als kampferprobter Stimmensammler bei der erfolgreichen – und höchst verdächtigen – Bewerbung Qatars um die Fußball-WM 2022 eine führende Rolle gespielt hat.
Bei Pyeongchang spielt Geld kaum eine Rolle
Allerdings musste er kurz vor der Wahl am 1. Juni seine Kandidatur zurückziehen. Die Ethik-Kommission der Fifa ermittelt gegen ihn, weil er versucht haben soll, Kongressmitglieder zu bestechen. „Zeit für einen Wechsel“ war sein Wahlkampfmotto. Bin Hammam wäre der erste Asiate an der Spitze der Fifa gewesen. Außer dem Brasilianer Joao Havelange hatten ausschließlich Europäer das Amt inne. Als er noch aussichtsreich im Rennen lag, weckte er sogar Befürchtungen, er könne nach seiner eventuellen Wahl die Fifa-Zentrale aus ihrem Prachtbau in Zürich nach Kuala Lumpur verlegen.
Im Austragungs-Ranking von Fußball-Weltmeisterschaften führt Europa mit 11:2, wenn man Qatar 2022 bereits dazu zählt. Rein rechnerisch ist also die dubiose Entscheidung der Fifa nur fair. Sie zeigt aber auch die Probleme des Weltsports mit den boomenden Ländern Asiens und dabei ganz besonders am Golf: Beim Olympiabewerber Pyeongchang spielt Geld kaum eine Rolle – beim Wüstenstaat Qatar überhaupt keine.
Indien war noch nicht reif für ein Großereignis
Die Groß-Sponsoren Samsung (IOC), Hyundai (Fifa) und Korean Air (Pyeongchang) sind in der Lage, erheblichen Finanzdruck auf die Entscheider auszuüben. Dass Qatar höchst großzügig gegenüber einigen Exekutivmitgliedern der Fifa war, ist belegt. Und klar ist, dass die Bedingungen für Sportler und Fans bei der Entscheidung für das völlig ungeeignete Land keine Rolle gespielt haben können.
Indien hat im vergangenen Jahr bewiesen, dass es noch nicht reif ist für ein internationales Großereignis. Zwar konnten die Commonwealth-Spiele in Delhi nach massiven Alarmrufen schließlich doch noch unter akzeptablen Bedingungen stattfinden. Organisationschef Suresh Kalmadi allerdings sitzt seit Ende April wegen Verdachts auf kriminelle Verschwörung und Betrug im Gefängnis. Insgesamt sollen von den Organisatoren 1,8 Milliarden Dollar zweckentfremdet worden sein. Die 110 IOC-Mitglieder entscheiden am 6. Juli bei der Vollversammlung in Durban über die Vergabe der Spiele – in diesem Gremium wird Asien von 27 Mitgliedern vertreten (Europa von 45).
„Es ist keine Offensive, sondern nur das Erwachen Asiens“
In der 24 Mitglieder starken Fifa-Exekutive, die bisher die Fußball-Weltmeisterschaften vergeben hat, sitzen (noch) drei Asiaten. Allerdings halten sie nicht immer zusammen. „In der olympischen Bewegung gibt es keine Blöcke“, sagt Ser Miang Ng auf die Frage, ob er aus kontinentaler Solidarität für Pyeongchang stimmen wird. Einst seien athletische Wettkämpfe nicht so wichtig gewesen für die asiatischen Kulturen. „Doch heute überschreiten die Länder in ihrem Denken Horizonte.“ Zuerst seien die asiatischen Mannschaften gewachsen.
Mit den erfolgreichen Olympischen Sommerspielen von Peking 2008 sei endgültig der Beweis erbracht, dass Asien auch sportliche Großereignisse stemmen könne. In diesem Sommer folgen die Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Daegu (Südkorea). Überall auf dem Kontinent wird über Olympiabewerbungen nachgedacht. 2020, 2024, 2028 sind die magischen Daten. „Es ist keine Offensive“, sagt Ng, „sondern nur das Erwachen Asiens.“