06.07.2011 · München nutzt jede Minute vor der Entscheidung in Durban. Die Bewerbung für Winterolympia 2018 wird im IOC als persönliches Projekt von Thomas Bach gesehen, der mit aller Raffinesse um Stimmen buhlt. Aber Südkorea überbietet alle.
Von Evi Simeoni, DurbanThomas Bach rennt durch die Hotelhalle, einen Stapel Papiere unter dem Arm, seine Assistentin Katrin Merkel jagt ihm hinterher. Keine Zeit. Die Stunden in Durban kurz vor der Abstimmung über die Olympiastadt 2018 vergehen im Sauseschritt - und sind gleichzeitig unendlich lang. Bach sitzt als Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) an den Hebeln der Macht - zu Wochenbeginn ging es in der Exekutive um neue Disziplinen und Sportarten bei künftigen Spielen, schicksalhafte Entscheidungen für die Verbände.
Trotzdem muss er an der Basis kämpfen. Der Tauberbischofsheimer Anwalt buhlt bis zur Stunde der Wahl durch die IOC-Vollversammlung mit all seiner Erfahrung und Raffinesse um Sympathie für die Münchner Bewerbung. „Wir nutzen jede Minute, die wir haben“, sagt auch Katarina Witt, die glamouröse Sturmspitze des Projekts. „Wir machen die Runde, um jeden zu treffen und zu überzeugen.“ Noch könnte ein Bewerber einem wankenden IOC-Mitglied das rechte Wort zu rechten Zeit sagen - oder auch alles verderben. Auch Katarina Witt integriert sich ins bunte Bild der Hotellobby, wo üblicherweise die IOC-Mitglieder umgarnt werden. Noch jemand, der heute noch kein Lächeln bekommen hat? Das wird sofort nachgeholt.
Dmitrij Tschernischenko, einst Bewerbungschef von Sotschi, das vor vier Jahren die Winterspiele 2014 gewann, weiß noch genau, wie stressig die letzten Stunden vor der Entscheidung waren. „Jeder einzelne Moment kann die Balance verändern“, sagt er, „also muss man bis zur letzten Minute kämpfen.“ Er rät den Bewerbern, sich nun eher auf vermeintliche Unterstützer zu konzentrieren, als mögliche Gegner noch umdrehen zu wollen. Doch wer ist zu welchem Lager zu zählen? Fest steht, dass Pyeongchang Favorit ist und Annecy die Außenseiterrolle hat. Und dass das IOC immer schon für Überraschungen gut war. Auch die Entscheidung für Sotschi 2007 war eine. Den Unterschied machte der Besuch des damaligen russischen Präsidenten Wladimir Putin bei der Session in Guatemala. Bundespräsident Christian Wulff, der am Dienstag in Durban landete, dürfte nicht ganz so viel charismatische Wirkung verbreiten wie der mächtige Edel-Sportfan aus Moskau.
Beckenbauer „nett und freundlich“
Darum ist es nur sinnvoll, dass Franz Beckenbauer seine Persönlichkeit und seinen Glücksfaktor beisteuern wird. Der Kaiser war zwar nie selbst Olympier, ist aber als sportlicher Weltbürger auch im IOC bestens vernetzt. Für eine Verabredung zum Essen mit alten Weggefährten reicht es allemal. Zum Beispiel - nach der Eröffnungsfeier am Dienstagabend - mit dem vielkritisierten Welt-Fußballpräsidenten Joseph Blatter, der seit 1999 IOC-Mitglied ist. Und mit dessen Vizepräsidenten Issa Hayatou. Gegen den Fußballfunktionär aus Kamerun läuft zwar zur Zeit ein Untersuchungsverfahren vor der Ethik-Kommission wegen des Verdachts der Bestechlichkeit, doch das hält ihn nicht ab, in Durban mitzustimmen. Zu der fröhlichen Fußballer-Runde sollen außerdem Habib Macki aus Oman und Timothy Fok aus Hongkong gehört haben. „Ich hoffe“, sagte Beckenbauer, „dass ich im letzten Moment noch ein bisschen Promotion machen kann bei den IOC-Mitgliedern, die ich kenne.“
Vielleicht sei ja noch nicht alles entschieden. In einer solchen Lage müsse man „nett sein, freundlich sein, und die IOC-Mitglieder nicht zu sehr unter Druck setzen.“ Den früheren Fußballpräsidenten Joao Havelange allerdings konnte er nicht für München gewinnen. Auch der Brasilianer soll sich vor der IOC-Ethikkommission für sein ethisch-moralisches Verhalten in den achtziger Jahren verantworten und ist zuhause geblieben. Mit 95 Jahren kann der Doyen des IOC viele Gründe für sein Fehlen haben, allerdings hat der alte Herr seit Menschengedenken keine Session versäumt.
Koreanischer Fernsehdeal
So muss das IOC, das zur Zeit 110 Mitglieder hat, ohne Havelange und fünf weitere Entschuldigte - der Ägypter Mounir Sabet zum Beispiel kann nicht kommen, weil er unter Hausarrest steht - zur Entscheidung gelangen. Von der ersten Abstimmungsrunde sind zudem die sechs Repräsentanten der Bewerberländer ausgeschlossen. Da sich der Schweizer Ruderpräsident Denis Oswald der Stimme enthalten will, weil sein Verband einen Sponsorvertrag mit dem koreanischen Konzern Samsung abgeschlossen hat, und Präsident Jacques Rogge traditionell nicht mitstimmt, reduziert sich das Wahlvolk auf 96. Sollte einer der Bewerber schon im ersten Wahlgang 49 Stimmen oder mehr erhalten, wäre die Entscheidung bereits gefallen.
Am ehesten wird ein solcher Coup Pyeongchang zugetraut, das im dritten Anlauf eigentlich nicht mehr verlieren darf. Im hypernervösen Schlussspurt musste deshalb mitten in Durban sogar die Olympiasiegerin Kim Yu-na aufs Eis - mehr als ein Dutzend TV-Kamerateams verfolgten am Dienstag ihre improvisierte Trainingsstunde für ein gutes Dutzend südafrikanische Eisprinzessinnen. Am wackeligsten war dabei die Gold-Läuferin selbst unterwegs - die Schlittschuhe waren ihr fremd und das Eis holprig.
Dafür bewegten sich die Koreaner wieder einmal höchst geschmeidig auf dem Finanzparkett. Im Rahmen eines seltsamen Triples wurden am zwei Tage vor der Wahl ausgerechnet die neuen olympischen Fernseh-Verträge für Frankreich, Deutschland und Korea bekannt gegeben. ARD und ZDF schlossen bis zu den Spielen 2016 ab (für schätzungsweise 110 Millionen Euro), France Televisions bis zu den Spielen 2020. Der koreanische Kanal SBS schoss auch in diesem Rennen den Vogel ab: Bis zu den Spielen 2024 verpflichtete sich der Sender zur Übertragung und gab damit ein weiteres Zeichen seiner Entschlossenheit, dem IOC jeden nur erdenklichen Gefallen zu tun. Sogar IOC-Finanzchef Richard Carrion, der die Verhandlungen mit dem koreanischen Fernsehen führte, sprach das offen aus: „Das war wohl in ihrer Rechnung enthalten.“
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