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Olympia-Vergabe USA, wir mögen euch nicht!

04.10.2009 ·  K. o. in Runde eins im Kampf um Olympia: Präsident Obama schafft es bei seinem Liebeswerben für Chicago höchstens ins Fotoalbum der IOC-Mitglieder. Die entscheiden sich für Rio - und gegen Amerika.

Von Evi Simeoni, Kopenhagen
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Die Crash-Tour war teuer: Sie kostete etwa eine Million Dollar und eine Menge Prestige. „Man kann ein großartiges Spiel machen und trotzdem nicht gewinnen“, sagte der geschlagene Olympia-Bewerber Barack Obama zwar mit einem Lächeln, als er nach Washington zurückgekehrt war. Das sei das Gute am Sport. Das Schlechte am Sport allerdings ist: Man kann sich auch selbst schlagen.

Und es hilft kein präsidiales Bonmot darüber hinweg, dass er sich mit diesem Vorwurf nun auseinandersetzen muss. Er hat sich in die Air Force One gesetzt, ist für fünf Stunden nach Kopenhagen geflogen, hat eine Rede gehalten und zahlreiche Hände geschüttelt, nur um sich anschließend von einer Ansammlung von ehemaligen Leistungssportlern, Adeligen, V.I.P. und Sportfunktionären brüskieren zu lassen.

Die Stadt Chicago, für deren Bewerbung Obama sein persönliches und politisches Gewicht einsetzte, scheiterte auf der Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) bei der Wahl um die Austragung der Spiele 2016 bereits in Runde eins. Gerade einmal 18 von 94 abgegebenen Stimmen konnten die Amerikaner gewinnen. Und es ist anzunehmen, dass kaum ein Votum dem Werben des Präsidenten und der Prachtentfaltung seiner Gattin Michelle zu verdanken ist, die zwei Tage lang in Kopenhagen Hof gehalten hatte. Ernüchternde Schlussfolgerung aus dem Präsidenten-Quickie: Mit seinem Charisma schafft es Obama bei den IOC-Mitgliedern höchstens bis ins Fotoalbum.

Der brasilianische Staatspräsident Lula da Silva konnte sich alle Häme sparen: „Es hat nicht Lula gesiegt und Obama verloren”, erklärte er, nachdem er sich seine Freudentränen über den Erfolg von Rio de Janeiro aus den Augen gewischt hatte. „Die bessere Bewerbung hat gewonnen.“ Keiner der Mitbewerber, erklärte der Politiker, der das Projekt mit einer Mischung aus Willensstärke und Hingabe auf einem langen Weg begleitet hatte, habe sich mit so großer Leidenschaft engagiert wie Rio. Das Abstimmungsergebnis spricht denn auch eine eindeutige Sprache: Mit 66 Stimmen im finalen Durchgang gegen Madrid (mit 32) gelang den Brasilianern der deutlichste Wahlsieg der Olympia-Historie. Tokio war in Runde zwei gescheitert.

Rio ist die perfekte Alternative - gleiche Zeitzone, nicht die Vereinigte Staaten

Bei all dem Werben mit kompakten Spielen, faszinierenden Sportstätten, komfortablen Athletendörfern, solider Finanzierung und nachhaltigen Umweltprogrammen, bei all den gutgelaunten Videos, die sich in den Präsentationen gegenseitig neutralisierten, siegten am Ende zwei pragmatische Argumente. Erstens vervollständigte das IOC mit seiner Entscheidung seine Weltkarte: Erstmals werden Olympische Spiele in Südamerika abgehalten – nur Afrika ist jetzt noch ein olympisch unerschlossener Kontinent.

Zweitens bot Rio im Bemühen um einen möglichst hohen Erlös aus dem Verkauf der amerikanischen Fernsehrechte eine perfekte Alternative zu Chicago. Gleiche Zeitzone – aber doch nicht die Vereinigten Staaten. Eine der Botschaften der IOC-Mitglieder aus dem Wahlergebnis von Kopenhagen lautet also: USA, wir mögen euch nicht.

Michelle Obama nährte den Vorwurf der Arroganz

„Das ist eine bequeme Art für andere Länder, ihre Ressentiments gegen uns als Supermacht auszudrücken“, sagte Doug Logan, der Generalsekretär des amerikanischen Leichtathletikverbandes, der Nachrichtenagentur AP, „und das, ohne Konsequenzen wie etwa das Kürzen der Entwicklungshilfe oder des Waffenprogramms in Kauf nehmen zu müssen.“

Mit dieser Haltung wird er den Vorwurf der Arroganz nicht entkräften, den so manches IOC-Mitglied offenbar hegt. Michelle Obama tat auch einiges dafür, ihn zu nähren. Die Berufs-Ehefrau ohne eigenes Amt wagte es zum Beispiel, zur Eröffnungsfeier der Session erst nach der dänischen Königin zu erscheinen, dafür in Begleitung des drallen amerikanischen Fernseh-Ereignisses Oprah Winfrey.

Lahme Entgegnungen

Noch viel bezeichnender aber für die Stimmung dürfte die Frage des pakistanischen IOC-Mitglieds Syed Shahid Ali nach Obamas Werberede nach den Einreisebedingungen gewesen sein. Dabei könne ein Fremder „erschütternde“ Erfahrungen machen, sagte er. Obama entgegnete darauf lediglich lahm: „Wenn sich Amerika von seiner besten Seite zeigt, ist es offen für die Welt.“

Dazu kommt ein handfester Grund für alle Funktionäre, dem Nationalen Olympischen Komitee der Vereinigten Staaten (USOC) kritisch gegenüberzustehen. Schließlich erhält das USOC aufgrund eines alten, unbefristeten Vertrages einen gleich großen Anteil an den Olympia-Einnahmen wie alle weiteren 204 Nationen zusammen. In dieser Olympia-Periode könnten so 450 Millionen Dollar zusammenkommen. Nur mühsam rang das IOC dem USOC im März die Zusage ab, sich mit 38 Millionen an den Olympiakosten zu beteiligen und sich mit einer Neuverhandlung des Vertrags im Jahr 2013 einverstanden zu erklären. Zu wenig Entgegenkommen offenbar.

„Sie erkennen jetzt, dass sie Probleme haben“, sagte dazu der Schweizer Ruderpräsident Denis Oswald, IOC-Exekutivmitglied und Chef der internationalen olympischen Sommersportverbände. „Wir wollen, dass sie ein vollwertiger Teil der olympischen Familie sind – aber sie müssen sich wahrscheinlich bewegen.“

„Dumme Blockbildung“

Allerdings braucht das IOC die Amerikaner – ihre ökonomische Potenz und ihre Fernsehanstalten. Und so folgte dem Autonomierausch der Wahl bei den Spitzenfunktionären schnell die Ernüchterung. „Ich bin überrascht, dass Chicago schon in der ersten Runde ausgeschieden ist“, sagte IOC-Vizepräsident Thomas Bach. Gerhard Heiberg war sogar in einem „Schockzustand“. „Es tut mir leid, wirklich leid“, sagte er.

Kein Wunder: Der Norweger ist Vorsitzender der IOC-Marketingkommission. Und der Australier Kevin Gosper, Vorsitzender der Pressekommission, wurde noch deutlicher: „Der Präsident der USA und seine Frau sind persönlich anwesend, und dann passiert so etwas in der ersten Runde: Das ist abscheulich und unverdient.“ Es habe, sagte er, eine „dumme Blockbildung“ gegeben. Offenbar waren die meisten IOC-Mitglieder entgegen ihren eigenen Angaben schon mit einem festen Plan zur Wahl gekommen: Obamas Liebeswerben war nur noch das Sahnehäubchen fürs Ego.

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Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

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