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Olympia-Kommentar Teurer Sand in den Augen der Sportfunktionäre

Auftrag des IOC ist es nicht, einem Volk bei der Selbsthypnose zu helfen, sondern die bestmöglichen Olympischen Spiele für seine Sportler auszurichten. Wie konnten die Sportfunktionäre bei ihrer Entscheidung, die Spiele 2020 nach Tokio zu vergeben, das atomare Risiko in Fukushima ausblenden?

© AFP Vergrößern Nach der Entscheidung: Der japanische Premierminister Shinzo Abe (rechts) zeigt Genugtuung gegenüber IOC-Präsident Jacques Rogge

Auch Olympier wissen nicht alles. Dass das Wrack des japanischen Atomkraftwerks Fukushima ein unheimlicher Unruheherd ist, dass dort täglich Hunderttausende Liter radioaktiv verseuchten Wassers entstehen, hätten sie aber schon in Erfahrung bringen können. Schließlich hatten sie den verantwortungsvollen Auftrag, am Samstag über die Vergabe der Sommerspiele 2020 zu entscheiden, und die japanische Hauptstadt Tokio war einer der drei Anwärter.

Es hätte ja gerreicht, ein bisschen im Internet zu surfen oder auch mal eine Zeitung zur Hand zu nehmen. Aber offensichtlich wusste die Mehrheit der Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) nichts darüber. Noch am Dienstag verabschiedete die japanische Regierung einen Notfallplan für den überforderten Betreiber Tepco, der mit den Lecks in den Kühltanks nicht zurechtkommt, und der nicht verhindern kann, dass permanent verseuchtes Grundwasser in den Pazifik sickert. Die Medien waren voll davon. Am Samstag beschlossen die Würdenträger der fünf Ringe auf ihrer Vollversammlung in Buenos Aires, in sieben Jahren ihre Athleten nach Tokio zu schicken.

Die Not des Landes als Mitleidsfaktor

Die Repräsentanten der japanischen Bewerbung können ja sogar Recht haben mit ihrer Behauptung, dass ihre lokale atomare Belastung nicht größer sei als die in Paris, New York und London. Aber es gibt doch einen kleinen Unterschied zwischen diesen drei Städten und Tokio: Dort strahlt nicht in weniger als drei Autostunden Entfernung ein unberechenbares atomares Risiko. Und dass Regierungschef Abe am Samstag in der Präsentation dreist behauptete, man habe die Lage unter Kontrolle, es gäbe kein irgendwie geartetes Problem, dürfte die IOC-Mitglieder eigentlich nicht überzeugt, sondern müsste sie empört haben. Für so naiv werden sie also gehalten. Leider mit Recht.

Es mag zynisch wirken, wenn sich jetzt Leute außerhalb des IOC-Zirkels darüber aufregen, dass die internationalen Sportkanonen 2020 in die Nähe einer Atomschleuder verfrachtet werden sollen. Schließlich muss das japanische Volk täglich mit der Gefahr leben und trägt sein Schicksal seit dem Erdbeben und dem Tsunami im März 2011 mit beeindruckendem Gleichmut. Noch zynischer aber erscheint es, dass die Bewerbungstruppe mit Premierminister Shinzo Abe an der Spitze gegenüber dem IOC immer wieder die Not ihres Landes als Mitleidsfaktor einsetzt. Als Zeichen, welch gute Tat das IOC ihnen hat zukommen lassen, wollen sie sogar den olympischen Fackellauf in das „betroffene“ Gebiet führen. Sie bedankten sich für die Hoffnung und die Träume, die ihnen die Olympischen Spiele schenkten. So, als verbesserten 10.500 Athleten aus aller Welt, die 2020 in den Stadien schwitzen, ein Stück weiter nördlich die Umweltsituation.

Die Möglichkeiten der Vermarktung

Auftrag des IOC  ist es aber nicht, einem Volk bei der Selbsthypnose zu helfen, sondern die bestmöglichen Olympischen Spiele für seine Sportler auszurichten. Sie sind es aber nur unter einem Gesichtspunkt, der offensichtlich wieder einmal alles andere geschlagen hat: Den Möglichkeiten der Vermarktung. Tokio verspricht die größte Prime-Time-Fernsehgemeinde, die es je gab. Den größten Ticketmarkt. Und einen beeindruckenden kommerziellen Erfolg. Schon jetzt gibt es 21 Sponsorenpartner.

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Wahrscheinlich muss man dem IOC zugutehalten, dass auch die anderen beiden Bewerber, Madrid und Istanbul, massive Probleme mit sich gebracht hätten. Dass der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy die Wirtschaftslage seines Landes vor dem IOC verharmloste, sein türkischer Kollege Recep Tayyip Erdogan die innenpolitischen Konflikte hinter salbungsvollen Worten  verschwinden ließ und die gefährliche Nähe zum Bürgerkrieg in Syrien vollkommen ausblendete, zeigt, was von solchen Bewerbungskampagnen zu halten ist: Nichts als teurer Sand für die Augen einer merkwürdigen Hundertschaft. In sieben Jahren, so sagen die IOC-Mitglieder gerne, wenn die Spiele dann wirklich stattfänden, sähe die Welt ja sowieso schon wieder ganz anders aus. Von den Verfallszeiten radioaktiver Stoffe scheinen einige von ihnen eben auch noch nichts gehört zu haben.

Quelle: FAZ.NET

 
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