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Olympia-Boykott 1984 : Risse im Bündnis

Manfred Ewald, Präsident des DTSB und Mitglied des Zentralkomitees der SED: „Ich war der Sport” Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Die DDR musste sich vor 25 Jahren, im Mai 1984, wie der größte Teil des Ostblocks dem Olympiaboykott der Sowjetunion anschließen. Ihr Selbstbewusstsein war herausgefordert. Fünf Jahre danach barst der Ostblock.

          Jeder Start ein Olympiasieg - die Sportführung der DDR plante bei den Sommerspielen von Los Angeles einen sensationellen Coup. Wenn sie im politischen Klima von Nato-Nachrüstung und sowjetischer Eiszeit schon nicht mit einer vollständigen Mannschaft würde antreten dürfen, so die Überlegung im innersten Zirkel, wollte sie die Sportwelt in jenem Sommer 1984 mit einem schlagkräftigen Kern des DDR-Sports schocken, mit dem zu hundert Prozent siegreichen Konzentrat ihrer Leistungsfähigkeit: Vierzig Athletinnen und Athleten sollten an den Start gehen, und jeder Einzelne würde eine Goldmedaille gewinnen.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Aus dieser Demonstration leistungssportlichen Größenwahns wurde nichts. Die DDR musste sich vor 25 Jahren, am 10. Mai 1984, wie der größte Teil des Ostblocks dem Olympiaboykott der Sowjetunion anschließen. Doch ihr Selbstbewusstsein war herausgefordert. Gerade erst, bei den Winterspielen von Sarajevo im Februar 1984, war der kleine Staat von knapp 17 Millionen Einwohnern mit neun Goldmedaillen die Nummer eins des Medaillenspiegels geworden; vor der Sowjetunion mit sechs und den Vereinigten Staaten mit vier.

          Die Idee von den vierzig Goldfavoriten war nicht abseitig

          Mit dem oktroyierten Boykott, sagt der Historiker Hans Joachim Teichler von der Universität Potsdam, seien feine Risse im sozialistischen Bündnis entstanden; unsichtbar zunächst, doch fünf Jahre später barst der Ostblock. „Die DDR hat sich durch den Olympiaboykott sportpolitisch emanzipiert“, glaubt Teichler. Und Sportpolitik, das war große Politik in der DDR.

          Einmarsch der DDR-Mannschaft 1980 in Moskau

          Die Idee von den vierzig Goldfavoriten war nicht abseitig. Schließlich verfügte der Deutsche Turn- und Sportbund (DTSB) der DDR über Siegertypen wie die Sprint-Weltmeisterinnen Marlies Göhr und Marita Koch, Weitsprung-Weltmeisterin Heike Dauthe (Drechsler), den zweimaligen Marathon-Olympiasieger Waldemar Cierpinski, Kugelstoß-Weltrekordhalter Udo Beyer, im Schwimmen die Olympiasiegerinnen Ines Geißler, Ute Geweniger und Petra Schneider sowie Weltmeisterin Kristin Otto, die Radrennfahrer Olaf Ludwig und Lutz Heßlich sowie die Olympiasieger und Weltmeister im Kajak, Birgit Fischer und Rüdiger Helm.

          Da wusste Kluge, dass auch er nicht reisen würde

          Volker Kluge, damals Sportchef des FDJ-Blattes „Junge Welt“ und Sprecher des Nationalen Olympischen Komitees der DDR, erinnert sich daran, dass er Anfang Mai 1984 von Wolfgang Gitter den Auftrag bekam, kurzfristig eine Mannschaftsbroschüre vorzubereiten, die statt der voraussichtlich rund 300 nur etwa vierzig Mitglieder vorstellte. „Keine Mannschaften, nur Top-Einzelstarter“ wollte der Generalsekretär des NOK, die Besten der Besten. Der Auftrag hatte sich schnell erledigt. Am 8. Mai, während IOC-Präsident Juan-Antonio Samaranch im Flugzeug nach Washington saß, wo er mit Präsident Ronald Reagan darüber beraten wollte, wie ein Boykott abzuwenden sei, kam die Absage aus Moskau.

          Anfang April schon hatte der sowjetische Botschafter die Ost-Berliner Führung darauf vorbereitet. Kluge erfuhr vier Wochen vor der Nachricht im Fahrstuhl seines Verlages, dass Boris Stukalin, der Verantwortliche für Agitation und Propaganda in der KPdSU, fehlende Sicherheitsgarantien als Grund für ein Fernbleiben geltend machen wollte. Da wusste Kluge, dass auch er nicht reisen würde.

          Die Bruderländer schlossen sich zähneknirschend an

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