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Olympia 2020 : Madrid, der Sieger des Tages

Dreikampf um Olympia: Istanbul, Tokyo und Madrid wetteifern um die Gunst der Olympier Bild: Getty Images

Bei der Präsentation der Olympiakandidaten für 2020 zeigen die IOC-Mitglieder in Lausanne wenig Interesse an den Problemen von Istanbul. Sie beeindruckt mehr die Sicherheit, die Tokio bietet, und die spanische Bescheidenheit.

          Es muss ein Albtraum gewesen sein für die Olympiabewerber von Istanbul. Wenige Wochen vor ihrer wichtigsten Präsentation gingen Bilder um die Welt von den Massenprotesten gegen die Regierungspolitik und Polizisten, die auf dem Taksim-Platz mit ausufernder Gewalt gegen Demonstranten vorgehen. Anti-Werbung, vielleicht sogar ein Disqualifikationsgrund möchte man meinen für jemanden, der Spiele im Frieden und der Sicherheit eines stabilen Systems anbieten will.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Aber nein: Die Nachrichten von Toten und Verletzten in Istanbuls Straßen waren noch nicht einmal ein Stimmungskiller für die Dreiviertelstunde, in der sich der Bewerber um die Spiele 2020 am Mittwoch, wie seine Mitkandidaten Tokio und Madrid, jeweils einer Hundertschaft von IOC-Mitgliedern und damit dem Wahlvolk präsentieren durften. Am 7. September wird in Buenos Aires entschieden.

          Das Interesse der Olympier an der Sicherheitslage schien gering. Keine einzige Frage wurde der türkischen Delegation aus dem Plenum der außerordentlichen Vollversammlung in Lausanne zu den Protesten und der Polizei-Eskalation gestellt, obwohl mit dem stellvertretenden Premierminister Ali Babacan ein kompetenter Ansprechpartner nach Lausanne gekommen war. Niemand nahm es der Delegation übel, dass die Proteste nur beiläufig erwähnt wurden und stattdessen viel von Jugend, Strahlkraft und Vielfalt die Rede war, von der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung des Landes, von Infrastruktur-Projekten und gigantischen Neubauten - obwohl ausgerechnet ein Bauvorhaben die Proteste in Istanbul auslöste. Und das in einer Zeit, da sowohl das IOC als auch der Welt-Fußballverband immer massiver von sozialen und politischen Problemen eingeholt werden.

          Bach will besser kommunizieren

          Auch Richard Carrion meldete sich nicht in der Vollversammlung zu Wort, obwohl er sich als Kandidat für das Präsidentenamt offenbar auch als politischer Denker profilieren will. Kurz vorher hatte er sich zu einer anderen Frage ungewöhnlich deutlich geäußert - den Massenprotesten des brasilianischen Volkes gegen die hohen Ausgaben des Landes für Sport-Großereignisse wie die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016. „Wir hätten stocktaub sein müssen, nicht zu hören, was die Leute auf der Straße zu sagen haben“, erklärte der Bankier aus Puerto Rico in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFP in Bezug auf das IOC. Der Hauptrivale des deutschen Kandidaten Thomas Bach sagte, dieses Zeitalter großen ökonomischen Drucks sei bestimmt von Sparsamkeit. „Wir hören uns die Botschaft besser an, wenn wir uns daran machen, Gastgeberstädte zu wählen.“

          Bach wandte ein, es müsste besser kommuniziert werden, welche positiven Auswirkungen Olympische Spiele auf ein Land hätten, auch als Katalysator für Infrastruktur-Verbesserungen. Gegen den Gigantismus der Spiele - dies ist aber ohnehin ein Standardpunkt in den Wahlprogrammen aller sechs Präsidentschaftskandidaten.

          Punkten mit Bescheidenheit: Madrid mit Kornprinz Felipe
          Punkten mit Bescheidenheit: Madrid mit Kornprinz Felipe : Bild: AP

          Zuhören statt die Augen verschließen - eine solche Maßregel hätte dem IOC wahrscheinlich schon vor sechs Jahren bei der Vollversammlung in Guatemala gut getan, als die Winterspiele 2014 an Sotschi vergeben wurden. Das Erscheinen des Staatspräsidenten Wladimir Putin hatte den Ausschlag gegeben, obwohl die Bewerbung sich lediglich auf High-Tech-Zeichentrickfilme von virtuellen Olympiastätten stützte.

          Die Probleme in Russland sind jetzt akut. Atemraubende Korruption, Missachtung der Menschenrechte, Einschränkungen der Pressefreiheit verdüstern schon jetzt die Spiele. Und die Meldungen werden immer unheimlicher. Erst am Mittwoch berichtete die Deutsche Presse-Agentur über eine weitere ernsthafte Bedrohung: Der tschetschenische Terroristenführer Doku Umarow, genannt „Russlands Bin Ladin“, hat in einem Video seine islamistischen Anhänger zu Anschlägen gegen Olympia in Sotschi aufgerufen. „Mit allen Mitteln, die Allah erlaubt“, und auch gegen Menschen.

          Chancen erhöht.

          In Lausanne, beim beschaulichen Treffen des IOC, muten solche Nachrichten wohl ein bisschen unwirklich an. Trotzdem könnten sich die Chancen der beiden Mitbewerber Istanbuls durch die Ereignisse erhöht haben. Sowohl Tokio als auch Madrid machten deutlich, wie gut sich die Menschen in ihren Straßen aufgehoben fühlen könnten. „Tokio ist die sicherste Stadt der Welt“, betonte schon vor der offiziellen Präsentation Naoki Inose, der Gouverneur der Stadt. „Man kann sich sicher in den Straßen bewegen. Frauen können auch nach Mitternacht draußen sein und es ist ok.“

          Etwas ungeschickt: Istanbul protzt und kleckert
          Etwas ungeschickt: Istanbul protzt und kleckert : Bild: AFP

          Wenn in Tokio jemand seine Brieftasche verliere, bekäme er sie samt Inhalt wieder zurück. Auch Madrid, angeführt vom spanischen Kronprinzen, legte einen der Schwerpunkte seiner Präsentation auf die Sicherheit im Land. Natürlich war es trotzdem bitter nötig, neben dem schmucken Felipe den spanischen Wirtschaftsminister Luis de Guindos zu präsentieren, der mit großer Verve versicherte, dass Spiele 2020 in Madrid nicht unter der dramatischen Finanzschwäche des Landes würde leiden müssen. Die bis dato graue Maus Madrid, die mit einem Budget von 1,45 Milliarden Euro bei weitem das schmalste Budget angesetzt hat, könnte der Gewinner des Mittwochs gewesen sein. Bescheidene Spiele im sicheren Schoß Europas - das wäre doch mal wieder was.

          Quelle: F.A.Z.

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