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Olympia 2018 Weihnachtspost an Rogge?

 ·  59 Garmischer Bauern bereiten der Münchner Olympiakandidatur Sorgen. Die Frage ist, wie bedrohlich die nicht ausgeräumten Probleme sind. Gefährdet sehen die Bewerber ihre Kandidatur nicht.

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Im Gasthof „Zum Lamm“ in Garmisch-Partenkirchen wird gern deftige Kost serviert. Am 26. November 2010 gab es den passenden Nachtisch dazu: einen Wortwechsel, der die bayrische Olympiabewerbung für 2018 wieder ein wenig ins Wackeln bringt. Der Staatskanzleichef Siegfried Schneider soll im Wirtshaus die Entscheidung über die Spiele, die eigentlich im Juli 2011 von gut hundert Mitgliedern des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gefällt wird, de facto in die Hand von rund fünfzig Garmischer Grundbesitzern gelegt haben. Es sei „zwingend erforderlich“, so seine Mahnung, dass die vorgelegten Gestattungsverträge unterzeichnet würden, andernfalls müsse „die Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2018 zurückgezogen werden“. Außerdem warnte er die Weidebauern davor, dass durch eine Verweigerung „die Stellung des Bayerischen Ministerpräsidenten – gerade mit Blick auf sein bundespolitisches Gewicht – empfindlich geschwächt“ werde.

So jedenfalls beschreibt es der Rechtsanwalt Ludwig Seitz, der nach eigenen Angaben die inzwischen 59 unwilligen Garmischer Grundbesitzer vertritt. Die Worte aus dem Wirtshaus schildert er in einem Schreiben, das er Schneider am Montag schickte. Darin fordert er im Namen seiner Mandanten, „dass – gemäß Ihrer Ankündigung – die Bewerbung offiziell zurückgezogen wird.“ Es gebe, so Seitz gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, nur diese eine Möglichkeit, „wenn Schneider an seinen eigenen Worten gemessen werden will“.

Wie bedrohlich sind die nicht ausgeräumten Probleme?

Grund der „nicht verhandelbaren“ Ablehnung seiner Mandanten, so der Anwalt, sei die Ansicht, dass die Spiele „eine Nummer zu groß“ seien für Garmisch-Partenkirchen; aber auch die „herablassende Art“, mit der die Bewerbungsgesellschaft gegenüber den Grundbesitzern aufgetreten sei – bevor im Sommer Schneider übernahm, der es besser machte, „aber mit den völlig falschen Leuten verhandelte“.

Noch am vorletzten Samstag hatte Bundesinnenminister Thomas de Maizière bei der Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes in München die Problemphase der Bewerbung für beendet erklärt: „Das haben wir hinter uns.“ Schneider ließ sich dort für seine Verhandlungen feiern, mit denen er die Garmischer Bauern scheinbar beschwichtigt hatte. Es sei „gelungen, Schwierigkeiten vor Ort auszuräumen“, sagte er in seiner Ansprache an die Sportfunktionäre. Die Zuhörer brauchten schon reichlich semantischen Spürsinn, um die Auslassung eines entscheidenden Wörtchens durch den Politiker zu bemerken: eines Wörtchens wie „die“ Schwierigkeiten oder gar „alle“ Schwierigkeiten.

Die alpine Ski-WM sei in Garmisch-Partenkirchen „voll akzeptiert“

Die Frage ist nun, wie bedrohlich die nicht ausgeräumten Probleme sind. Und ob die Ablehnung taktisch, also veränderbar, ist oder „definitiv“, wie Seitz beteuert. Er sieht keine Chance für die Bewerbung gegen den Willen seiner Mandanten. Und führt sieben Grundstücke an der Kandahar, dem Hausberg und dem Skistadion am Gudiberg auf, ohne die nichts gehe, darunter jenes, „bei dem auf der Kandahar-Abfahrt Zeitmessanlage und Ziellinie vorgesehen sind“. Die Ablehnung bezieht sich, wie der Anwalt betont, nur auf Olympia, nicht auf die alpine Ski-WM im Februar: Diese sei in Garmisch-Partenkirchen „voll akzeptiert“.

Schneider wiegelte in der Ministerratssitzung am Dienstag, kurz vor Verabschiedung des Olympiagesetzes im Landtag, ab: „Die noch offenen Grundstücksfragen lassen sich klären und gefährden die Bewerbung nicht.“ Sollte keine Einigung möglich sein, „werden entsprechende Ersatzlösungen bereitstehen.“ Ob planerische oder juristische Ersatzlösungen, ließ er offen. Das Instrument der Enteignung soll er schon im Gasthaus „Lamm“ ausdrücklich ausgeschlossen haben.

Keine allzu frohe Botschaft für die deutsche Olympiabewerbung

Der Grünen-Politiker Ludwig Hartmann, der vor dreieinhalb Wochen beim Bundesparteitag seiner Partei mit dem Antrag auf Ablehnung der Olympiabewerbung erfolgreich war, wirft Schneider nun vor, er habe „die Lage schöngeredet“, um vor den Abstimmungen von Stadt- und Gemeinderäten über die Bewerbung im Herbst „die Beschlüsse herbeizuführen“. Mit diesen Beschlüssen und mit den ersten gelungenen Präsentationen auf dem internationalen Parkett schien die Bewerbung zuletzt auf Kurs gekommen. Nun erhebt sich neuer Gegenwind, und in der turbulenten, oft irrationalen Geschichte namens „München 2018“ kann niemand verlässlich vorhersagen, ob es nur ein Lüftchen oder ein Sturm wird.

Sollte die Bewerbung nicht Mitte nächster Woche zurückgezogen werden, so Seitz gegenüber dieser Zeitung, werde er „Herrn Jacques Rogge in Lausanne am 23. Dezember anschreiben“ und ihm erklären, „dass die Funktionsfähigkeit aller drei alpinen Sportstätten nicht gewährleistet ist“. Die Weihnachtspost an den IOC-Präsidenten wäre keine allzu frohe Botschaft für die deutsche Olympiabewerbung.

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