27.02.2006 · Die Besucher der nächsten Winterspiele können sich freuen. Die Kanadier haben sich für Vancouver 2010 viel vorgenommen. Verkehrschaos oder leeren Hallen soll es nicht geben. Für Probleme könnte aber der warme Wind aus Hawaii sorgen.
Von Christian Eichler, VancouverDie Besucher der nächsten Winterspiele werden sich an manches Neue gewöhnen müssen. Zum Beispiel an die Mülltonnen in Whistler oben in den Rocky Mountains, Ort der Ski- und Eiskanal-Wettbewerbe. Sie lassen sich nur mit einer Fingerfertigkeit öffnen, die manchen Besucher überfordert - noch mehr aber die Bären, die sonst womöglich nachts runter in den Ort kämen, um leckere olympische Abfälle zu suchen.
Auch die Stimmung randvoller Arenen dürfte nach Turin vielen neu vorkommen. Die Organisatoren von Vancouver 2010 kündigten letzte Woche volle Ränge für ihre Spiele an, ein Ziel, das besonders für die Siegerehrungen im 55.000 Zuschauer fassenden „BC Place Stadium“ ehrgeizig klingt. In der gewaltigen Hallen-Arena wird man sich wohl an noch etwas gewöhnen, an „Oh Canada“, die Hymne, die Opern-Star Ben Heppner bereits bei der Turiner Schlußfeier anstimmte. Behalten die Kanadier recht, wird sie 2010 häufiger erklingen als das Deutschland-Lied.
Daheim auf Parkplätzen geübt
Kanada soll die Nationenwertung gewinnen, dank des Förderprogramms „Own the Podium“ (besitze das Siegertreppchen). Das Ziel: 35 Medaillen. 24, mehr denn je, waren es schon in Turin. Turin 2006, ein Stimmungserfolg für Vancouver 2010. Das kam nicht nur durch die Medaillen, auch durch die „casa canada“, wie die Italiener das vielbesuchte Werbe-Blockhaus auf einer Turiner Piazza nannten. Die multikulturelle Metropole am Pazifik ist längst auch bei den Europäern auf der inneren Landkarte präsent, anders als noch vor der Weltausstellung in Vancouver 1986. Deren Chef Patrick Reid erinnerte sich an ein damaliges Gespräch mit dem italienischen Außenminister, „der keine Ahnung hatte, wo Vancouver liegt“.
Bleibenden Eindruck machte Vancouver bei der Schlußfeier am Sonntag. Allen voran Bürgermeister Sam Sullivan, der im Rollstuhl die olympische Flagge von IOC-Präsident Jacques Rogge übernahm und sie dann auf eigene Weise in Bewegung brachte. Sullivan, seit einem Ski-Unfall mit 19 Jahren gelähmt, fuhr mit seinem motorisierten Rollstuhl über die Bühne, um so der Tradition gemäß die (daran fixierte) Flagge achtmal zu schwenken. Er hatte es daheim auf Parkplätzen geübt.
„Alpines Wildblumenpflücken der Herren“
Auch das Wetter daheim gab sich Mühe. Es wurde auch Zeit. Als Rogge vor einem Jahr die Stätten für 2010 besuchte, zerfloß Whistler, wiederholt zum besten Ski-Resort Nordamerikas gewählt, im warmen Wind aus Hawaii. Es war der schneeärmste Winter seit 1977. Eine Lokalzeitung karikierte den IOC-Chef auf einem verregneten, schneefreien Skihang, wo er auf die Frage nach dem dort vorgesehenen Wettbewerb die Auskunft erhielt: „Alpines Wildblumenpflücken der Herren.“ Dieses Jahr aber zeigte der kanadische Winter, was er kann. 469 Zentimeter allein im Januar bedeuteten in Whistler den größten Schneefall seit Beginn der Aufzeichnungen.
Das größte Bauprojekt für die Spiele ist der knapp eine halbe Milliarde Euro teure Ausbau der „Sea to Sky“-Autobahn von Vancouver ins 125 Kilometer entfernte Whistler. Der Ausbau wird nur manchmal von klagenden Anwohnern gestört oder von einem Gesetz, das zwei Weißkopfseeadler, die in einer Fichte auf dem Mittelstreifen brüten, vor Störungen schützt. Viele Sportanlagen stehen aber schon, die anderen sollen spätestens 2008 fertig sein. Darunter zwei Skischanzen, die nach Gebrauch demontiert werden, damit sie nicht die Landschaft verschandeln. Skispringen ist so ziemlich die einzige Sportart, in der sich Kanada keine Medaillenchance ausrechnet.
Befürchtung von explodierenden Kosten im Alltag
Wie begeistert die Bewohner für die Spiele seien, schildert Maureen Douglas, die das OK-Büro in Whistler führt. Auf den Straßen des noblen Bergstädtchens im Chalet-Stil feierten bei Vergabe der Spiele im Juni 2003 „um sechs Uhr morgens über 6.000 Menschen auf dem größten Platz“. Allerdings litt die Stimmung zuletzt ein wenig, als OK-Chef John Furlong den Staat wegen steigender Baukosten zur Erhöhung des Budgets um rund 80 Millionen Euro aufforderte.
Bei solchen Nachrichten ist in Kanada sofort die Erinnerung an die Sommerspiele 1976 präsent. Sie trugen den Bürgern von Montreal Schulden von über zwei Milliarden Euro ein, die erst in diesem Jahr getilgt sein werden. Davon ist Vancouver zwar weit entfernt, doch äußerten Ökonomen die Befürchtung, die seit Jahren rasch wachsende Wirtschaft der Provinz British Columbia könne durch die Spiele überhitzen, bis hin zu explodierenden Kosten im Alltag.
Einen Olympiasieger hat Vancouver schon, ihn dürften Geldsorgen nicht plagen. Dale Begg-Smith gewann Gold im Freestyle-Ski, nachdem er es als 13jähriger Existenzgründer mit einer Agentur für Erfolgskontrolle von Internetwerbung zum Millionär gebracht hatte. Heute ist er 21, Lamborghini-Fahrer, sportverrückt und reich - aber doch kein ganz typischer junger Mann aus der Einwandererstadt Vancouver. Begg-Smith ist nämlich als Sportler Auswanderer. Seit er 15 ist, startet er für Australien.