14.11.2008 · Das Jahr begann mit der Hoffnung auf ein Sommermärchen. Aber Blech für den Silberfisch, der verstummte Fußball-Trainerstar und der gedopte radelnde Kaminkehrer deprimierten Österreich. Nun hofft der Sport auf ein Wintermärchen.
Von Siegfried Lützow, WienEs war die Ahnung eines kommenden Sommermärchens. Mitte April wurde Österreichs Starschwimmer Markus Rogan, der sich wegen seiner vielen, durchaus ehrenwerten zweiten Plätze schon Silberfisch nennen lassen musste, in Manchester Kurzbahn-Weltmeister über 200 Meter Rücken – in Weltrekordzeit. Rogans Gefährtin, eine ehemalige Miss Austria, weinte auf der Tribüne vor Freude. Ein schönes Versprechen für Olympia.
Die Wartezeit bis zur Einlösung in Peking versüßte völlig unerwartet die österreichische Fußball-Nationalmannschaft. Die hat sich im Juni bei der Heim-EM vielleicht auch zur eigenen Verwunderung nicht blamiert. Sie hielt sich jedenfalls mit einem Tor und einem Punkt, errungen gegen Polen, länger mit Aussichten aufs Viertelfinale im Turnier als Co-Gastgeber Schweiz. Vor dem letzten Vorrundenspiel gegen Deutschland vermeinte man sogar ein leichtes Zittern beim beliebten Gegner wahrzunehmen. Die „Wien wird Cordoba“-Gesänge verstummten erst, als Michael Ballack seinen Freistoß ins österreichische Tor getreten hatte. Für Genugtuung sorgten dann wenigstens die Spanier im Finale.
„Herzog ist doch kein Assistent, er ist ein starker Partner“
Kaum dass das allgemeine Schulterklopfen abgeebbt war, radelte ein niederösterreichischer Schornsteinfeger bei der Tour de France, wie noch nie ein Österreicher vor ihm bei der Tour de France geradelt war. Bernhard Kohl wurde nicht nur Bergkönig, sondern auch Gesamtdritter, in einem deutschen Team zwar, aber dafür vermeintlich blütensauber. Und während Kohl landauf, landab gefeiert wurde, während sich Landeshauptleute in rotgepunktete Bergtrikots zwängten oder den sympathischen Burschen mit bleibenden Werten beglückten (Goldener Wiener Rathausmann), wärmte wieder der Fußball die nationale Seele.
Verbandspräsident Friedrich Stickler gelang es, Karel Brückner, Klekipetra, den weißen Vater des tschechischen Auswahlkicks, aus der Rente zu locken. Dass der bald 69 Jahre alte Nachfolger von Josef Hickersberger seinen eigenen Assistenten, den Slowaken Jan Kocian, mitbrachte und Hickersbergers Co., Rekordteamspieler Andreas Herzog, gekonnt ins Abseits lobte („Herzog ist doch kein Assistent, er ist ein starker Partner“), war kaum der Rede wert.
Miss Austria weinte wieder, allerdings über Platz vier
Schon beim Debüt des beherzt auf Deutsch radebrechenden Olmützers wurde Italien, trotz der EM-Pleite immer noch Weltmeister, Mitte August in Nizza ein 2:2 abgerungen. Die Österreicher erzielten dabei gar alle vier Tore. Als dann zum Auftakt der WM-Qualifikation der Weltmeisterschaftszweite Frankreich ganz ohne Eigentor mit 3:1 besiegt wurde, hob das Forschen nach Brückners Erfolgsgeheimnis an. Präsident Stickler konnte nicht anders, als sich ausdauernd auf die Schulter zu klopfen.
Freilich war da schon die sportliche Stimmung ein wenig getrübt, denn die olympischen Versprechen waren nicht eingelöst worden. Die Miss weinte wieder, allerdings über Platz vier und Blech für Rogan im Finale über 200 Meter Rücken. Und auch sonst wurde der Schadenfreude über anfängliche deutsche Misserfolge in Peking schnell der nährende Boden entzogen. Am Ende kehrte Österreichs Mannschaft mit einer Silbermedaille und zwei Bronzenen heim. Das heimliche österreichische Gold, das der Niederösterreicher Matthias Steiner für Deutschland erstemmte, wurde als Trost begriffen.
Jähes Ende beim Forschen nach Brückners Rezept
Und sportlichen Trost, das sollten die folgenden Monate zeigen, hatte die Nation bitter nötig. Die Serie der Enttäuschungen eröffneten die Fußballer, die nur vier Tage nach dem Triumph über Frankreich in Litauen 0:2 verloren. Das Forschen nach Brückners Erfolgsgeheimnis fand ein jähes Ende, wenig später wurde schon nach den Versäumnissen geforscht, zumal nach dem 1:1 bei den wackeren Färingern. Gut, Hickersberger hatte einst gegen die Färöer legendenbildend 0:1 verloren, aber von Brückner war doch ein Sieg erwartet worden. Und auch, dass er als österreichischer Coach zuweilen österreichische Fußballer mit seiner Anwesenheit bei Meisterschaftsspielen beglückt.
Der nach Ernst Happel wohl bestverdienende Teamchef vergaß mit einsetzender Kritik auch noch die letzten Brocken Deutsch und zog sich im Übrigen in sein Häuschen bei Olmütz zurück, um DVDs zu studieren. Präsent war er, als es die Serben in Wien mit einem 3:1 bewenden ließen. Seit Österreichs Hoffnungen auf eine Teilnahme an der WM 2010 in Südafrika derart minimalisiert wurden, regt sich auch teamintern Widerstand gegen den neuen Chef. Brückner spreche nicht mit den Spielern, er lasse den beliebten Konditionstrainer, den Engländer Roger Spry, der die Basis für die halbwegs unbeschadet überstandene EM gelegt hatte, links liegen, sogar noch weiter links als Herzog. Verbandspräsident Stickler zitierte Brückner zum Rapport, es wurde eine milde Aussprache mit anschließenden Drohungen gegen die Spieler.
Spätestens Ende November soll Kohl Hintermänner nennen
Das Interesse der Öffentlichkeit galt zu diesem Zeitpunkt aber schon wieder dem Bergkönig, der leider doch nicht so blütenrein in sein Trikot geklettert war. Das ergaben Nachtests von kurz vor und während der Tour gezogenen Dopingproben. Zwei Tage nach Bekanntwerden zweier positiver – also äußerst negativer – Ergebnisse gestand der 26-jährige Radfahrer unter Tränen seine Fehltritte und gelobte umfassende Aufklärung. Seinen ehemaligen Teamchef bei Gerolsteiner, Hans-Michael Holczer, exkulpiert Kohl umgehend, vielleicht auch, um angedrohte Schadenersatzklagen abzuwenden.
Damit war der Geschichte schon der richtige Spin gegeben, Kohl durfte als unschuldiger Bub, der in den Fängen skrupelloser Drogenhändler einmal (gut, zweimal) schwach geworden war, durch den Boulevard klettern. Und wer hätte nicht dafür Verständnis, dass er den ersten Termin für eine Anhörung vor der nationalen Antidopingagentur wegen Urlaubs mit der in Freud und Leid treuen Freundin absagen musste? Spätestens Ende November soll Kohl, dessen Manager Stefan Matschiner weiter munter Sponsoren an Land zieht, seine Hintermänner nennen.
Ergebnisse in der „Affäre Humanplasma“ werden erwartet
Da könnte zum Thema Doping einiges zusammenkommen, denn für den Spätherbst werden auch Ergebnisse der Ermittlungen in der sogenannten „Affäre Humanplasma“ erwartet. Die ist schon seit Januar im Schwange, als Gerüchte auftauchten, dass deutsche und österreichische Sportler über Jahre und gleich zu Dutzenden in einem Wiener Plasmaspendezentrum vorstellig geworden seien, um ihr Blut tunen zu lassen. Die Befürchtungen, die Ermittlungsergebnisse nach Anzeigen gegen diverse Ärzte könnten dürr ausfallen, sind berechtigt. Schließlich war genau ein Beamter mit der Sache beschäftigt.
Der Fokus der schwer geprüften Sportnation Österreich ruht mit Herannahen des Winters aber ohnehin längst auf jenen Sportarten, die Versprechen einzulösen pflegen. Dass beim alpinen Weltcupauftakt in Sölden ausgerechnet die Schweizer einen Riesentorlauf-Doppelsieg feierten und Heros Hermann Maier nicht einmal die Qualifikation für den zweiten Durchgang schaffte, sorgt nur für leichte Verunsicherung. Alpine Siege werden als unausweichlich angesehen. Triumphe der „fliegende Boy Group“ genannten Skispringer ohnehin. Schließlich ist und bleibt der Winter die beste Jahreszeit für Märchen.
vielen dank
Jörg Klawitter (golonman)
- 14.11.2008, 16:15 Uhr