03.11.2008 · Die „Ericsson 4“ hat die erste Etappe des Ocean Race für Hochsee-Segler gewonnen. Skipper Tobias Grael spricht im FAZ.NET-Interview über ein Durchschnittstempo von 45 km/h, Ängste und die Möglichkeiten zum Ausspannen auf hoher See.
Die „Ericsson 4“ hat die erste Etappe des Ocean Race für Hochseesegler gewonnen. Skipper Tobias Grael spricht im FAZ.NET-Interview über Durchschnittsgeschwindigkeiten von 45km/h, Ängste und die Möglichkeiten zum Ausspannen auf hoher See.
Die Segelwelt schaut gerade auf Sie: Ihre Crew von der „Ericsson 4“ hat die erste Etappe des Volvo Ocean Race gewonnen und zweimal auf dem Weg nach Kapstadt einen Geschwindigkeitsrekord für Einrumpfboote aufgestellt. Wie ist das, seine Rennyacht mit vollem Risiko über den Ozean zu steuern?
Ich bin völlig fertig und ausgelaugt. Wir sind alle müde. Das Boot tagelang bei höchstem Tempo durch die Wellen zu prügeln, geht an die Substanz von Mensch und Material. Das ist ein gefährlicher Job, bei dem jeder an Bord hochkonzentriert sein muss. Wer das nicht tut, kann im schlechtesten Fall mit dem Leben bezahlen.
Was heißt es, über 24 Stunden mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 45 Kilometern pro Stunde zu segeln?
Das ist verdammt viel Power für ein Segelboot wie unseres. Überall rumst es dann an Bord, es ist sehr laut, Beschläge krachen, Mast und Segel sind unter unglaublicher Belastung, Tonnen von Gewicht drücken auf die ganze Konstruktion. Viel, viel Wasser läuft über Deck, und wer gerade oben arbeitet, muss jede Bewegung gut bedenken, damit er sich nicht in Gefahr bringt. Das Boot schießt zwar wie ein Torpedo durch das Wasser, aber jede Welle, die auf den Bug prallt, lässt es schwer erschüttern – vor allem, wenn die Bugspitze bei voller Geschwindigkeit in einem Wellental ins Wasser einsticht. Für uns bedeutet das Stress, Stress, Stress. Mein Kollege Guy Salter hat gesagt, so ähnlich stelle er sich den Wiedereintritt des Space Shuttle in die Erdatmosphäre vor.
Haben Sie in solchen prekären Momenten Angst?
Der liebe Gott da oben passt schon auf uns auf. Aber ehrlich gesagt: Man glaubt, irgendwann macht es einen großen Schlag und die ganze Kiste fliegt in die Luft. Und nachts überkommt einen das unsichere Gefühl, ob man nicht gleich auf ein kleines Fischerboot oder einen über Bord gegangenen Container prallt, der fast unsichtbar an der Wasseroberfläche treibt. Also, schön in der Hängematte liegen, wie sich das manche vorstellen, ist nicht drin.
Müssen bei einer so gefährlichen Tempofahrt eigentlich alle elf Segler an Deck ran?
Nein, wir arbeiten immer im Wechsel in Vier-Stunden-Schichten. Uns fehlte ja plötzlich noch unser Trimmer Tony Mutter, der wegen seiner Knieverletzung vor den Kapverden geborgen werden musste. Meistens sind aber vier Segler oben an Deck, steuern, beobachten und trimmen das Boot. Die anderen können ausspannen . . .
Was heißt Ausspannen in diesem Wind- und Wellen-Chaos?
Man wird in seiner engen Schlafnische hin und her geschüttelt. Richtig schlafen kann man natürlich nicht, aber unser Körper ist einigermaßen an das Defizit gewöhnt.
Welche Bedingungen müssen vorherrschen, damit so schnell gesegelt werden kann?
Der Wind muss schräg von der Seite kommen, in unserem Fall war das von Nordwest. Dann ist es noch von Vorteil, wenn die Wellen nicht chaotisch herumschwappen, sondern langgezogen rollen und man sie sogar abreiten kann wie ein Surfer. Das gibt zwischendurch weitere Schubkraft, wenn man sich geschickt anstellt.