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Nowitzki-Interview Hinflug in die neue Heimat

03.10.2006 ·  Am Freitag ist Dirk Nowitzki wieder nach Dallas geflogen - zu seiner inzwischen neunten Saison in der Nordamerikanischen Basketball-Profiliga. Vorher sprach er über hiesige Nachwuchssorgen und die beiden Welten in seinem Kopf.

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Am Freitag ist Dirk Nowitzki von Frankfurt nach Dallas zu seiner inzwischen neunten Saison in der Nordamerikanischen Basketball-Profiliga (NBA) abgeflogen. Mit dem neuen, gerade bis 2011 verlängerten und am oberen NBA-Gehaltslimit dotierten Vertrag von 90 Millionen Dollar ist der 28 Jahre alte Würzburger nach dem bevorstehenden Abtritt von Formel-1-Pilot Michael Schumacher der bestbezahlte Sportler Deutschlands.

Ist die Reise nach Dallas für Sie mittlerweile eher ein Hinflug oder doch noch ein Wegflug?

Inzwischen ist es, muß ich zugeben, mehr ein Hinflug. Ich bin zwar nach wie vor gerne den Sommer über in Deutschland und in Würzburg, vermisse hier aber recht rasch meine Freunde und das Leben in Amiland. Das sind zwei verschiedene Welten in meinem Kopf: die Zeit in der alten Heimat, die ich nicht missen mag, in der ich am liebsten meine Ruhe mag, und die wesentlich intensivere Zeit in den Staaten, wo ich mich ja auch viel länger pro Jahr aufhalte.

Der Sommer war nicht Ihr bester. Erst die Final-Niederlage mit den Mavericks gegen Miami, dann der bescheidene WM-Verlauf in Japan mit dem Nationalteam. Man mußte fast befürchten, daß Sie den Spaß am Sport verlieren. Den Spaß, der Ihnen nach eigener Aussage doch so wichtig ist.

Klar, das war schon alles nicht so doll. Die WM, na ja, das war haarscharf das Minimalziel, Platz acht. Da konnte ich noch so powern, hundert Prozent habe ich nicht erreicht, und achtzig Prozent genügen halt nicht. Aber das mit der Final-Niederlage gegen Miami, das war richtiger Mist, das habe ich noch immer nicht voll verarbeitet und werde ich wohl nie voll verarbeiten. Ich hoffe inständig, daß ich irgendwann einmal diesen verdammten NBA-Titel hole, sonst wird mich das für den Rest meines Lebens verfolgen. Wir hatten so eine Super-Saison, die beste in 26 Jahren Mavericks-Geschichte. So weit war Dallas nie zuvor gekommen. Allein dafür brauchst du 'ne Menge Glück. Aber dieses Finale nach einer 2:0-Play-off-Führung dann 2:4 abzugeben wirft einen Schatten auf die Bilanz. Das hat ehrlich weh getan, und das tut noch immer höllisch weh.

Gab es Vorwürfe, weil Sie vielleicht da oder dort im Spiel anders hätten agieren sollen oder können?

Vom Verein und Umfeld nicht, absolut nicht. Dort war man ja über das Erreichte sowieso froh. Nur in einigen US-Blättern war ich plötzlich nicht mehr der Held, sondern der Depp. Doch Vorwürfe habe ich mir selber genug gemacht. Ich weiß zu genau, wann ich besser hätte schießen oder reagieren oder foulen müssen. Und es war leider so, daß ich exakt in diesen Finals nicht die Treffsicherheit von davor hatte. Das alles mußte ich den Sommer über abhaken, verdrängen, damit ich jetzt wieder fit und frisch durchstarten kann.

Noch ist Ihre an sich makellose Karriere nicht von einem Titel - außer der Meisterschaft mit der DJK Würzburg in der Zweiten Bundesliga Süd anno 1998 - gekrönt. Da fehlt etwas.

Na klar fehlt da etwas, aber es bleibt die Hoffnung, eine Schippe drauflegen zu können. Auch mit dem Team.

Wo ist eher der fällige Titel zu erwarten: in der NBA oder vielleicht in Peking bei Olympia?

Das NBA-Championat klingt wohl etwas realistischer, auch wenn wir erst mal wieder so weit wie in diesem Jahr kommen müssen. Für Olympia wird die Qualifikation ein Brocken. Mann, Peking 2008 wäre das Riesenerlebnis schlechthin, da möchte ich hin. Und da wäre der Titel letztlich sogar egal, da ginge es ums Teilnehmen.

Sie kritisieren immer wieder recht offensiv die Basketball-Bundesliga als "ausländerlastig" sowie den ausbleibenden nationalen Nachwuchs.

Wenn ich sehe, was die Italiener und Spanier bei der WM an neunzehnjährigen Krachern angebracht haben, ist's bei uns dagegen erbärmlich. Aber ich kann keine guten Trainer aus dem Hut zaubern. In Deutschland wird oft noch Basketball geübt wie vor 30 Jahren.

Bundestrainer Dirk Bauermann prangert dieses Problem ebenfalls an. Aber in seinem Bamberger Bundesliga-Team spielen auch nur zwei Deutsche.

Weil er dort unter Druck steht und der nötige Erfolg nur nach dem derzeitigen System der Liga mit den noch bezahlbaren Ausländern zu erzielen ist. Wenn er Achter statt Erster oder Zweiter wird, ist er seinen Job schnell los. Man muß ja sehen, daß unsere jungen Kerle häufig sehr verwöhnt sind. Wenn es mal einen Guten gibt, kommt der mit 16 mit einem Manager an und verlangt 5000 Euro pro Monat, anstatt sich - wie ich es noch gemacht habe - in der zweiten Liga hochzudienen. Ich bin mir aber sicher, daß es ab einem gewissen Level kein besseres Training gibt, als aktiv auf dem Feld mitzuspielen. Möglichst oft, möglichst lange, einfach nur spielen.

Weit vor allen Fußballern sind Sie künftig der bestverdienende deutsche Sportler. Sehen Sie dies auch als eine Verantwortung? Empfinden Sie sich als ein Vorbild?

Ich gehe nicht in die Welt hinaus und sage, ich habe die Vorbildfunktion. Wenn's wirklich darauf ankommt, bin ich nur einer von vielen. Fußball bleibt und ist als Sportart hierzulande viel populärer. Nehmen Sie irgendeinen x-beliebigen Fußball-Bundesligisten, Nürnberg oder so. Dort ist jeder Ersatzspieler bekannter als ich.

Meinen Sie wirklich, daß Sie unbekannter sind als irgendwelche deutschen Fußballer, die sogar bei der letzten WM mitgespielt haben? Unbekannter als zum Beispiel ein Robert Huth?

Als wer? Den kenne ich nicht. Allerdings war es schade, daß ich die WM parallel zu den NBA-Finals kaum erlebt habe. Sommerurlaub war vom 10. Juli an, dem Montag nach dem Endspiel. Wobei ich die grandiosen Nachschwingungen, die ich dann hier mitbekommen habe, die ganzen deutschen Fahnen überall, bis dahin nur vom Amiland kannte.

Das Gespräch führte Jürgen Höpfl

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.10.2006, Nr. 39 / Seite 24
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