Home
http://www.faz.net/-gub-qwds
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

NOK-Präsident Klaus Steinbach „Der Sport muß klarer und selbstbewußter auftreten“

15.09.2005 ·  In zwei Wochen soll ein „Internationales Olympisches Forum“ gegründet werden. Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht NOK-Präsident Klaus Steinbach außerdem über einen gefährdeten Frieden und Foul play.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Der 51 Jahre alte Mediziner und frühere Spitzenschwimmer Klaus Steinbach ist seit November 2002 Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), das sich in dieser Form am 10. Dezember in Köln selbst auflösen soll, um am 20. Mai 2006 in Frankfurt die Fusion mit dem Deutschen Sportbund zum Deutschen Olympischen Sportbund zu ermöglichen. Zuvor aber wird das NOK am 27. September in der Frankfurter Paulskirche noch das „Internationale Olympische Forum“ ins Leben rufen, um der olympischen Bewegung hierzulande eine vernehmliche Stimme zu geben.

Hat das NOK nicht schon genug zu tun gehabt; warum noch eine weitere Veranstaltung?

Welche Aufgaben hat denn ein NOK? Zum einen, das weiß jeder, die Entsendung der Olympiamannschaften, ihre erfolgreiche Teilnahme an Olympischen Spielen. Dazu kommt das Thema olympische Erziehung mit all seinen Facetten. Das ist unsere zweite Säule, da müssen wir aktiv werden. Dies geschieht unter anderem mit dem Forum. Wir wollen zum Auftakt die friedensstiftende Wirkung der olympischen Bewegung diskutieren. Die Idee kam auch beim Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, Jacques Rogge, gut an. Er ist unser erster Gast und spricht zur Frage „Schafft Olympia Frieden?“ Wir wollen das zu einer kontinuierlichen, einmal jährlich stattfindenden Veranstaltung machen. Dies soll wirklich zu einer hochkarätigen Reihe werden.

Olympismus ist eine sperrige Materie.

Es ist nicht immer einfach, für das Thema Interesse zu finden bei Medien und Öffentlichkeit. Aber wir werden übernächste Woche das Ziel, die Paulskirche zu füllen, wohl erreichen.

Wäre die Hauptstadt Berlin nicht ein logischer Schauplatz für das Forum gewesen?

Nach der abgeschlossenen Diskussion über den Standort des NOK, nach der Entscheidung gegen einen Umzug nach Berlin, haben wir ein klares Bekenntnis zu Frankfurt abgegeben. Das untermauern wir mit dem Forum.

Wer interessiert sich denn wirklich für anderes als für olympische Ergebnisse, für Medaillen, Sieger und Verlierer?

Für Erziehung, Bildung und ethische Werte sollte in unserer Gesellschaft immer Platz sein. Es ist natürlich viel einfacher, einen glorreichen Sieg zu verkünden, einen Athleten zu feiern. Das ist aber sehr eindimensional. Wir müssen auch immer wieder über Fair play sprechen, über das Überwinden von ethnischen und religiösen Grenzen, wir müssen ein friedliches Miteinander proklamieren, sonst gerät das in Vergessenheit. Der Sport hat hier große Qualitäten und Möglichkeiten. Das muß man den Aktiven, gerade den jungen, immer mit auf den Weg geben. Sonst bleibt das ein Bemühen im verborgenen. Wir wollen ja nicht Floskeln herunterbeten, sondern uns klar zu unseren Verpflichtungen über die sportliche Leistung hinaus bekennen. Als ehemaliger Spitzensportler und heutiger Funktionär weiß ich, wie wichtig der internationale Austausch ist und wie sehr man für den Erhalt der Werte arbeiten muß.

Sportler sehen doch wohl eher nur einen einzigen Auftrag: Erfolg haben, Medaillen gewinnen.

Athleten denken nicht in jedem Moment daran, daß es nicht nur um reines Leistungsdenken geht. Aber gerade das Leben im Olympischen Dorf und die Nachwirkung dieses Aufenthalts sind für viele Sportler sehr intensive Erlebnisse. Und man hört oft ihre Frage: Kann denn nicht die ganze Welt so friedlich sein wie dieses Olympische Dorf? Dort kommen auch Menschen zusammen, die für Konfliktparteien stehen, die aber in der Lage sind, friedlich miteinander zu leben und auch im Wettstreit, ja, nennen wir es ruhig Streit, fair miteinander umzugehen, zu kommunizieren, an einem Tisch zu sitzen - was außerhalb des Olympischen Dorfs in den Heimatländern unter Umständen durch Mauern oder Stacheldraht verhindert wird. Die friedensstiftenden Initiativen der olympischen Bewegung leben in den Seelen der Athleten weiter. Es bleibt zu hoffen, daß sie diese Erfahrungen weitertragen. Ich habe zweimal als Athlet im Olympischen Dorf erlebt und dann auch wieder als Funktionär, wie einen diese Stimmung einfängt, beeindruckt und motiviert. Athleten blenden das vor ihrem Wettkampf zunächst oft noch aus, das ist ja auch eine Qualität eines Wettkämpfers, alles um sich herum ausschalten zu können. Aber nach dem Wettkampf sind die Empfindungen dafür oft um so stärker.

Friede, Freude - und dann machen Sportler mit Doping und Betrug ihre heile Welt selbst kaputt.

Auch das Olympische Dorf ist keine Insel der Glückseligen, sondern steht nur beispielhaft dafür, daß Frieden möglich ist. Natürlich leben wir in unserer Gesellschaft und im Spitzensport nicht in einem Schlaraffenland, so positiv und angenehm die Eindrücke bei den Olympischen Spielen auch sein mögen. Tatsache ist, daß die vielen, die es ehrlich und fair meinen, es nicht zulassen dürfen, daß die wenigen, die auf unlautere Weise versuchen zum Erfolg zu kommen, auf Dauer damit durchkommen. Die Athleten haben eine Verantwortung, dafür zu sorgen, daß die ethischen Werte nicht hinten runterfallen und die Unehrlichen die Oberhand bekommen. Es ist uns sehr wohl bewußt, daß es immer wieder Foul play gibt im Sport. Aber das Bemühen, dagegen zu kämpfen, ist ungebrochen. Wir wollen alle Maßnahmen ergreifen und ergreifen auch schon sehr viele, das Böse einzudämmen.

Wenn Medien und Zuschauer sich entrüsten über Dopingenthüllungen, bleiben die sogenannten sauberen Sportler oft sehr ruhig. Warum eigentlich, sie müßten doch ebenfalls sehr verärgert sein über betrügerische Gegner?

Die Entrüstung ist sehr wohl vorhanden. Es ist für einen Athleten hochschwierig, sich parallel zu seinem Wettkampf mit solch einem Konflikt auseinanderzusetzen, die Frage ist also, wie er sich äußern kann oder äußern will. Vor einem Wettkampf macht man sich kaum Gedanken über möglicherweise gedopte Konkurrenten. Am besten kann man sich am Ende einer Saison mit all den Dingen auseinandersetzen, die einem nicht gefallen haben. Ich erwarte in der Tat ein lautstärkeres Engagement der sauberen Athleten. Mittlerweile stoßen sie in der Öffentlichkeit, bei den Medien auf offene Ohren. Das müssen sie nutzen. Aber nicht jeder Athlet ist so sprachgewandt wie ein Journalist, der Leitartikel zu dem Thema verfaßt. Das muß man berücksichtigen bei der Beurteilung des Engagements von Aktiven. Aber da sind auch wir gefragt, die Sportorganisationen. Wir müssen die Sportler darin unterstützen, ihre Haltung gegen Doping in Worte fassen und pointiert rüberbringen zu können.

Das große aktuelle Thema des Sports, die Fusion, ist ja unter anderem ein Anliegen von Sportminister Otto Schily. Gerne zeigen sich Politiker bei großen Sportveranstaltungen und mit erfolgreichen Sportlern. Im Wahlkampf sind Sorgen und Nöte des Sports aber gar kein Thema. Können Sie sich das erklären?

Wir haben unseren Forderungskatalog an die politischen Parteien geschickt und von allen für uns nachvollziehbare Antworten erhalten. Das sind noch nicht Zusagen oder Bekenntnisse bis ins letzte Detail. Aber man erkennt sehr wohl, daß sich alle politischen Parteien mit der Bedeutung das Sports befaßt haben. Es ist im Wahlkampf nicht zu einem Thema geworden, aber die Politik sieht im Sport eine wichtige gesellschaftliche Säule, für die Erziehung, für die Gesundheit, für das soziale Miteinander.

Die Autonomie des Sports steht auf dem Papier. Wo berühren politische Entscheidungen das Fundament des Sports?

Ich will zwei Beispiele nennen: Die Komprimierung der Schulzeit von 13 auf zwölf Jahre mag viele Vorteile haben, sie bedeutet jedoch auch, daß der Freiraum am Nachmittag für Training in erheblicher Weise in Frage steht. Und der Ruf nach dem radikalen Wegfall der Ladenschlußzeiten führt ja nicht nur im Familienleben zu Konflikten, sondern auch bei Sportvereinen und Sportveranstaltungen. Wer bis abends arbeitet, kann sein Kind nicht zum Wettkampf fahren, nicht ehrenamtlich im Verein tätig sein. Der Einfluß solcher Einwicklungen auf die Sozialgemeinschaft wird vielfach nicht berücksichtigt.

Wo bleibt der Aufschrei?

Der Sport ist durch die Debatte über die Fusion von NOK und Deutschem Sportbund sehr mit sich selbst beschäftigt. Aber in dem Moment, in dem die Fusion im kommenden Sommer vollzogen ist, muß der Sport viel klarer und selbstbewußter auftreten. Ich gehe davon aus, daß wir diese Fusion hinbekommen. Wenn wir damit dann die Forderungen von Politik, Wirtschaft und Medien erfüllt haben, müssen wir als Vertreter von 27 Millionen organisierten Menschen, als größte Organisation unseres Landes, Stärke zeigen. Wir stehen ja nicht für die wenigen Großverdiener des Sports, sondern für Millionen, die freiwillig und mit Spaß im Sport arbeiten. Diese Menschen brauchen dafür auch die richtigen Rahmenbedingungen. Was wir im Sport dafür tun können, wird gemacht. Schon die Fusion von DSB und NOK steht unter der Maßgabe, die Interessen aller Sportler und Sportverbände zu wahren, gerade die Interessen der kleinen Verbände gilt es zu schützen.

Die Fusion kommt, sagen Sie.

Ich bin sehr entspannt, weil ich sehr zuversichtlich bin. Ich sehe keine Gründe mehr für ernsthafte Widerstände bei den Landessportbünden. Bei den olympischen Fachverbänden gibt es sie ohnehin nicht. Gegen eine Fusion können sich nur noch Ideologen auflehnen.

Das Gespräch führte Jörg Hahn.

Quelle: F.A.Z. vom 15. September 2005
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Stürmer in der Defensive

Von Michael Ashelm

Die Anforderungen an Angreifer haben sich stark verändert – und damit die Auswahl des Personals. Der Stürmertyp, der vorne wartet, bis er bedient wird, stirbt aus. Mehr