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Noah Klieger : Das Glück des Boxers von Auschwitz

Boxen im KZ: „Wir waren keine Gladiatoren, wir wurden nicht umgebracht, wenn wir verloren“ Bild: Foto entnommen aus dem Buch "Der Boxer" von Reinhard Kleist - Carlsen Verlag Hamburg 2012

Noah Klieger überlebte das Vernichtungslager durch das Faustkampf-Faible eines SS-Mörders. Es gab einigen Männern eine kleine Chance zu überleben. Klieger ist der letzte von ihnen. Er erzählt, warum ihre Geschichte verfälscht wurde.

          Noah Klieger ist ein kleiner, kräftiger Mann. Weißes Haar, hellwache Augen. Die Augen eines bald 88-Jährigen, der früher sagte: „Ich war nicht lange jung.“ Und nun hinzufügt: „Heute bin ich jung.“ Ein Frühlingsnachmittag in Berlin. Noah Klieger ist gekommen, um von der Hölle zu erzählen. Und von den Wundern.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          „Es hat niemand Auschwitz überlebt, wenn nicht durch viele Wunder“, sagt er. Eines der Wunder, die ihn überleben ließen, war die Boxleidenschaft von Heinrich Schwarz, dem Kommandanten von Auschwitz III/Monowitz. Dieses Nebenlager, „Buna“ genannt, diente der Versorgung der Chemiefabriken der IG Farben mit Arbeitssklaven, die sich dort, wie Klieger sagt, „totarbeiten sollten“.

          Einige sollten vorher aber auch ihre Mörder unterhalten. Im Boxring. „Die Boxkämpfe waren ein Zeitvertreib für ihn“, sagt Klieger über Schwarz. Er lässt einen Satz folgen, der auch nach siebzig Jahren noch wie ein Schlag zum Kinn ist. Ein Überlebender von Auschwitz sagt über einen später aufgehängten SS-Massenmörder: „Er hat den Sportlern geholfen. Es war gut für ihn. Für uns auch.“

          Vier Lager, zwei Todesmärsche: Noah Klieger, der sich instinktiv zum Boxer machte, um zu überleben, 2013 in Birkenau
          Vier Lager, zwei Todesmärsche: Noah Klieger, der sich instinktiv zum Boxer machte, um zu überleben, 2013 in Birkenau : Bild: picture alliance / Bernd Oertwig

          Die Boxer von Auschwitz: Noah Klieger war einer von ihnen. Er ist der Letzte, der lebt. Es gibt vielleicht keine andere Geschichte vom Leben im Todeslager, die von so vielen Mythen und Märchen umrankt ist. Bücher, Biographien, ein Comic sind über dieses einzigartige Kapitel Sportgeschichte erschienen. Fast alle haben die Kämpfe im Vernichtungslager auf ihre Art dramatisiert - meist als besondere Schikane der SS-Schergen, als zynische Kopie antiker Gladiatorenkämpfe, als Kämpfe auf Leben und Tod.

          Die Wahrheit war banaler. „Wir waren keine Gladiatoren“, sagt Klieger. „Es waren Schaukämpfe. Wir wurden nicht umgebracht, wenn wir verloren hatten. Sonst wären nach einigen Wochen keine Boxer mehr übrig geblieben.“ Die Wahrheit ist: Um zu überleben, musste man nicht gewinnen. Aber man musste boxen.

          „Wer von euch ist Boxer?“

          Die Geschichte begann, als der 16-jährige Noah Klieger, in Straßburg geboren, in Belgien als Mitglied einer zionistischen Untergrundgruppe von der Gestapo verhaftet, im Januar 1943 an der Rampe von Auschwitz-Birkenau eintraf. Als kräftiger junger Bursche gehörte er nicht zu den rund zwei Dritteln der Ankömmlinge, die von Josef Mengele sofort in die Gaskammern geschickt wurden.

          Nach einer ersten Nacht unter freiem Himmel bei minus 25 Grad Celsius, in der Hunderte erfroren, „ging am nächsten Morgen das Tor auf, zwei SS-Leute kamen und brüllten: Wer von euch ist Boxer?“, erzählt Klieger: „Vier haben sich gemeldet.“ Nur zwei waren es wirklich: die Niederländer Sally Weinschenk, ehemaliger Amateur-Europameister im Weltergewicht, und Sam Pots, 19 Jahre, Schwergewicht. Der dritte war Fußballer, Jean Korn, einer der besten Torhüter Belgiens. Der vierte: Klieger. „Dabei war ich kein Boxer. Ich war ein Straßenschläger. In den Schulen waren die jüdischen Schüler oft verprügelt worden. Bis wir eine Gang bildeten und uns wehrten.“

          „Die schicken dich vom Ring in die Gaskammer“

          Es war „so ein Bauchgefühl“, die Hand zu heben. Der Instinkt, das Unerwartete zu tun, um zu überleben. Tricksen, fintieren, vorspielen. Wie ein guter Boxer, der er nicht war. Zum Glück für Klieger sollten die Kämpfe erst Monate später beginnen. Bis dahin zeigte ihm Weinschenk, „wie sich ein Boxer deckt. Und wie er gleitet, immer beide Füße auf dem Boden, um das Gleichgewicht zu behalten, wenn er getroffen wird.“

          Klieger behielt sein Leben lang beide Füße auf dem Boden. Aber das reichte natürlich nicht, um im Ring überleben zu können. Ein Boxer namens Jacko Rason, griechischer Meister im Leichtgewicht, sagte voraus: „Beim ersten Kampf merken die, dass du kein Boxer bist. Die schicken dich vom Ring in die Gaskammer.“ Also schlug er vor: „Für den ersten Kampf gehe ich mit dir in den Ring. Ich lasse dich durch meine Deckung, damit du aussiehst, als wenn du was verstehst vom Boxen. Ich treffe dich auch, aber ich werde nicht richtig zuschlagen.“

          Bilderstrecke
          Reinhard Kleist : „Der Boxer“

          Der Bluff gelang. Klieger bestritt 22 Kämpfe, verlor alle, blieb aber in der Boxstaffel, bis zu ihrer Auflösung im April 1944. Das bedeutete einen halben Trainingstag pro Woche, eine kleine Auszeit von der täglich elfstündigen, mörderischen Zwangsarbeit. Und vor allem: besseres Essen. „Schwarz ließ jeden Abend an seine Boxer einen Extra-Liter Suppe verteilen, richtige Suppe, mit Kartoffeln und Fleisch“ - nicht die übliche „Buna-Suppe“ aus gefrorenen Schweinsrüben. „Die Suppe hat mich fünf, sechs Monate gerettet, sonst hätte ich das Lager nicht überlebt.“

          Der Boxbetrieb entsprach einem Stück Normalität im organisierten Wahnsinn. Er war so perfekt geplant wie das industrielle Töten. Es gab eine Boxhalle mit Ring, Sandsäcken, Punchingballs, Hanteln, Duschkabinen. Und einen Trainer namens Kurt Magatanz, vor dem Krieg deutscher Meister im Halbschwergewicht. Dazu war er auch dreifacher Raubmörder - einer der privilegierten Häftlinge, die nicht als Juden oder als politische Gefangene ins KZ kamen, sondern als Schwerverbrecher. Die SS benutzte sie als Aufpasser.

          „Es wurde ja mit großem Gewichtsunterschied geboxt“

          Die Kämpfe fanden am arbeitsfreien Sonntag statt. Bei Sonne auf dem Appellplatz, wo alle 16.000 Lagerinsassen zusehen konnten; bei Regen in der Halle, wo Platz nur für die 400 SS-Leute war. Man kämpfte nach den gültigen Amateur-Regeln, dreimal drei Minuten, mit Handschuhen und Ringrichter, einem SS-Mann. Er bestimmte am Ende den Sieger. „Die Resultate waren nicht wichtig“, sagt Klieger: „Es wurde ja mit großem Gewichtsunterschied geboxt, bis zu zwanzig Kilo.“

          Stundenlang erzählt Klieger unermüdlich, in seinem kraftvollen, präzisen Deutsch, das er in der Lagerzeit aufschnappte - eine von acht Sprachen, die sein Gedächtnis so sicher speicherte wie all das Erlebte. Er könne einfach nichts vergessen, sagt er: „Mein Gedächtnis ist mein großer Schatz.“ Es macht ihn wütend, wenn statt der Fakten, die sich ihm einbrannten, Märchen über die Auschwitz-Boxer erfunden und weiterverbreitet werden, nur um die Story in ein griffiges Klischee zu pressen.

          „Die haben ihn fast totgeschlagen“

          Vor allem in Filmen wurde die Geschichte wild verfälscht. Schon 1963, als Manfred Krug als Lagerkommandant in „Der Boxer und der Tod“ einen Häftling vor der Exekution bewahrt, um ihn als privaten Sparringspartner zu benutzen. Und noch 2013, als ein französischer Film die Boxer von Auschwitz auf den Versuch der Nazis reduziert, im Ring arische Überlegenheit zu beweisen. Am Ende muss der halb verhungerte Jude Victor „Young“ Perez über 15 Runden gegen einen riesigen Naziboxer antreten - und verlieren, um zu überleben. Solche Boxkämpfe zwischen SS und Häftlingen gab es nur in der Fiktion. Echte sportliche Duelle hätten wenigstens einen Hauch von Chancengleichheit zwischen den Herrenmenschen und ihren Opfern erfordert - die in der Realität nicht existierte.

          Klieger wurde in Auschwitz ein Freund von Perez, dem Fliegengewichtler aus Tunis, 1931 mit 20 Jahren jüngster Profi-Weltmeister der Geschichte. Obwohl als bester Boxer im Stall „der Liebling des Kommandanten“, nahm Perez ein besonders tragisches Ende. Nach einem Fluchtversuch wurde er zwei Wochen lang im berüchtigten „Bunker“ gefoltert. „Die haben ihn fast totgeschlagen“, sagt Klieger. „So lange, bis er nicht mehr klar im Kopf war.“ Beim „Todesmarsch“ aus Auschwitz im Januar 1945, auf dem die vor der Roten Armee fliehende SS 57 000 Häftlinge Richtung Westen trieb (nur 19.000 überlebten), wurde Perez vor Kliegers Augen erschossen. Er hatte die Marschordnung gestört.

          Noah Klieger spricht am 27. Januar 2014
          Noah Klieger spricht am 27. Januar 2014 : Bild: dpa

          Viele Verfälschungen der Geschichte der Auschwitz-Boxer gehen nach Kliegers Meinung auf Salomon Arouch zurück. Manche Überlebende glaubten, „es genüge nicht, die Wahrheit zu erzählen“, beklagt er. „Sie glaubten, dass man die Dinge übertreiben muss, um sie interessanter zu machen. Dabei reicht es, ganz einfach zu erzählen, wie man in Auschwitz lebte und starb. Man muss nichts hinzudichten.“ Als einer der Überlebenden der Staffel lieferte Arouch in den sechziger Jahren einem Hollywood-Regisseur die gewünschten filmreifen Dramatisierungen für den Streifen „Triumph des Geistes“; darunter die Legende, dass es im Ring um Leben und Tod ging.

          Dabei brachte das Boxen in Auschwitz in Wirklichkeit nicht den Tod; sondern eine Chance, ihn hinauszuzögern. „Für mich war es ein Glück“, sagt Klieger. Aus der rund dreißigköpfigen Staffel überlebten nach seiner Erinnerung sieben oder acht, darunter der Torwart Jean Korn, der mit 92 in Brüssel starb. Es ist eine zehnmal höhere Überlebensquote als die des durchschnittlichen Auschwitz-Häftlings.

          „Ich bin wirklich mehr oder weniger das Jahrhundert“

          „Von knapp 1,3 Millionen Juden haben weniger als 50.000 Auschwitz überlebt. Heute sind nur noch ein paar hundert übrig.“ Klieger sieht es seit fast sechzig Jahren als „Mission“, in aller Welt Jüngeren davon zu berichten. „Man kann sich Auschwitz nicht vorstellen. Man kann Auschwitz nicht erklären. Man kann das nur erzählen.“ Am vergangenen Montag, dem jüdischen Gedenktag der Schoah, kehrte er zum Ort des Grauens zurück, um wie jedes Jahr mit Tausenden anderen den „Marsch der Lebenden“ von Auschwitz nach Birkenau zu gehen.

          Im Vorwort zu Kliegers Autobiographie schrieb sein Freund Elie Wiesel, der Friedensnobelpreisträger, der auch in Auschwitz III saß: „Noah Klieger ist die Geschichte dieses Jahrhunderts.“ Klieger stimmt ihm zu: „Ich bin wirklich mehr oder weniger das Jahrhundert. Leider Gottes.“ Er hat vier Lager, zwei Todesmärsche, zwei Jahre Auschwitz überlebt. Nach dem Krieg traf Noah Klieger seine Eltern in einer Straßenbahn in Brüssel wieder - auch sie waren Auschwitz lebend entkommen.

          Er gilt als dienstältester Zeitungsredakteur der Welt

          Drei Jahre nach dem Krieg war Klieger auf der „Exodus“, jenem Flüchtlingsschiff, das eine historische Rolle bei der Gründung Israels spielte - als Besatzungsmitglied, auch da als „der Letzte von ihnen, der noch lebt“. Seit fast sechzig Jahren schreibt er als Sportjournalist (über Basketball, nicht über Boxen) und als politischer Kolumnist für die auflagenstärkste israelische Zeitung Jediot Ahronot. Er gilt als dienstältester Zeitungsredakteur der Welt.

          Mit einem Artikel öffnete er der deutschen Sprache den Weg ins israelische Parlament. 2008 wollte die Bundeskanzlerin in der Knesset auf Deutsch reden, es gab Widerstand in Israels Politik und Öffentlichkeit. „Da schrieb ich einen Leitartikel: Die Merkel soll ruhig Deutsch sprechen. Die Sprache ist an nichts schuld.“ Klieger gilt in Fragen der „Schoah“ als moralische Instanz in Israel. Sein Artikel stimmte die Parlamentspräsidentin um. Die Kanzlerin lud ihn zum Mittagessen ein.

          Die Spuren der Zeit in Auschwitz bleiben bis heute sichtbar
          Die Spuren der Zeit in Auschwitz bleiben bis heute sichtbar : Bild: picture alliance / dpa

          Auch beim Besuch von Joachim Gauck 2012 war er Bankett-Gast. Erst verstand er nicht, warum auf der Einladung unterschiedliche Namen für den Bundespräsidenten und seine Begleitung standen. Dann begriff er und staunte: „Ein protestantischer Pfarrer, der verheiratet ist und mit einer anderen Frau lebt, als Bundespräsident. Komische Sitten heute.“ Er lacht herzlich. Darüber, dass dieses Land heute unpünktliche Züge hat und unfähige Flughafenplaner und einen Bundespräsidenten in wilder Ehe. „Deutschland“, sagt Noah Klieger am Ende des Berliner Frühlingsnachmittags, der eine Reise durch ein Jahrhundertleben war: „Deutschland ist nicht mehr das, was es einmal war.“ Es ist ihm eine Freude.

          Quelle: F.A.Z.

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