02.03.2007 · Leben Jugendliche, die Sport treiben, gesünder als ihre Altersgenossen? Nein, sagen gleich mehrere Studien. In einigen Sportarten wird sogar mehr geraucht und getrunken.
Als der Paderborner Sportwissenschaftler Wolf-Dieter Brettschneider vor sechs Jahren die Studie zum Thema „Jugendarbeit in Sportvereinen“ präsentierte, war er selbst erschrocken. „Es sind fürchterliche Ergebnisse“, sagte der Urheber der Arbeit, „mir tun diese Daten selbst weh.“ Speziell was den Drogenkonsum anbelangt, kam er nach der Untersuchung, bei der Gruppen von zwölf- bis achtzehnjährigen Jugendlichen drei Jahre lang beobachtet wurden, zu ernüchternden Resultaten.
„Aus der Entwicklung der Konsumraten legaler und illegaler Drogen kann nicht abgelesen werden, dass der Sportverein die Kinder gegen Drogen stark macht“, heißt es in der Studie. „In der Entwicklung des Rausch- und Trinkverhaltens unterscheiden sich die Sportvereinsmitglieder nicht von den vereinsdistanzierten Jugendlichen.“ In manchen Sportarten kann sogar ein gegenteiliger Effekt nachgewiesen werden. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass „nirgendwo so viel geraucht und getrunken wird wie im Fußball oder Handball“.
Auf dem Land wird mehr getrunken
Ein niederschmetterndes Resultat für die deutschen Sportorganisationen. Der alte Wahlspruch des Deutschen Sportbundes, „Im Verein ist Sport am schönsten“, bekam einen unguten Beiklang, denn sogar in Bezug auf eine Förderung der körperlichen Entwicklung der Mitglieder und auf die persönlichkeitsformende Kraft meldet die Studie starke Zweifel am positiven Einfluss von Sportvereinen an. Immerhin erhielt aufgrund der Untersuchung die damals relativ neue Aktion der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit dem Titel „Kinder stark machen“ erheblichen Auftrieb (Siehe auch: Harald Schmid im Interview: „Man muss das Denken ändern“).
Eine weitere Studie, die Dissertation der Erziehungswissenschaftlerin Beate Locher von der Universität Heidelberg (2001), geht sogar noch weiter. Die Befragung von Jugendlichen und Übungsleitern kommt zu dem Ergebnis, dass zwar im Alter von 13 Jahren prozentual weniger Vereinsmitglieder als nicht an Vereine gebundene Jugendliche regelmäßig bis gelegentlich Alkohol trinken. Dieses Verhältnis kehrt sich allerdings bei den Sechzehnjährigen um. Besonders in Mannschaftssportarten werde dem Alkohol und da wiederum dem Bier besonders zugesprochen. Beate Lochers Untersuchung, die im Raum Baden gemacht wurde, weist auf ein deutliches Stadt-Land-Gefälle hin: So wird auf dem Land unter den dreizehn- bis sechzehnjährigen Mitgliedern von Sportvereinen deutlich mehr geraucht und Alkohol getrunken als in der Stadt.
Amphetamine machen süchtig
Auf den Einfluss legaler Drogen auf die Bereitschaft, Dopingmittel zu nehmen, verweist der Italiener Alessandro Donati. Der Anti-Doping-Aktivist berichtet von einer Erhebung unter 40.000 Schülern, die einen Zusammenhang zwischen Rauchen und der Einnahme von Dopingmitteln aufzeigt. Laut Donati kommen auf einen Nichtraucher, der Dopingmittel einnimmt, sechzig Raucher, die sich zu chemischen Leistungssteigerern und vermeintlichen Schönmachern hingezogen fühlen.
Sport und Sucht haben viele Verbindungen. Sport selbst kann zur Sucht werden. Nach dem Karriereende sind Berufsathleten aus verschiedenen Gründen suchtgefährdet. Viele vermissen das Hochgefühl von Wettkampf und Erfolg. Andere haben möglicherweise mit dem Leistungssport jahrelang psychische Probleme überspielen können, die nun massiv zurückkehren. Demjenigen, der in seiner Karriere Dopingmittel einnimmt, droht ebenfalls die Abhängigkeit, ob psychisch oder körperlich. Amphetamine machen süchtig. Im „Pot Belge“, dem berüchtigten Schnellmacher im Berufsradsport, sind Kokain und Heroin enthalten.