14.07.2006 · Die Wunden sind fast nicht mehr zu sehen, das Hämatom ist abgeheilt, aber die Spuren, die die Hundezähne in der sportlichen Vita von Nils Schumann hinterlassen haben, sind tief. Das Saisonziel Leichtathletik-EM ist abgehakt.
Von Claus Dieterle, FrankfurtDie kleinen Löcher in der Wade sind fast nicht mehr zu sehen, das schmerzhafte Hämatom ist längst abgeheilt, aber die Spuren, die die Zähne von Nachbars Hund in der sportlichen Vita von Nils Schumann hinterlassen haben, sind viel tiefer.
Das Saisonziel, die Leichtathletik-Europameisterschaften im August, ist kein Thema mehr. Und das nach drei Jahren, in denen sich der Olympiasieger 2000 über 800 Meter nach zwei Achillessehnenoperationen mühsam Schritt für Schritt in Richtung Wettbewerbsfähigkeit zurückgekämpft hat. Dann steht er allen Widrigkeiten zum Trotz im Mai zum ersten Mal wieder auf der Bahn, läuft ganz passabel, macht auch im Training gute Fortschritte - bis der Hund zuschlägt.
Routine im Umgang mit Rückschlägen
Dabei ist Schumann selbst Hundebesitzer. Aber er wollte halt seinen eigenen beim Waldlauf vor den Attacken des anderen schützen. „Ich stand zwischen den beiden, und im Getümmel hat er mich an der Wade erwischt“, sagt Schumann und es klingt, als habe er sich mit der Welt längst ausgesöhnt. Dabei müßte ihm doch vor Zorn der Kamm schwellen. Zwei Wochen konnte er nicht trainieren, auch weil sein Immunsystem nach der Attacke in den Keller ging.
Bei den deutschen Meisterschaften am Wochenende reicht es deshalb nur für einen Einsatz in der 4 x 400-Meter-Staffel der LG Frankfurt, bei der er nach der Trennung von seinem dopingbelasteten Trainer Thomas Springstein vor anderthalb Jahren mit Volker Beck einen neuen Coach gefunden hat. „Ich will meinem Verein zeigen, daß ich wieder da bin.“ Wenn auch nicht so wie geplant. Trotzdem sagt er: „Ich empfinde diesen kleinen Rückschlag als nicht so gravierend.“ Kein Wunder, bei der Leidensgeschichte. Und er erzählt, daß man im Laufe der Jahre so etwas wie Routine im Umgang mit Rückschlägen entwickelt, daß einen solche Dinge eben nicht mehr aus der Bahn werfen. Natürlich ärgert man sich im ersten Moment und fragt sich: „Was ist denn jetzt schon wieder?“
Eine Lex Schumann wird es nicht geben
Schumann macht sich aber auch nichts vor, was seinen aktuellen Leistungsstand anbelangt. „Der Verzicht auf die EM wäre viel schmerzhafter gewesen, wenn ich Topniveau hätte.“ Hat er aber nicht. Schumann hat noch nicht einmal die Norm für Göteborg, die der Deutsche Leichtathletikverband (DLV) auf 1:46,25 Minuten festgesetzt hat. Bisher steht er mit 1:48,02 zu Buche, aber die knapp zwei Sekunden, die noch fehlen, hält der Thüringer, dessen Bestzeit 1:44,16 beträgt, in absehbarer Zeit für machbar. Aber es reicht eben nicht bis zur EM, weil der DLV schon am 17. Juli seinen Kader nominiert.
Und eine Lex Schumann, eine Ausnahmeregelung, wird es nicht geben. Selbst wenn er die Norm in der Tasche hätte, blieben Zweifel. „Ich hätte es zwar versucht, aber ich weiß nicht, ob ich ein EM-Turnier mit drei Läufen durchgestanden hätte“, gibt Schumann offen zu. Er war ja zu seinen besten Zeiten genau das: ein absoluter Turnierläufer. Kein Temporenner, sondern einer, der taktiert, der die Lücke erkennt und der seine Kräfte effizient einsetzt.
Der Schumann hat noch nicht soviel drauf
Davon ist Schumann derzeit weit entfernt. „Wie ein blutiger Anfänger“ ist er sich vorgekommen, als er sich im Mai zum erstenmal wieder auf die Kunststoffbahn gewagt hat. Nachdem er im Februar 2003 das letzte Mal gegen Konkurrenz gelaufen war. „Da kannst du nicht mehr von deiner Erfahrung zehren, das ist alles weg. Du mußt wie Achtzehnjähriger ganz von vorne anfangen. Wie ein komplett neuer Läufer.“ Auch wenn man zehn Jahre älter ist. Er war aufgeregt, unsicher, voller Zweifel. Und natürlich wollte er sich am Anfang lieber hinten im Feld verstecken, einfach nur mitlaufen fürs erste. Bloß hat die Konkurrenz da nicht mitgespielt. Der Name Schumann flößt auch nach so langer Zeit noch Respekt ein. „Keiner wollte an mir vorbei.“
Aber den alten Nils Schumann gibt es nicht mehr. Das haben die Ängstlichen irgendwann auch gemerkt. Dann ist ihm halt so mancher davongelaufen, den er früher locker hinter sich gelassen hat. „Aber auch damit mußt du umgehen lernen“, sagt Schumann, der aber nicht glaubt, daß der Respekt vor ihm gelitten haben könnte. „Die denken: Der Schumann hat noch nicht soviel drauf. Aber die trauen mir schon noch was zu.“
In Ruhe auf ein paar Rennen vorbereiten
Das sollten sie auch, denn Schumann hat in dieser ersten Wettkampfphase gemerkt, daß sein Körper mitspielt, daß vor allem seine Sehnen wieder belastbar sind. Und er ist davon überzeugt, daß er wieder in die Weltspitze zurückfinden wird. Vielleicht hat so ein Hundebiß ja sogar etwas Positives. „Ich hätte in die EM-Vorbereitung sehr viel Energie investieren müssen. Jetzt kann ich mich in aller Ruhe gezielt auf ein paar Rennen vorbereiten.“ Und wenn es eben dieses Jahr nicht klappt, dann bestimmt im nächsten. So denkt einer, der gelernt hat, mit Rückschlägen umzugehen.