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Nicole Leder Die heimliche Chefin

13.10.2007 ·  Im Hause Leder hat Nicole das Sagen. Und spätestens seit diesem Sommer ist sie auch sportlich die Nummer eins in der Ehe der beiden Triathleten. Auf Hawaii soll ein turbulentes Sportjahr erfolgreich zu Ende gehen. Von Steffen Gerth.

Von Steffen Gerth
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Wer dieser Tage nahe Kailua Kona ein Apartment am „Black Sand Beach“ mietet, sucht nicht nur die paradiesische Lage mit Blick auf den Pazifischen Ozean. Er will auch Ruhe. Eine Triathletin, die mehr will, als am Abenteuer Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii teilzunehmen, braucht Ruhe.

Ein paar Kilometer den Alii Drive hinunter, im Städtchen Kona, ist das wichtigste Triathlon-Rennen jedes Jahres allgegenwärtig. Hobbyathleten genießen diese aufgeregte Dreikampfwelt – Nicole Leder hat keine Lust, sich von dieser Szene in der Konzentration stören zu lassen.

Denkwürdige Monate

Am frühen Samstagmorgen wird Nicole Leder zum siebten Mal in ihrer Karriere im warmen Pazifik stehen, wie rund 1500 andere Athleten, in die aufgehende Sonne blinzeln und auf den Kanonendonner warten, der die Hatz über 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen freigibt. Vielleicht wird dieses Rennen für sie der schöne Abschluss eines turbulenten Jahres, in dem Nicole Leder allen beweisen konnte, dass, sportlich gesehen, in der Triathlon-Ehe Leder die Frau längst den Ton angibt. Denn seit seiner Fersenspornverletzung 2003 fand Lothar Leder nie mehr zu seiner Weltklasseform zurück, für Hawaii 2007 konnte er sich nicht qualifizieren.

Dafür hat Nicole im Februar dieses Jahres den Ironman in Malaysia gewonnen, im Juli den Ironman in Frankfurt (Siehe auch: Triathlon: Favoriten geschlagen - Timo Bracht gewinnt Ironman. Gerade das Frankfurter Rennen war für die Leders denkwürdig. Da war dieser Schlussspurt von Nicole, mit dem sie fünfzig Meter vor dem Ziel Andrea Brede noch niederrang und mit dem sie bewies, zu welch psychischer Kraft sie imstande ist. „Es war nur noch der Kopf, der mich vorantrieb. Die Beine wollten nicht mehr“, sagt sie.

Ein positiver Dopingfall wäre ein Desaster

Frankfurt sorgte auch für die größte Krise im Hause Leder. Nicole spricht von „einer gewissen Existenzangst“, ausgelöst durch den von Renndirektor Kurt Denk verbreiteten Verdacht auf Blutmanipulation bei Lothar Leder (Siehe auch: Erfolg vor Gericht für Triathlet Leder ). Erst als herauskam, dass Denks eigener Dopingtest vor dem Wettkampf formale Ungereimtheiten offenbarte, alle Leder-Sponsoren Treue bewiesen und Denk eine einstweilige Verfügung hinnehmen musste, kehrte Ruhe ein im Hause Leder. Die Gründe für die auffälligen Blutwerte sind freilich bis heute unklar.

Ein positiver Dopingfall wäre ein Desaster geworden. Denn die Leders leben seit Jahren gut, weil sie sich bestens als erfolgreiches Triathlonpaar vermarkten, selbst die nun neunjährige Tochter Mia darf zuweilen mit auf die Werbefotos. Jahrelang fungierte Lothar als Star dieses Trios. Er gehört zu den großen deutschen Triathleten der neunziger Jahre – Hellriegel, Zäck und Leder waren die Männer ihrer Zeit und sind immer noch Sportler mit Profil. Doch dass Nicole stets nur im Schatten ihres Mannes gestanden habe, sieht sie nicht so.

Es dominiert Sachlichkeit

Vielmehr gibt sie zu, dass sie gerne den ruhenden Pol dieser Verbindung bildet. Denn die Leders sind ein ungleiches Paar: Hier der ewige große Junge Lothar, für den Triathlon ein Abenteuerspielplatz ist, der Rallyefahren zum Hobby hat, mit Schwung zwei Sportgeschäfte betreibt und so Spitzensport treibt, dass sich Trainingsmethodiker die Haare raufen.

Zuweilen hat man das Gefühl, Nicole schaue sich das wilde Leben ihres Mannes von Ferne an, und sei froh, nicht alles mitmachen zu müssen. Sie sorgt lieber dafür, dass Lothar nicht zu oft im Fast-Food-Restaurant haltmacht, bei ihren öffentlichen Auftritten dominiert Sachlichkeit, und als sie nach ihrem Frankfurter Sieg von einem Radiomann gefragt wurde, ob er denn auch einen Ironman schaffen könne, antwortete sie spaßbremsend: „Nur, wenn Sie zwei Jahre trainieren.“

Wie von überirdischen Kräften getrieben

Seit 1994 ist Nicole mit Lothar Leder zusammen, geheiratet wurde 1999, beide sind heute 36 Jahre alt. Sie gibt zu, dass ihr Mann „ein störrischer Esel ist“. Aber sie vermutet auch, dass gerade diese Ungleichheit zweier Menschen diese Partnerschaft so lange trägt. Beide brauchen sich. Davon werden sie auch erzählen, wenn sie vor Managern Motivationsseminare halten. Gewiss ist das gemeinsame Kind die Grundlage des Stabilitätspaktes der Leders, wenngleich schnell deutlich wird, dass die Abteilung Erziehung von Nicole geleitet wird. Nach Hawaii ist sie trotzdem alleine aufgebrochen, Lothar hütet in Darmstadt-Eberstadt Haus und Kind – seine Frau hat ihm sicherheitshalber auf drei DIN-A4-Seiten geschrieben, woran er dabei alles zu denken hat.

Mag Lothar der Star der Leders sein – Nicole ist die heimliche Chefin. Aber als sie an jenem Julisonntag wie von überirdischen Kräften getrieben den Frankfurter Römerberg hinaufrannte zu ihrem Ironman-Sieg, da riss sie im Ziel den rechten Arm und Zeigefinger nach oben wie zum Signal: Jetzt ist die Chefin auch der Star. Spätestens mit diesem Rennen hat Nicole Leder beweisen, dass sie eine Frau ist, die lange auf ihre Chance warten kann. „Man muss mit mir bis zum letzten Meter rechnen“, sagt sie. Am Samstag, in Kona, will sie unter die besten zehn kommen, bestenfalls als erste Deutsche. Mehr wird nicht drin sein. Zehnte war Nicole Leder auf Hawaii 2004 bereits schon. In jenem Jahr begann der Abschwung ihres Mannes, nach Hawaii war sie auch damals alleine aufgebrochen.

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