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Nicolas Kiefer und Rainer Schüttler : Solange das Feuer brennt

Nicolas Kiefer (r.) und Rainer Schüttler befinden sich im Schlussbogen ihrer Tennis-Karriere Bild: picture-alliance/ dpa

Die 124. Auflage des Tennisturniers in Wimbledon, die an diesem Montag beginnt, könnte für Nicolas Kiefer und Rainer Schüttler die letzte sein. Zurückgeworfen wurden die beiden Deutschen stets aufs Neue - auch in dieser Saison.

          In diesen Tagen fiebern Veranstalter und Zuschauer dem Turnier in Wimbledon ganz besonders entgegen. Die Queen will kommen, zum ersten Mal seit 33 Jahren, als die Tennisschläger noch aus Holz waren und Björn Borg auf dem Londoner Rasen dominierte. Auch Nicolas Kiefer würde sich freuen, Königin Elisabeth II. am kommenden Donnerstag auf der Anlage zu begegnen. „Denn das hieße ja, dass ich in der zweiten Runde bin“, sagt er.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So weit ist es also schon gekommen. Nicolas Kiefer, dessen Anspruch es vor noch nicht allzu langer Zeit war, bei einem Grand-Slam-Turnier die zweite Woche zu erreichen, gibt sich mittlerweile schon mit dem Einzug in die zweite Runde zufrieden. So tief ist der deutsche Tennisprofi in der Weltrangliste gesunken, dass er schon froh sein muss, überhaupt in Wimbledon teilnehmen zu dürfen. Möglich gemacht hat es der gute Wille der Veranstalter, die dem Niedersachsen eine Wildcard überließen, weil er als aktuell 184. der ATP-Rangliste sonst keinen freien Zugang zum Hauptfeld des wichtigsten Rasenturniers gehabt hätte.

          „Das ist ein überwältigendes Gefühl. Man freut sich, dass einen die Organisatoren noch im Hinterkopf hatten“, sagt Kiefer. Die Engländer vergessen eben keinen, selbst dann nicht, wenn sein größter Wimbledon-Erfolg schon eine kleine Ewigkeit zurückliegt. Vor dreizehn Jahren, bei seinem Debüt an der Church Road, war Kiefer auf Anhieb ins Viertelfinale und damit in den Londoner „Last Eight Club“ eingezogen. Ebenfalls in der Runde der letzten acht war 1997 einer, der das Turnier dreimal gewonnen hatte und als dessen möglicher Nachfolger der Teenager aus Niedersachsen gehandelt wurde: Boris Becker war damals knapp dreißig Jahre alt und in der Schlusskurve seine Karriere - so wie Kiefer heute.

          Kiefer, Haas und Schüttler als deutsche „Ü30-Gruppe“

          Weil er am 5. Juli, dem Tag nach dem diesjährigen Herren-Finale, 33 Jahre alt wird, empfindet Nicolas Kiefer die freie Spielberechtigung für Wimbledon als „eine Art Geburtstagsgeschenk“. Vielleicht ist die erste Wildcard, die der Deutsche in seinen 14 Profijahren für ein Grand-Slam-Turnier erhalten hat, aber auch als Abschiedspräsent gedacht: für einen, der seine besten Profijahre längst hinter sich hat, der es von alleine nicht mehr schafft, sich für die großen Turniere zu qualifizieren, aber dessen Name noch so gut ist, dass ihm gerne geholfen wird.

          Nicolas Kiefer, vor zehn Jahren die Nummer vier der Tennisherren, gehört mit Thomas Haas, einst Weltranglistenzweiter, und Rainer Schüttler, ehemals Fünfter, zu jener deutschen „Ü30-Gruppe“, die sich in absehbarer Zeit aus dem Profizirkus verabschieden wird. Vom Alter her steht Kiefer genau zwischen dem 34-jährigen Schüttler und dem 32 Jahre alten Haas, und auch bei der langen Liste der Verletzungen, Erkrankungen und anderen Rückschläge in ihrer Karriere liegen die drei fast gleichauf.

          Zurückgeworfen wurden sie stets aufs Neue - auch in dieser Saison. Schüttler hat sich von zwei Grippeerkrankungen und einer Nebenhöhlenvereiterung erholen müssen, Kiefer ist nach einer Leistenoperation vor wenigen Wochen in den Profizirkus zurückgekehrt, Haas ist nach einer Hüftoperation im Frühjahr noch außer Gefecht gesetzt.

          „Das Wichtige ist, dass der Kopf voll da ist“

          Wie lange können, wie lange wollen sich die drei Jungsenioren noch den Strapazen aussetzen und sich mit ständig nachrückenden Jungstars messen? „Es macht mir halt noch immer Spaß, solange ich mit den Jungen mithalten kann“, sagt Schüttler, der als ältester Profi unter den Top 100 auf Weltranglistenplatz 72 steht und beim Rasenturnier in Queens vor einer Woche erst im Halbfinale gescheitert war. Kiefer, der im ostwestfälischen Halle jüngst den Weltranglisten-Vierzehnten Michail Juschni besiegte, ehe er in Runde zwei am Stuttgarter Andreas Beck scheiterte, fühlt sich trotz der jüngsten Krise gestärkt. „Das Wichtige ist, dass der Kopf voll da ist, die Beine schnell sind und das Feuer brennt.“

          Kiefer steht nun vor seiner dreizehnten Teilnahme in Wimbledon, Schüttler vor seiner zwölften, Haas kommt auf elf. Aber anders als der Niedersachse haben es seine beiden Kollegen auf ihre alten Tage geschafft, bei dem Londoner Grand-Slam-Turnier für Furore zu sorgen: Vor zwei Jahren erreichte Schüttler das Halbfinale und unterlag dem späteren Turniersieger Rafael Nadal, vor zwölf Monaten scheiterte Haas ebenfalls in der Vorschlussrunde am späteren Champion Roger Federer.

          Es kann nur bergauf gehen, wenn ich ordentlich Turniere spiele“

          Während Schüttler nun vor seinem Erstrundenmatch gegen den Russen Dimitri Tursunow sagt, „die Erinnerung an 2008 wird mir eine besondere Motivation sein“, hat Kiefer wenig mehr zu bieten als vage Hoffnung. „Es kann nur bergauf gehen, wenn ich ordentlich Turniere spiele“, sagt er vor seiner Auftaktpartie gegen den spanischen Weltranglistenelften David Ferrer: „Ich muss kleinere Brötchen backen.“

          Wie lange er sich damit begnügen wird, weiß Kiefer selbst nicht; erst recht, weil ihm große Veränderungen ins Haus stehen und er in zwei Monaten erstmals Vater wird. „Was drumherum passiert, steht in den Sternen“, sagt Kiefer, der nicht mehr von Jahr zu Jahr schaut wie früher, sondern von einem Turnier zum nächsten. Nicht anders ergeht es Rainer Schüttler, der ebenfalls mehr als 600 Profimatches auf dem Buckel hat. „Irgendwann werde ich aufwachen und das Gefühl haben, das war's.“ Die 124. Auflage des Wimbledon-Turniers könnte für zwei deutsche Altstars also die letzte sein.

          Quelle: F.A.S.

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