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Neue Präsentationswege : Risikoschach im Boxring

  • -Aktualisiert am

Um Schach spannender zu verkaufen, sollen die Augenbewegungen der Akteure laufend erfasst werden Bild: Rüchel, Dieter

Das Publikum von Schachturnieren verlagert sich immer mehr ins Internet. Die Präsentation ist aber noch nicht ausgereizt. Ein Medienunternehmer will neue Wege gehen und hat den Turniersaal der Zukunft entwerfen lassen.

          War es die Schachpartie des Jahres? Seit Tagen schwelgen Schachkenner in höchsten Tönen von Wladimir Kramniks Schwarzsieg über Jan Gustafsson in Runde zwei der Dortmunder Schachtage. Was heißt Partie? Eine Lektion! Ein Kunstwerk! Jeder Zug des früheren Weltmeisters war ein präziser Schlag und reif für die Lehrbücher. Zur Krönung ließ er sich einen Läufer mit Schach wegnehmen. Bevor der Russe alles mit Zinsen zurückerobern konnte, gab sich sein deutscher Gegner geschlagen.

          Kramnik erzählte hinterher, dass ihm die Ausgangsidee, ein verblüffender Zug mit dem Randbauern, schon vor zwei Jahren gekommen sei, als er die königsindische Eröffnung nicht aus schwarzer, sondern aus weißer Sicht studiert habe. Nach seiner Ankunft in Dortmund stellte er erfreut fest, dass die Variante, in der seine „Bombe“ schlummerte, zu Gustafssons Repertoire zählt. Er brauchte sich nur noch am Computer die wichtigsten Abspiele in Erinnerung zu rufen.

          Hätte Kramnik Königsindisch auch gewählt, wenn die WM-Qualifikation auf dem Spiel gestanden hätte? Die Chance, dass ein hochklassiger Gegner die Gefahr riecht und eine andere Variante dieses risikoreichen Spielsystems ansteuert, wäre ihm vielleicht, ja wahrscheinlich zu hoch gewesen. Aber in einem Einladungsturnier ist das etwas anderes. Das ist der Grund, warum in Dortmund oder zuletzt in Moskau oder Wijk aan Zee das deutlich attraktivere Schach zu sehen ist als in Zweikämpfen um Weltmeisterschaft oder WM-Qualifikation.

          Wer nur Sicherheitsschach spielt oder in unklaren Stellungen lieber Remis bietet, steht rasch ohne Einladungen da. Hochklassige Großmeister gibt es genug. Veranstalter brauchen nur einen Riecher, wer gerade in Spiellaune oder guter Form ist. Kramnik ist es offenbar ebenso wie sein russischer Landsmann Sergei Karjakin und der Ukrainer Ruslan Ponomarjow. Zu dritt führen sie nach fünf von neun Runden mit je 3,5 Punkten die Tabelle an.

          Überstunden im Schauspielhaus

          Nur einen halben Punkt weniger hat der bestplazierte der vier deutschen Teilnehmer, Arkadi Naiditsch. Anders als es seine bisher vier Remis erscheinen lassen, rackert der Dortmunder ohne Scheu vor Risiken. Fast jeden Tag ist seine Partie die längste, obwohl ihn ein entzündeter Insektenstich am Knie plagt und das Krankenhaus ihn dabehalten wollte. Im Schauspielhaus waren sogar Überstunden angesagt, als Naiditsch dem Polen Mateusz Bartel kurz nach 22 Uhr den entscheidenden Fehler entlockte und so zu seinem ersten Sieg kam.

          Naiditschs heroische Kämpfe und Kramniks Perle sind der Stoff, mit dem die deutschen Großmeister Klaus Bischoff und Sebastian Siebrecht als Spiel-Erklärer den mit Kopfhörern ausgestatteten Zuschauern die Nachmittage verkürzen. Zumindest am Wochenende bedienten sie ein volles Haus. Weiterhin kühle, regnerische Tage verheißen auch für die übrigen Runden gute Besucherzahlen. Der langfristige Trend ist allerdings rückläufig. Dass 1.500 Schachliebhaber in die Westfalenhalle pilgern, um Kasparow spielen zu sehen, gilt als nicht wiederholbar.

          Pulsrate und Augenbewegungen

          Das Publikum hat sich zunehmend ins Internet verlagert. Die Dortmunder Schachtage sind in Sachen Netzauftritt Nachzügler statt Trendsetter. Online beschränken sich die Veranstalter auf Nachrichtliches und die Übertragung der Züge. Andere Veranstalter suchen offensiver digitalen Zuspruch. Standard ist inzwischen, dass die Partien online kommentiert werden, meist neben der Landessprache auch in Englisch. Dazu kommen Bewertungen und Analysen von Computern, Livebilder aus dem Turniersaal und nach den Partien aufgezeichnete Statements der Spieler.

          Die Präsentation von Spitzenschach ist damit aber nicht ausgereizt, wenn es nach Andrew Paulson geht. Der amerikanische Medienunternehmer hat die Vermarktungsrechte an den wichtigsten Wettbewerben des Weltschachbundes bis 2016 erworben und dafür mehr als zehn Millionen Euro Preisgeld für Grand-Prix- und Kandidatenturniere, WM-Kämpfe und Weltcup garantiert. Um Schach so spannend wie möglich zu verkaufen, will Paulson die Pulsrate und Augenbewegungen der Akteure laufend erfassen.

          Turniersaal ähnelt einem Boxring

          Wer die Partien verfolgt, soll sich über alle denkbaren Medien austauschen und Prognosen abgeben können. Selbst dass die Spieler vom Brett weg ihre Einschätzungen und Gefühle in Tweets mitteilen, steht zur Diskussion. Rückzugsräume will Paulson abschaffen. Allenfalls auf der Toilette sollen die Großmeister vom Publikum unbeobachtet bleiben. Die Designfirma Pentagram hat in seinem Auftrag den Turniersaal der Zukunft entworfen. Er ähnele vor allem einem Boxring. Die Zuschauer sitzen ringsum. Zumindest das, ein Weltklasseturnier in einem Boxring, ist schon dagewesen: 1992 in Dortmund.

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